US-Vorwahlen in South Carolina Obamas Geheimwaffe

Lange hat sich Michelle Obama aus dem Wahlkampf herausgehalten. Doch vor den demokratischen Vorwahlen heute in South Carolina ist sie eine wichtige Helferin geworden, um vor allem die Stimmen Schwarzer zu sichern. In den jüngsten Umfragen liegt der Senator aus Illinois klar vor seiner Rivalin Hillary Clinton.

Aus Charleston, South Carolina, berichtet


Charleston - Vielleicht hätte er sich nicht in die erste Reihe setzen sollen. Am Pult steht Michelle Obama, 150 junge Leute drängen sich in einem kleinen Raum der University of South Carolina in Columbia. Sie soll über ihren Mann reden, den Präsidentschaftsbewerber, aber jetzt redet sie erst mal über Jungs und Mädels. Wie sie das Blaue vom Himmel quatschen können über ihre Pläne im Leben. Und dann kriegen sie am Ende doch nichts hin. "Mädels, hört genau hin", grinst Obama. Sie schiebt das Kinn vor, und fixiert den armen Kerl direkt vor dem Pult in der ersten Reihe: "Was willst Du denn eigentlich erreichen?"

Der Raum brüllt vor Lachen, und später steht der Junge draußen, umringt von seinen Freunden. Die grinsen, klopfen ihm auf die Schulter. Sie scheinen zu sagen: Mann, mit der sollte man sich nicht anlegen.

Michelle Obama ist fast 1,80 Meter groß, gertenschlank - und bekannt für ihre scharfe Zunge. Sie ist Mutter von zwei Mädchen, sechs und neun, und Managerin in einem Krankenhaus in Chicago. Aufgewachsen ist sie in einfachen Verhältnissen, doch sie schaffte es nach Princeton und an die Harvard Law School. Barack hat über sie mal gesagt, er wolle auch US-Präsident werden, damit er wenigstens in der Welt was zu sagen hat - wenn er schon zu Hause immer eine Chefin hat.

Lange war die 44-Jährige kaum zu sehen im Wahlkampf. In Interviews meldete sie sogar Zweifel an, ob das harte Schaulaufen nicht ein zu großes Opfer für ihre junge Familie sei. Schon musste sie sich von der bissigen "New York Times"-Kolumnistin Maureen Dowd vorhalten lassen, sie solle sich bloß nicht als Märtyrerin aufspielen.

Doch in den vergangenen Wochen hat Michelle Obama beinahe täglich Wahlkampfauftritte in South Carolina absolviert. Um die beiden Kinder kümmert sich ihre Mutter daheim. Ihr Ehemann muss den Staat am Samstag gewinnen, um seine Kandidatur in Schwung zu halten.

In der letzten Reuters/C-Span-Umfrage führt Barack Obama mit 38 Prozent der Stimmen vor Hillary Clinton mit 25 Prozent und Ex-Senator John Edwards mit 21 Prozent. Edwards wurde in South Carolina geboren, hat den Bundesstaat bei seiner Bewerbung 2004 gewonnen und setzt beinahe seine letzten politischen Hoffnungen auf ein gutes Abschneiden hier. Obama liegt vor allem vorne, weil Afro-Amerikaner hier bis zur Hälfte der demokratischen Vorwähler stellen werden - und er sich bei denen einen deutlichen Vorsprung erarbeitet hat. Deren Mehrheit sind Frauen. Doch sie müssen auch an die Urne gehen, und das soll Michelle sicherstellen. "Obamas Closer" nennt "Newsweek" sie. Eine, die den Sack zumacht ...

Dabei könnte helfen, dass sie offener über ihre Hautfarbe und deren Herausforderungen redet als ihr Ehemann. Der hat zwar seine Karriere als Sozialarbeiter für junge Schwarze begonnen, aber er hat sich nie offen als schwarzer Bewerber profiliert - weil er keinen Nischenwahlkampf führen wollte. Manchmal stößt er in der schwarzen Gemeinschaft auch auf Vorbehalte. Denn Obama ist, was Amerikaner "biracial" nennen: Sohn einer weißen Mutter aus Kansas und eines Vaters aus Kenia. Aufgewachsen ist er zudem in Hawaii und Indonesien, nicht in den Schwarzen-Vierteln von Chicago wie Michelle.

Ihre Vorfahren kommen gar aus South Carolina - wo einst viele Sklaven aus Afrika ankamen und der erste Schuss fiel im erbitterten Bürgerkrieg zwischen Süd und Nord. Michelle Obama steht in der Kirche ihres Großvaters in Georgetown, und schlägt einen Bogen von Bürgerrechtlerinnen wie Rosa Parks zum Wahlkampf ihres Mannes: "Das waren alles Frauen, die ständig hörten: Jetzt ist nicht die richtige Zeit. Wartet noch ein bisschen." Nun sagten genau das viele auch über die Bewerbung ihres Mannes: Er sei doch erst 46, er solle noch warten. Ihr, dem schwarzen Mädchen aus einfacher Familie, habe man auch gesagt, sie könne das nicht schaffen, als sie sich in Princeton bewarb. Und dann wieder, als sie auch noch nach Harvard wollte. Und nun könne sie, das "kleine schwarze Mädchen", im November sogar die First Lady der USA werden. "Es gibt keine Grenzen, wenn du dich wirklich anstrengst", ruft sie eindringlich. Die Zuhörer nicken, manche haben Tränen in den Augen. Viele springen auf.

Barack Obama sagt solche Sätze auch. Doch er wirkt dabei stets versöhnlich. Der Ton seiner Frau ist schärfer. Sie spricht davon, für "gewöhnliche Leute" wie sie sei es seit Jahrzehnten in den USA nur bergab gegangen. Auch die Studenten an der University of South Carolina fordert sie offen heraus. Sie erzählt, wie sie Obama in einer noblen Anwaltskanzlei kennenlernte, wo sie seine Vorgesetzte war - und wie beide sich gegen das große Geld entschieden. Weil sie morgens noch in den Spiegel gucken können wollten. "Aber manchen jungen Leuten ist ja alles egal, die gehen noch nicht einmal wählen", schüttelt sie den Kopf. Obama schiebt einen halb erstickten Lacher nach. Der klingt wie: "Unglaublich".



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