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19. August 2010, 17:21 Uhr

US-Truppenabzug

Terrorexperten erwarten Qaida-Comeback im Irak

Von Yassin Musharbash

Der Abzug der US-Kampfeinheiten aus dem Irak ermutigt al-Qaida und andere Terrorgruppen: Sie wollen das Land durch Angriffe auf Polizei und Armee wieder ins Chaos stürzen und neue Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten schüren. Rekruten werden notfalls gekauft.

Berlin - Im Morgengrauen rollten US-Panzer über die Grenze vom Irak nach Kuwait. Zwei Wochen früher als angekündigt haben fast alle regulären US-Kampftruppen an diesem Donnerstag das Land verlassen. In den kommenden Tagen sollen sich auch Tausende Mitglieder von Spezialeinheiten zurückziehen.

Und jetzt? Kann die irakische Armee und Polizei jetzt allein für Sicherheit sorgen?

Rückblick auf Anfang Juni. Es war eine Zahl, die Eindruck machte: Der US-Oberkommandierende im Irak, General Ray Odierno, erklärte damals, dass seine Soldaten und ihre irakischen Kollegen 34 von 42 der bekannten Top-Leute des Terrornetzwerks al-Qaida im Irak "gefangen oder getötet" hätten.

34 von 42: Das entspricht knapp über 80 Prozent. Kein Wunder, dass US-Admiral Michael Mullen optimistisch sekundierte, al-Qaida im Irak sei "zerstört". Schließlich waren erst im April mit Abu Omar al-Baghdadi und Abu Ajub al-Masri die beiden Anführer der Qaida-Filiale getötet worden.

Mittlerweile schätzen Experten den Niedergang des Terrornetzwerks im Zweistromland nicht mehr so dramatisch ein. Al-Qaida im Irak habe praktisch keine zentrale Führung mehr, die einzelnen Zellen arbeiteten unabhängig oder kooperierten lose. Auf diese Weise könne die Mördertruppe zu einer "längerfristigen Bedrohung für den irakischen Wiederaufbau werden", schreibt zum Beispiel Myriam Benraad vom "Washington Institute".

In diese neue Analyse sind etliche große Anschlagswellen eingegangen, die al-Qaida im Irak trotz der Tötung ihrer Anführer in den vergangenen Monaten durchführen konnte. In den letzten Wochen konzentrierten sich die Terroristen dabei vor allem auf irakische Sicherheitskräfte und die Gruppe "Söhne des Irak", die aus den Stammesmilizen hervorgegangen ist, welche sich 2006 unter dem Namen "Erweckungs-Räte" zusammenschlossen, um al-Qaida zu bekämpfen.

Am 18. Juli zum Beispiel tötete ein Qaida-Selbstmordattentäter 45 Anti-Qaida-Milizionäre in Bagdad. Aber auch auf andere Art und Weise dezimiert al-Qaida deren Reihen: Die Terroristen kaufen einige ihrer Gegner schlicht. Al-Qaida bereite sich auf den US-Abzug vor, indem sie Ex-Kämpfer ebenso wie Anti-Qaida-Milizionäre vor die Wahl stelle, sich entweder al-Qaida anzuschließen und im Gegenzug ein Gehalt zu bekommen, oder getötet zu werden, bestätigt Mustafa Alani vom Gulf Research Center in Dubai. "In einigen, wenn nicht in vielen Fällen hatten sie damit Erfolg."

Für al-Qaida ist die irakische Armee eine Besatzungsmacht wie die USA

Der "Guardian" beschrieb diese neuartige Rekrutierungspraxis kürzlich detailliert. Die Söhne des Irak bekommen vom US-Militär 300 US-Dollar im Monat - theoretisch. Doch je öfter sich die Auszahlung verzögert oder gar nicht ankommt, desto mehr Kämpfer nähmen al-Qaidas höheres Angebot an, berichteten Anführer der Söhne des Irak.

Nun hat die letzte große reguläre Kampfbrigade der US-Truppe nahezu komplett das Land verlassen, die Spezialeinheiten folgen in Kürze. Das hoffen al-Qaida & Co ausnutzen zu können. Denn die irakischen Sicherheitskräfte sind weniger effektiv und schlechter ausgebildet und ausgerüstet. Dass die innenpolitische Lage im Irak verfahren ist, spielt al-Qaida ebenfalls in die Hände.

Experten gehen davon aus, dass al-Qaida und verwandte Gruppen künftig verstärkt versuchen werden, eben jene Sicherheitskräfte anzugreifen. "Die Gruppe wird sich durch den Abzug ermutigt fühlen und vor allem in Bagdad zuschlagen", sagt Sajjan Gohel von der Londoner Asia-Pacific Foundation. Erst am Dienstag gab es in der Hauptstadt erneut einen Anschlag auf ein Rekrutierungsbüro der Sicherheitskräfte - die Täter werden bei al-Qaida vermutet.

Al-Qaida hat auch in den vergangenen Jahren schon den neuen irakischen Staat angegriffen und erklärt, das Ziel sei es, "seine Säulen zu erschüttern". Zu diesem Zweck setzten die Terroristen etwa riesige Bomben gegen Ministerien ein. Neu aber ist, dass die irakische Armee und Polizei von den Terroristen als "die neuen Besatzer" dargestellt werden, wie Miryam Benraad festgestellt hat. So soll das Bild al-Qaidas als "Verteidiger des Landes" nach dem Abzug der US-Kampftruppen gefestigt werden.

Al-Qaida stiehlt regelmäßig Blutkonserven

Es ist zwar kaum vorstellbar, dass al-Qaida und ihre Verbündeten den irakischen Staat ernsthaft gefährden können; dafür hat das Netzwerk weder genug Ressourcen noch ausreichend Kämpfer. Aber es zeichnet sich ab, dass die Gruppe widerstandsfähiger ist, als viele Experten angenommen haben. Es gibt etliche schlechte Omen für die Zukunft.

Die meisten Experten glauben, dass sich solche Entwicklungen in den kommenden Monaten verfestigen werden. Denn dass die abziehenden US-Kampftruppen ein Vakuum hinterlassen werden, ist unbestritten - auch wenn Zehntausende US-Truppen im Land bleiben. Diese sollen ihre irakischen Kollegen jedoch nur ausbilden und bei Anforderung unterstützten. Ansonsten werden sie in ihren Unterkünften bleiben.

"Traurige Nächte und blutgefärbte Tage"

Ein weiteres Szenario, das Analysten befürchten, ist ein neuerliches Aufflammen der Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten. Der Gründer al-Qaidas im Irak, der 2006 getötete Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi, hatte alles dafür getan, den Irak in einen sunnitisch-schiitischen Bürgerkrieg zu treiben. Monatelang sah es aus, als würde das gelingen; es gab Tausende Tote. Sarkawi hatte nicht viel gebraucht, um eine Spirale der Gewalt anzuzetteln: Anschläge auf schiitische Pilger und ihre wichtigsten Moscheen genügten.

Sajjan Gohel warnt, dass die Gefahr einer Wiederholung unterschätzt wird. Schließlich gebe es auch schiitische militante Gruppen, die "ungehindert operieren". Im schlimmsten Fall würden sie zurückschlagen, und die Spirale käme womöglich erneut in Gang. In Zeiten, in denen der politische Streit in der Hauptstadt ebenfalls Bruchlinien zwischen Sunniten und Schiiten nachzeichnet, wäre das umso explosiver.

Al-Qaida selbst hält sich unterdessen bedeckt. Seit die Anführer al-Masri und al-Baghdadi getötet wurden, hat das Netzwerk zwar neue Führer benannt - diese aber melden sich bisher kaum zu Wort, vermutlich aus Angst um ihre Sicherheit. Die Gruppe versicherte allerdings, sie werde den alten Kurs fortsetzen und dem Irak weiterhin "traurige Nächte und blutgefärbte Tage" bescheren.

Die Terroristen hoffen nun, dass der Abzug der US-Kampftruppen ihre Schwächung durch den Verlust zahlreicher Führer ausgleicht.

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