US-Vorwahlen Obama deklassiert Clinton - McCain macht alles klar

Die Barack-Obama-Festwochen gehen weiter: Jetzt feiert er Siege in Maryland, Virginia und der Hauptstadt Washington. Damit liegt der Senator im Wettstreit um die Delegierten der Demokraten vor Hillary Clinton. Bei den Republikanern hat John McCain die Nominierung so gut wie sicher.

Washington - Um kurz nach acht Uhr abends wird es für Hillary Clinton peinlich. John King, einer der Wahl-Impresarios beim Kabelsender "CNN", steht vor einer dieser elektronischen Anzeigentafeln, auf denen sich jede Wählerregung genau ablesen lässt.

Die Karte von Virginia blinkt hinter King, er fingert unten links in der Ecke herum. Da irgendwo sei doch diese winzige Gegend, in der Hillary Clinton gut abgeschnitten habe. "Clinton erzielt ähnliche Resultate wie Mike Huckabee bei den Republikanern", analysiert King, während er die Ausreißer-Enklave befühlt. Dann drückt er auf die Felder, in denen Barack Obama siegte. Sie breiten sich auf dem Bildschirm aus wie ein Ozean. "Obama gewinnt da, wo die Leute wohnen", sagt King trocken.

Hillary Clinton gleich Mike Huckabee? Huckabee ist der gegen John McCain völlig chancenlose republikanische Ex-Baptistenprediger, der Fragen nach seinen Aussichten auf das Weiße Haus mit dem Satz beantwortet, er glaube halt an Wunder. Hillary Clinton ist niemand Geringere als die ehemalige "First Lady" - die vor wenigen Monaten in Umfragen noch rund 30 Prozent vor jedem anderen demokratischen Bewerber lag.

Doch an diesem Abend wird sie von Barack Obama degradiert wie der krasse Außenseiter Huckabee von John McCain. Nur noch brutaler. In Virginia erhält sie enttäuschende 35 Prozent der Stimmen, Obama 64 Prozent. Dabei hatten sich ihre Berater dort gute Chancen ausgerechnet, weil in Virginia viele weiße Wähler aus unteren Einkommensgruppen leben, unter denen Clinton bislang sehr gut abgeschnitten hat. In der Hauptstadt Washington deklassiert Obama sie mit 75 zu 24 Prozent. Und auch in Maryland, wo wegen Glatteis die Urnen länger offen bleiben, rutscht Clinton böse aus: 60 zu 37 Prozent heißt es dort für Obama.

Clinton verliert kein Wort über ihre Niederlagen

Als am Abend die bitteren Resultate eintrudeln, ist Clinton schon aus den drei Ostküsten-Staaten um den Potomac-Fluss geflohen - auf nach Texas, wo sie am 4. März die Obama-Siegesserie aufhalten will. Sie hält in El Paso eine kämpferische Rede, in der sie mit keinem Wort erwähnt, dass an diesem Tag anderswo Vorwahlen stattfanden. Barack Obama ruft unterdessen in Wisconsin, wo schon nächste Woche abgestimmt wird, Tausenden jubelnden Anhängern zu: "Wir haben in Washington gewonnen. Aber wir ruhen nicht, bis wir auch in Washington den Wandel einleiten. Im Weißen Haus."

Damit hat der dramatische Vorwahlkampf der Demokraten einen Wendepunkt erreicht. Obama ist erstmals seit seinem Auftaktsieg in Iowa der klare Spitzenreiter im Duell. Acht Vorwahlen hat er nun nacheinander gewonnen, insgesamt kann er schon 23 Siege vorweisen - verglichen mit bloß 10 für Clinton. Zum ersten Mal hat der junge Senator aus Illinois mehr Delegierte für den Nominierungs-Parteitag im August zusammengetragen: mindestens 1215 zu Clintons 1190 (nötig sind für die Nominierung 2025).

Dieser Zwischenstand berücksichtigt bereits die "Super-Delegierten" - rund 800 beim Parteitag stimmberechtigte Parteioffizielle, denen Clinton wegen ihrer alten Verbindungen näher steht. Diese können jedoch jederzeit ihre Meinung ändern. Sollte Obama beim Sammeln der Vorwahl-Delegierten weiter davonziehen, könnten auch die "Super-Delegierten" in sein Lager wechseln. Zweifel an seiner Popularität in allen Wählergruppen hat er gestern Abend eindrucksvoll ausgeräumt: Obama siegte bei Frauen, bei Senioren, bei Weißen, in allen Einkommensschichten.

Irrungen und Wirrungen im Clinton-Team

Und die Festwochen für ihn könnten weitergehen. Nächsten Dienstag dürfte Obama bei der Vorwahl in Hawaii, wo er aufgewachsen ist, locker triumphieren. Auch die Abstimmung in Wisconsin am selben Tag scheint das Clinton-Lager bereits aufgegeben zu haben. Zudem scheffelt Obama nach wie vor weit mehr Geld: Rund eine Million Dollar soll er pro Tag an Spenden einnehmen, Clinton kommt allerhöchstens auf die Hälfte. Mittlerweile führt Obama sogar in US-weiten Umfragen, die Clinton bislang stets dominiert hat.

Deren stellvertretender Wahlkampfmanager Mike Henry trat gestern Abend zurück. Ein weiteres Zeichen für die Irrungen und Wirrungen in ihrem Team. Doch die Bewerberin selbst zeigte sich trotzig: "Ich weiß, wie man für euch kämpft", beschwor Clinton die Zuhörer in El Paso. Sie will nun alles auf die großen Bundesstaaten Texas und Ohio setzen, wo am 4. März zusammen fast 400 Delegierte vergeben werden - und wo eine große Zahl hispanischer und einkommensschwacher Wähler aufgerufen ist - eher ihre Klientel. Doch mit jedem Tag ohne Sieg steigt der Druck für Clinton, diese Abstimmungen entscheidend dominieren zu müssen. Die "New York Daily News" unken bereits: "Die einst allmächtige Clinton-Bewerbung beginnt sich anzufühlen wie die letzten Tage von Pompeji."

Doch auch für Obama erhöht sich im Moment des Triumphs der Druck. Die faszinierende Geschichte des Clintonschen Abstiegs hat die US-Medien lange in Atem gehalten. Doch Obamas Vorsprung rückt diesen nun noch stärker in den Fokus. Schon sezieren US-Journalisten kritischer dessen Positionen zur Wirtschaftspolitik, die für Wähler im konjunkturgeplagten Ohio und Texas im Vordergrund stehen werden. In seiner Siegesrede gestern sprach Obama deshalb bereits ausführlich über den Mindestlohn, angeblich unfaire Handelsabkommen und Programme zur Altersvorsorge. Der konservative "Weekly Standard" mäkelte diese Woche gar an Obamas sonst so gepriesenem Redestil herum. Ohne Teleprompter, ätzte das Magazin, sei der gar kein großer Rhetoriker. Dann starre er ständig auf seine Notizen und rede unsicher und stockend.

Mit solchen Scharmützeln muss sich Republikaner John McCain nicht mehr herumschlagen. Durch die Siege in Maryland, Virginia und Washington hat der Senator aus Arizona die letzten Zweifel an seiner Nominierung fast ausgeräumt. Wobei sich sein verbliebener Herausforderer Mike Huckabee aber wacker schlug, in Virginia erreichte er gar 41 Prozent. Dort schnitt er insbesondere bei religiösen Republikanern hervorragend ab. Durch ihr stures Festhalten am chancenlosen Huckabee scheinen diese McCain signalisieren zu wollen, dass er ihre Unterstützung bei der Wahl im November nicht als selbstverständlich nehmen kann.

Deshalb lobt McCain seinen Herausforderer Huckabee in seiner Siegesrede auch betont ausführlich - und konzentriert sich dann ganz auf seine neue Rolle: als Kämpfer gegen die Demokraten. "Die wissen ja noch nicht genau, wer für sie antritt", beginnt er genüsslich, ehe er zu einer Litanei über die angebliche Verschwendungssucht und außenpolitische Naivität der gegnerischen Partei ansetzt. Schließlich stiehlt er gar den Slogan, den Barack Obama geprägt hat. "Auch ich bin voll Feuer und bereit loszulegen", endet McCain grinsend. Er jedenfalls scheint sich schon auf ein Duell mit Obama einzustellen.

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