US-Vizepräsident Joe Biden Obamas Querschläger

Als Witzbold gestartet, hat sich Joe Biden zu einem US-Vizepräsidenten entwickelt, der seine Macht auch nutzt. Gerade preschte er in Sachen Homo-Ehe vor, der Präsident ist jetzt gefolgt. Es ist nicht das erste Mal, dass Amerikas Nummer zwei die Politik prägt.

US-Vizepräsident Biden: Kumpelig, laut, präsent
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US-Vizepräsident Biden: Kumpelig, laut, präsent

Von , Washington


Es ist noch gar so nicht lange her, da machte in Washington das Gerücht die Runde, US-Präsident Barack Obama werde vielleicht mit Hillary Clinton in den Kampf um seine Wiederwahl ziehen. Nicht mit ihr als Außenministerin - sondern als Kandidatin für den Posten des Vize-Präsidenten. Amtsinhaber Joe Biden, bekannt für loses Mundwerk und grenzwertigen Humor, schien da schon so gut wie abgemeldet.

Doch es ist anders gekommen, ganz anders. Die politische Wetterlage hat sich gedreht.

Ob er sich denn ganz sicher sei, dass Obama mit ihm antreten werde, wurde Biden am vergangenen Sonntag von NBC-Moderator David Gregory gefragt. Biden lachte erst mal eine Runde. Dann: "Da gibt's keine Frage. Das ist nicht mehr zu stoppen. Die haben doch schon 'Obama Biden' auf die Plakate gedruckt."

Kein Zweifel, der 69-Jährige ist sich seiner Sache wieder sicher. Und mitunter treibt er Obama vor sich her. Wie just in dieser Woche.

Es war eben jener Auftritt in der Sonntagstalkshow von NBC-Mann Gregory. Der Moderator fragte nach der Legalisierung der Schwulenehe. Und Biden antwortete frank und frei, wohlbedacht oder nicht: Ja, er fühle sich "absolut wohl" mit der Idee, homosexuellen Partnerschaften "exakt dieselben Rechte, alle Bürgerrechte" zu gewähren wie Heterosexuellen. Da war es raus. Und der Widerspruch da: Der Vize-Präsident entschieden dafür, der Präsident zwar gegen Diskriminierung, aber doch trotzdem gegen die Homo-Ehe.

Bidens Voranpreschen, Obamas Paukenschlag

Jedenfalls galt dies bis zu diesem Mittwoch. Bidens Vorpreschen hatte zwei Tage für erheblichen Wirbel in den Medien gesorgt, im Weißen Haus waren sie alarmiert und verärgert über den - wieder mal - querschießenden Biden. Am Ende aber war klar, dass Obama kaum etwa anderes übrig blieb, als seinem Vize zu folgen.

Und so ließ Obama am Dienstagnachmittag beim TV-Sender ABC um ein Interview nachsuchen. Am Mittwoch wurde es aufgezeichnet, Donnerstagmorgen ausgestrahlt. Darin der entscheidende Obama-Satz: "Für mich persönlich ist es wichtig, voranzugehen und zu betonen, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten können sollten."

Das ist ein Paukenschlag. Ohne Biden, soviel ist klar, wäre das nicht erreicht worden. Zumindest nicht jetzt. Das Magazin "Politico" zitiert Obamas näheres Umfeld: Der Präsident habe diesen Schritt ohnehin eingeplant gehabt, allerdings erst kurz vor dem Demokraten-Parteitag im Spätsommer. Biden habe, so heißt es, die Dinge nun beschleunigt.

Das ist wohl die für Obama freundlichste Deutung der Geschehnisse.

Der Mann der Stunde ist Biden. Dabei hatte noch kürzlich Hillary Clinton den Vize-Job so beschrieben: "Er ist eine Art First Lady, man muss den Präsidenten unterstützen und ihm dienen." Klar ist: Joe Biden würde einen solchen Satz nicht unterschreiben. Er saß immerhin 36 Jahre im US-Senat, er hat sich zweimal (1988 und 2008) um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten bemüht.

Biden ist ein Politiker, der sich nicht gern Vorschriften machen lässt. "In den guten alten Tagen, als ich Senator war, da war ich mein eigener Herr", rief die "New York Times" gerade einen Biden-Satz aus dem Dezember in Erinnerung: "Aber jetzt wird all das, was ich sage, mit der Regierung in Verbindung gebracht. Das hab ich nun kapiert." Biden ist vom Schlage Hol-mir-mal-ne-Flasche-Bier wie Altbundeskanzler Gerhard Schröder. Kumpelig, laut, präsent.

Auch deshalb hat ihn der Intellektuelle, manchmal kühl wirkende Obama an seine Seite geholt. Biden ist für die Wählerstimmen aus der weißen Arbeiterklasse zuständig. Er steht auf aufgemotzte Autos, Politik kann er auf prägnante Sätze verkürzen. Obamas Bilanz? "Osama Bin Laden ist tot, General Motors lebt", ist so ein Biden-Spruch.

Misslungene Witze, vorausschauende Außenpolitik

Allerdings hat der Mann in den vergangenen Jahren auch immer wieder kräftig daneben gelangt. Einen Politiker im Rollstuhl begrüßte er einst mit den Worten: "Steh auf Chuck, zeig Dich!" Als Obama die Gesundheitsreform feierlich unterzeichnete, bemerkte Biden unter Missachtung der offenen Mikrofone und bei Nutzung des F-Wortes: "Das ist ein verdammt dicker Deal!" Obama gefroren da kurzzeitig die Gesichtszüge. Dem irischen Premierminister kondolierte er zum Tod von dessen Mutter: "Gott möge ihrer Seele Ruhe geben." Dann bemerkte Biden, dass nicht die Mutter, sondern der Vater des Gastes verstorben war.

Biden ist nicht entgangen, dass sie im Weißen Haus genervt sind von seinen Ausfällen. Und da kann er durchaus sensibel reagieren. Ein Beispiel: Als er zu Beginn der Regierungszeit bemerkte, Obamas Wirtschaftsplan könne auch scheitern, konterte der Präsident kurz darauf öffentlich: "Wenig überraschend weiß auch ich nicht, was Joe wieder genau meinte." Das ging Biden zu weit, während eines Mittagessens musste sich Obama entschuldigen.

Doch man sollte sich von all dem nicht täuschen lassen. Biden gehört seit seiner Zeit im Senat wohl zu den erfahrensten Außenpolitikern, die Amerika zu bieten hat. Es war Biden, der von Beginn an jenen Strategiewechsel in Afghanistan forderte, auf den letztlich auch der Präsident und mit ihm das gesamte nordatlantische Bündnis eingeschwenkt ist. Bald nach Amtsübernahme Obamas legte Biden seinen Plan "Terrorbekämpfung plus" vor, mit dem er den Fokus auf die Bekämpfung von al-Qaida, die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte und die Stabilisierung Pakistans verlagern wollte.

Die bis dahin gültige Annahme einer engen Verflechtung von Taliban und al-Qaida stellte Biden in Frage, die Aufstandsbekämpfung in Afghanistan sei "von Anfang an eine fehlerhafte Strategie" gewesen: "Das ist wie bei einem Luftballon. Wenn man ihn an einer Stelle zusammendrückt, beult er sich an einer anderen aus." Den Präsidenten warnte er: "Wenn Sie Pakistan nicht in Ordnung bringen, können Sie nicht gewinnen." So zeichnet es Bob Woodward in seinem Buch "Obamas Kriege" nach.

Dass also der Vize seinen Präsidenten mitunter leitet, gilt nicht erst seit Bidens klaren Worten in Sachen Homo-Ehe. Biden selbst scheint noch einiges vorzuhaben. Mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2016 gilt er längst als ein möglicher Obama-Erbe, er wolle sich "keine Türen verschließen", sagt er. Man werde sehen. Sollte er es tatsächlich schaffen, dann wäre er der älteste Präsident aller Zeiten. Keine Frage, Joe Biden würde sich das zutrauen. Und wie.

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BiffBoffo 10.05.2012
1. Der Amerikaner
Tut sich schwer mit dem Verständnis der gleichgeschlechtlichen Liebe. Dabei sind sie doch so Souverän - die Amerikaner. Erlauben in 19 Staaten das Erschießen von Zivilisten durch Zivilisten und wenn man schon so Frei ist kann man in mehreren Staaten auch Jugendliche hinrichten lassen. Ja - der Amerikaner. Schon lange weit Entfernt vom Vorbild der Welt. Da bleibt der rest der Welt nur das hoffen auf den wirklichen gut Mensch der so ein mächtiges Land führen soll.
a.weishaupt 10.05.2012
2. Hoffentlich nicht 2016
Ein offenbar aufgrund seiner schwierigen Kindheit so gewordener männlicher Feminist als Präsident der USA, der sexistischen Unsinn wie VAWA unterstützt, wäre eine Horrorvorstellung.
Steinwald 10.05.2012
3. Cool
Zitat von sysopAFPAls Witzbold gestartet, hat sich Joe Biden zu einem US-Vizepräsidenten gemausert, der seine Macht auch nutzt. Gerade preschte er in Sachen Homo-Ehe vor, der Präsident ist jetzt gefolgt. Es ist nicht das erste Mal, dass Amerikas Nummer zwei die Politik prägt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,832419,00.html
Einfach cool, der Obama. Wie macht der das, dass man ihm wirklich alles nachsieht? Ich auch. Bei seinen Fehlern wie der Fortsetzung der amerikanischen Verbrecherkriege denkt man, naja, das hat ihm der Irre aus Texas eingebrockt. Und bei sowas wie der Homo-Ehe ist man dann nur noch verzückt. Verrückt.
d3speraDO 10.05.2012
4. Vielleicht
hat Obama auch nur Biden vorgeschickt um die Explosionsgefahr dieser Äußerungen abzuwägen, anstatt sich "vorhertreiben" zu lassen
Ostschweiz 10.05.2012
5.
Zitat von sysopAFPAls Witzbold gestartet, hat sich Joe Biden zu einem US-Vizepräsidenten gemausert, der seine Macht auch nutzt. Gerade preschte er in Sachen Homo-Ehe vor, der Präsident ist jetzt gefolgt. Es ist nicht das erste Mal, dass Amerikas Nummer zwei die Politik prägt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,832419,00.html
wird ja auch mal Zeit - etwas verklemmertes in Sachen Sexualität allgemein als die Amis gibts sonst in der westlichen Welt nirgends.... Mitelalterlicher gehts nur noch im Islam zu und her...
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