US-Vorwahlkampf Die Kennedys adeln Obama

Barack Obama wird oft mit John F. Kennedy verglichen. Jetzt geben ihm dessen Tochter Caroline und Bruder Ted offiziell den Segen. Vor allem Letzterer dürfte, als demokratisches Urgestein, Obamas Rückhalt in der Partei stärken. Dennoch hat die Ehre auch Tücken.

Miami - Die Eilmeldung platzte mitten in die Siegesfeiern. Noch bevor Barack Obama in South Carolina ans Rednerpult trat, um sich in der Ekstase seiner Anhänger zu sonnen, verkündeten die Agenturen einen womöglich noch wichtigeren Sieg: Caroline Kennedy, die Tochter John F. Kennedys, werde Obama offiziell ihren Segen geben. Nur Minuten später - der Kandidat im Saal schwang sich gerade zu rhetorischen Höhen auf - bestätigte Obamas Team das: "Carolines Vater inspirierte diese ganze Nation, nach neuen Grenzen zu greifen."

Es ist natürlich kein Zufall, dass auch Obama selbst oft mit identischen Worten beschrieben wird. Seit seinem fulminanten Siegeszug von Iowa vergleichen sie den Senator aus Illinois mit dem Ex-Präsidenten aus Massachussetts - ein Vergleich, der zwar schwer hinkt und dennoch zieht (und ziert). Und so war es am Wochenende ein enormer Coup für Obama, sich das Kennedy-Votum zu sichern.

Ein doppelter Coup: Heute will sich auch Senator Ted Kennedy - Bruder von JFK, Urgestein der US-Demokraten und, pikantes Detail am Rande, Freund von Hillary Clinton - öffentlich auf Obamas Seite schlagen. Kennedy gilt als einflussreichster Vasall in der Partei, neben John Kerry, dem Kandidaten von 2004, der ebenfalls im Obama-Lager steht.

Es ist ein donnerndes Zeichen an alle, die das Phänomen Obama bisher als Luftnummer abgetan haben, seinen Triumph von Iowa als winterlichen Dusel und sein rassen- wie klassensprengendes Charisma als flüchtige Euphorie. Eine Ohrfeige für alle, die seine Redegewalt loben und ihn zugleich als unerfahrenen Grünschnabel niedermachen. Denn erfahrener und angesehener als der 75-jährige Ted Kennedy ist in Washington kaum jemand. Es ist aber auch ein Schlag für das Partei-Establishment, das nun zähneknirschend zwischen seinen letzten zwei Dynastien wählen muss - den Clintons und den Kennedys.

Clintons gnadenloses Sperrfeuer auf Obama

Seit Monaten hat Obama hinter den Kulissen darauf hingearbeitet, sich den Kennedy'schen Mantel der Geschichte umhängen zu dürfen. "Seit ich mich in dieses Rennen begeben habe, führe ich anhaltende Gespräche mit Ted", bestätigte er noch in der Siegesnacht von South Carolina. Diskretion ist Ehrensache: "Ich überlasse es Ted, das publik zu machen."

Das soll heute in Washington geschehen, bei einem gemeinsamen Auftritt auf dem Campus der American University. Kennedy, so war zu hören, wolle Obama dort zum Symbol der Zukunft über die Vergangenheit erheben. Die Vergangenheit: Das sind natürlich Hillary und Bill Clinton, der neuerdings selbst mehr als Co-Kandidat auftritt denn als Wahlkampfhelfer.

Kennedys Wort hat Wucht. "Endorsements" heißen solche Unterstützungsbekundungen im US-Wahlkampf, und eigentlich sind sie zwar kaum mehr als heiße Luft, vorab eingetütet und dann von den Kandidaten nach einem genauen Zeitplan strategisch "ausgerollt". Dieser Fall aber liegt anders, wie so vieles in diesem tollen, schwindelerregenden Wahljahr.

2004 machte Kennedy Wahlkampf für Kerry, der freilich kein Jota der Obama-Aura hat. Diesmal habe er lange gezaudert, hieß es, auch wegen seiner Freundschaft mit den Clintons. Erst als das Duell in South Carolina zur Schlammschlacht ausgeartet sei, habe er sich entschieden. Das Verhalten der Clintons - die ein gnadenloses Sperrfeuer auf Obama niederprasseln ließen und das Rennen zum Rassenkampf zwischen Schwarz und Weiß herabwürdigten - habe Kennedy "entsetzt".

Der Vater aller "spin doctors"

Hillary Clinton gab sich davon unbeeindruckt: "Es ist wichtig, dass wir diese Kontraste aufzeigen", verteidigte sie ihre harte Linie gegenüber Obama gestern erneut. "Die Vorstellung, dass das Verhalten, die Worte von jemandem tabu sind, so was habe ich in der amerikanischen Politik noch nie gesehen."

Ein bezeichnender Satz. Denn genau das ist ja das Problem der Clintons. Sie spielen, wenn auch oft im Dienste guter Zwecke, nach den alten Spielregeln Washingtons: erbarmungslos, egomanisch und knallhart am Ethik-Abgrund.

Schließlich war es Bill Clinton, der einst das Wort "spin" ins politische Gebrauchsvokabular einführte, mit seinem West-Wing-Guru Dick Morris, dem durchtriebenen Vater aller "spin doctors". Gekrönt wurden diese Methoden 1998 von Clintons klassischer Nichtantwort auf die Frage, ob er über seine Affäre mit Monica Lewinsky gelogen habe: "Das kommt darauf an, was die Bedeutung des Wortes 'ist' ist."

Barack Obama präsentiert sich als Antipode zu solchen Tricksereien. "Wir wollen den Status Quo in Washington von Grund auf verändern", rief er in South Carolina. "Und dieser Status Quo bedeutet im Moment, dass es mit allem, was es hat, zurückschlägt, mit denselben alten Taktiken, die uns spalten und uns von den Problemen ablenken, die die Leute haben."

Für die Republikaner ist Kennedy ein rotes Tuch

Es war seine bisher beste Rede. Auch weil sie, bei aller prosaischer Kunst, erstmals auch von fast wütender Entschlossenheit durchtränkt war, die sich in elegant formulierten, doch unverhohlenen Breitseiten gegen die Rivalen offenbarte. Seine Berater hatten gewarnt, dass ihn seine bisherige Nonchalance zum Schwächling abzustempeln drohe. "Obama riskiert, zum Waschlappen zu werden", sagte auch der alte Clinton-Intimus James Carville.

Obama hat's kapiert. Mit seiner Rede von Columbia - die den Appell an eine geeinte Nation ("jung und alt, reich und arm") mit einem Schlachtruf gegen das "zynische Gerede" der Neinsager verband - positionierte er sich neu: "Er ist stinksauer", staunte der Blogger Ken Layne auf dem Washington-Blog "Wonkette", "und man weiß, so was zieht".

Caroline Kennedy dagegen lobte eher die ätherischen Werte Obamas. In der "New York Times" - deren Kommentarspalte tags zuvor Clinton das Ja-Wort gegeben hatte - pries sie Obama als politischen Erben ihres Vaters: Zum ersten Mal bewege und inspiriere ein Politiker die Leute wieder wie JFK. "Manchmal braucht man eine Weile, um zu erkennen, dass jemand eine besondere Gabe hat, uns dazu zu bringen, an uns selbst zu glauben, diesen Glauben an unsere höchsten Ideale zu binden und uns vorzustellen, dass wir gemeinsam große Dinge tun können", schrieb sie. "Wir haben eine solche Gelegenheit mit Senator Obama." Das muss Clinton auch deshalb schmerzen, da Kennedy in ihrem Wahlbezirk New York wohnt.

Natürlich ist der Name Kennedy keine automatische Fahrkarte zum Sieg. Viele Wechselwähler sehen den linksliberalen Alt-Senator Ted Kennedy eher mit gemischten Gefühlen, und für die Republikaner - denen Obama Stimmen wegschnappen muss - ist er ohnehin ein rotes Tuch. Auch hat sich das "amerikanische Königshaus" der Kennedys längst als genauso ein Macht-Clan entpuppt wie die Clintons und die Bushs. Die Weste der Kennedys ist nicht reiner.

Tod nach dem Vorwahlsieg

Auch sind nicht alle Kennedys für Obama. Flugs verbreitete Clinton eine Erklärung von Kathleen Kennedy Townsend, der ältesten Tochter von JFK-Bruder Robert Kennedy. Die erneuerte darin ihre schon länger bekannte Unterstützung für Hillary Clinton, im Einklang mit ihrem Bruder Robert Kennedy Junior.

Jetzt geht es sowieso erst mal in den "Super Duper Tuesday", wenn am 5. Februar 22 US-Bundesstaaten vorwählen, darunter Kalifornien. "Senatorin Clinton hat, glaube ich, den Vorteil", sagte Obama gestern - zum einen, um sich die Rolle des Underdog zu wahren, zum anderen, weil ihn nun eine wesentlich schwierigere Gemengelage erwartet als bisher. So ist es schier unmöglich, in allen diesen Staaten persönlich Wahlkampf zu machen. Die Clintons dagegen können sich klonen: Hillary heute in Connecticut und Massachusetts, Bill morgen in New Jersey.

Und dann gibt es da noch den Kennedy-Fluch. Diese Familie zieht das Unglück geradezu an - Attentate, mysteriöse Todesfälle, Tragödien. Schon in Iowa machte sich unter manchen Journalisten die Sorge vor einem Anschlag auch auf Obama breit, angesichts der relativ laxen Sicherheitsvorkehrungen bei seinen Auftritten und seines charismatischen Glanzes, der Parallelen zu John und Robert Kennedys letzten Tagen heraufbeschwört. Dessen Mord jährt sich dieses Jahr zum 40. Mal, verübt am 4. Juni 1968 in Los Angeles - am Abend seines Vorwahlsiegs in Kalifornien.