US-Vorwahlen Wie Obama versucht, Hillary wegzuloben

Sein Vorsprung ist beeindruckend, die Ergebnisse der Nacht sind nicht überraschend: Bemerkenwert ist allerdings, wie vorsichtig Barack Obama seine Position bewertet. Er lobt seine Konkurrentin Hillary in den höchsten Tönen. Womöglich muss er sie am Ende als Vize vorschlagen.

Von , Washington


Washington - Einen Verlierer gibt es im Duell der Demokraten schon jetzt: die Einheit von Zeit und Raum. Die Demokraten leben längst nicht mehr in einer Welt, und das haben sie bei den Vorwahlen in Kentucky und Oregon wieder eindrucksvoll demonstriert.

Den Auftakt macht, gegen acht Uhr abends im mittleren Südosten, die Kentucky-Welt. In ihr leben vorwiegend weiße Wähler, viele mit einfachen Jobs. Hier geht es um Kampf, jeden Tag. Hier kann Hillary Clinton verbal die Ärmel hochkrempeln. "Ihr habt mich nie aufgegeben, weil Ihr wisst, dass ich Euch nie aufgeben werde", bedankt sie sich bei ihren Wählern.

Die ehemalige First Lady hat in Kentucky einen Erdrutschsieg erreicht, 65 Prozent zu Obamas mageren 30. Unter anderem, weil 20 Prozent der Wähler angeben, Hautfarbe spiele bei ihrer Entscheidung eine Rolle – und neun von zehn davon sie wählen.

Später am Abend, gegen elf Uhr: die Welt von Oregon, dem hippen Bundestaat an der Westküste. Hier leben viele liberale, besserverdienende Demokraten; sie gelten als progressiv, sie sind neugierig auf den Wandel, den Obama verspricht - und sie tragen ihn zu einem klaren Sieg, 58 Prozent zu 42 Prozent.

Und dazwischen, um kurz nach zehn Uhr abends: Die Welt von Iowa in der Mitte des Landes, wo sich nach den Vorstellungen der Wahlkampfstrategen Obamas der Kreis schließen soll. Hier begann sein Siegeszug, hier soll er jetzt feiern. Er steht vor 8000 jubelnden Fans und spricht davon, wie seine Botschaft von Wandel und Hoffnung die USA erobert hat. Er ruft: "Wir werden wieder glauben können bei dieser Wahl." Und er verspricht, lange ehe die Resultate aus Oregon eintrudeln: "Die Nominerung ist für mich in Griffweite."

Clinton besiegen - aber ohne ihre Anhänger zu vergraulen

Tatsächlich: Durch den klaren Sieg in Oregon sicherte sich Barack Obama die Mehrheit der Delegierten, die in den Vorwahlen verteilt wurden. Zwar hat er noch nicht die offizielle Zahl erreicht, die für die Nominierung notwendig ist. Bislang sind nicht genug Super-Delegierte, Parteihierarchen mit besonderem Stimmrecht beim Parteitag im August, auf seine Seite gewechselt. Doch das könnten sie in den nächsten Tagen tun. Spätestens aber wohl nach Abschluss der drei verbleibenden Vorwahlen Anfang Juni.

Gleichzeitig ist die Lage für Obama nicht weniger kompliziert geworden. Denn Clintons Triumph in Kentucky erinnert ihn unbarmherzig: Wie kann er die Nominierung erringen, ohne Clintons zahlreiche Anhänger zu vergraulen? In Umfragen in Kentucky erklärten bis zu 40 Prozent der weißen Wähler, eher für den Republikaner John McCain als für Obama stimmen zu wollen. In den letzten Tagen ist von denen auch immer wieder der Sexismus-Vorwurf gegen Obamas Team laut geworden. Das könnte dem schwarzen Senator vor allem das Buhlen um weiße ältere Frauen erschweren – die stehen bislang fast geschlossen hinter ihrer Favoritin Clinton.

Also ist keine Obama-Krönungsmesse in Des Moines zu bestaunen. Eher ein vorsichtiger Spagat. Obamas Team hatte in den letzten Tagen mit dem Gedanken gespielt, eine gewaltige Siegesfeier zu schmeißen – und ihn faktisch zum demokratischen Kandidaten auszurufen. Doch schließlich organisieren sie eher eine größere Wahlveranstaltung.

In seiner Rede preist Obama seine Rivalin so emotional wie selten zuvor: "Senatorin Clinton hat Grenzen eingerissen und Amerika für meine Töchter verändert. Dafür sind wir ihr dankbar." Er reserviert scharfe Worte lieber für den republikanischen Gegner: "George W. Bushs Lobbyisten bestimmen nun den Wahlkampf von John McCain."

Vize-Präsidentin Clinton? Obamas Berater zögern noch

Es geht ihm um Einheit, um Geschlossenheit - und auf diesem Kurs folgt ihm auch seine Rivalin, die bereits früher am Abend sagte: "Wir sind uns einig, dass wir die Partei vereinen und einen Demokraten im November wählen müssen."

Denn vielleicht hat Hillary Clinton trotz aller Durchhalte-Rhetorik schon lange einen anderen Wahlkampf eingeleitet: den um den Posten als Vizepräsidenten. Wenn sie in den verbleibenden Vorwahlen weiter unterstreicht, welch starke Bewerberin mit großer Anhängerschar sie ist – eventuell kann sie dann Obama regelrecht zwingen, ihr ein entsprechendes Angebot zu machen.

Obamas Berater wollen Clinton nicht die Vizepräsidentschaft anbieten. Sie fürchten um ihre Botschaft des Wandels, wenn sie die erfahrene Senatorin so prominent einbinden. Sie wissen, dass ihre Anhänger verbittert sind über Clintons aggressiven Wahlkampf. Und sie trauen ihrem Ehemann Bill nicht.

Aber Hillary Clinton unterstrich gestern wieder: Man muss noch mit ihr rechnen.

Beide Clintons, Bill und Hillary, haben sich immer als "Comeback-Kids" verstanden. Auch nach großen Niederlagen sind sie immer wieder aufgestanden. Sie denken langfristig, selbst wenn ein Comeback diesmal vier Jahre dauerte. Oder acht. Eine erneute Kandidatur 2012. Der Job als Obamas Vize wäre ein gutes Sprungbrett.

Vielleicht sind diese Wochen auch schon die ersten Schritte auf diesem Weg. Denn: Viele Jahre hat Hillary Clinton nach ihrer Rolle gesucht, manche sagen: nach ihrer Identität. Als "First Lady" war sie mal die politische Aktivistin, dann die traditionelle Hausfrau und Mutter, dann die entschlossene Verteidigerin ihres Mannes. In ihrem eigenen Wahlkampf gab sie mal die erfahrene und unantastbare Favoritin. Mal die verwundbare Frau mit Gefühlen. Mal die rücksichtslose Politikerin.

Nun aber spielt sie fast nur noch eine Rolle: die der entschlossenen Kämpferin für ihre Wähler. Das mag martialisch klingen. Aber es klappt im Wahlkampf. Und sie fühlt sich wohl in dieser Rolle, das ist in Kentucky nicht zu übersehen.

Kämpfer hören nicht einfach auf. Sie machen weiter, bis zum Ende. Also mindestens bis zum 3. Juni. Bis dahin muss noch Platz sein für Hillary Clinton in in der Barack-Obama-Welt.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.