US-Truppenabzug aus dem Irak Mission unerfüllt

Sieben Jahre lang waren US-Kampftruppen im Irak stationiert, jetzt ziehen sie ab - und eine blutige Anschlagsserie erschüttert das Land. Dutzende Menschen wurden bei Explosionen getötet. Von Stabilität kann keine Rede sein.

REUTERS

Bagdad - Eine "Explosion der Gewalt" im Irak werde es nicht geben, wenn die Amerikaner ihre Kampftruppen abziehen, versicherte US-Vizepräsident Joe Biden vergangene Woche. Bis Ende August sollen die US-Kampfeinheiten komplett abgezogen sein, am Samstag übergab die letzte Brigade ihre Aufgaben an die irakische Armee.

Doch Bidens Optimismus wird von der bitteren Realität konterkariert. Aufständische und Terroristen haben am Wochenende bei einer Serie von blutigen Anschlägen Dutzende Menschen getötet. Die schlimmste Terrortat ereignete sich in der Nacht zum Sonntag in der südirakischen Hafenstadt Basra. Mindestens 45 Menschen kamen ums Leben, als auf einem belebten Markt im Zentrum der Stadt eine Autobombe, ein Sprengkörper und ein Generator explodierten, berichteten Sicherheitskreise. Weitere 185 Iraker wurden verletzt.

Viele Menschen starben auch in anderen irakischen Städten. In Falludscha detonierte eine Autobombe. In der nordirakischen Metropole Mossul überlebte der Gouverneur der Provinz Ninive einen doppelten Bombenanschlag auf seinen Konvoi unverletzt, zwei andere Menschen wurden getötet.

Beobachter hatten befürchtet, dass Extremisten das Machtvakuum im Land nutzen könnten. Seit Samstag sind die irakischen Sicherheitskräfte offiziell allein für alle Kampftruppen-Aktivitäten verantwortlich. Dazu übergab die letzte amerikanische Kampfbrigade ihre operative Zuständigkeit an eine irakische Division.

Seit Monaten gibt es keine neue Regierung in Bagdad

Bis Ende August will Washington seine Truppen im Land um etwa 15.000 Soldaten reduzieren, die "Kampfoperationen würden eingestellt". Noch 50.000 Amerikaner werden im Land verbleiben, um die irakische Armee auszubilden und zu beraten. Der letzte amerikanische Soldat soll bis Ende 2011 abziehen. Dieses Ziel hatte US-Präsident Barack Obama erst vor wenigen Tagen bekräftigt. Auf dem Höhepunkt des Irak-Konflikts waren 150.000 US-Soldaten in dem Land im Einsatz.

Doch politisch und wirtschaftlich ist das Land heute alles andere als stabil. Mehr als fünf Monate nach der Parlamentswahl im März hat der Irak noch immer keine neue Regierung, die Abstimmung endete in einem Patt. Der amtierende Ministerpräsident Nuri al-Maliki bekräftigte am Samstag seinen Anspruch auf das Amt. Das Vertrauen der Investoren sei durch die Blockade bei der Regierungsbildung nicht beeinträchtigt, zeigte sich Maliki überzeugt. "Wir haben keine Probleme. Die Investitionen sind und werden nicht berührt."

Doch tatsächlich benötigt der Irak für den Wiederaufbau nach Jahrzehnten von Krieg, Sanktionen, wirtschaftlichen Abschwung und Vernachlässigung der Öl- und Gasanlagen dringend Einnahmen aus den Lizenzen für die Gasförderung. Vergangene Woche wurde die Versteigerung von Förderlizenzen um einen Monat verschoben.

"Obama ist ein Heuchler"

Selbst die stockende Regierungsbildung, die wirtschaftlichen Probleme und die Angriffe von Extremisten sollten den Abzug der US-Truppen aber nicht verzögern - dies provozierte scharfe Kritik. Der ehemalige Außenminister des Irak und Vertraute des früheren Diktators Saddam Hussein, Tarik Asis, nannte den amerikanischen Präsidenten einen Heuchler: "Obama überlässt Irak den Wölfen." Die USA müssten länger im Irak bleiben und dürften sich jetzt noch nicht zurückziehen.

Die jüngsten grausamen Anschläge zeigen: Terrorattacken, gezielte Erschießungen und Gefechte gibt es noch immer täglich. Schon während der Parlamentswahlen im März erklärte das amerikanische Militär, es habe keine Gewalttaten gegeben - Journalisten berichteten aber, Dutzende Iraker seien getötet worden. Später musste das Militär dem Sender CNN zufolge einräumen, die Berichte seien korrekt gewesen.

kgp/dpa/Reuters



insgesamt 59 Beiträge
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Stefanie Bach, 08.08.2010
1. Reden muss man
Dass Kriegsführung Probleme löst, wäre eine völlig neue menschliche Erfahrung. Sprache ist die Grundlage zur Verständigung mit anderen (http://www.plantor.de/2009/kann-man-ohne-sprache-denken/).
jeez 08.08.2010
2. Hmm ...
Erklärt mir nochmal jemand was der Sinn des Ganzen war, ausser den militärischen Komplex zu bespassen ?
MyDocAngel 08.08.2010
3. ....dito in Afghanistan
oder Vietnam, oder.... gilt einmal auch für die Bundeswehr... Tote, ob Zivilisten oder Soldaten - es sind Menschen. Das wissen alle Verantwortlichen - welches ist also das wirkliche Ziel? Schutz "Verteidigung" ? Unglaubwürdig. Gibt es deshalb keine Anschläge mehr? Nein! Im Gegenteil. Es ist allein die Gier nach mehr Macht!
Rübezahl 08.08.2010
4. War doch abzusehen.
Was haben Sie denn erwartet. So wird es auch in Afgha sein, nur werden sie da die Taliban an den Hacken kleben haben.
imagine, 08.08.2010
5. Ach
Zitat von sysopSieben Jahre lang waren US-Kampftruppen im Irak stationiert, jetzt ziehen sie ab - und eine blutige Anschlagserie erschüttert das Land. Dutzende Menschen wurden bei Explosionen getötet. Von Stabilität kann keine Rede sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,710757,00.html
Man konnte wohl kaum davon ausgehen dass Iraks Bevölkerung nach sieben Jahren Besatzung von heute auf morgen einem geregelten nine to five Job nachgehen. Ein Weiter so und entsprechend späterer Abzug würde das Problem nur auf später verlegen. Afgahnistan, Irak und viele andere Staaten "funktionieren" nun mal nicht so, wie wir das gerne hätten.
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