US-Vorwahlkampf Obama gewinnt Mississippi - Gefahr einer Schlammschlacht wächst

Barack Obama hat bei der Vorwahl in Mississippi seine Rivalin deutlich geschlagen. Bis zur nächsten Vorwahl wird jetzt sechs Wochen mit harten Bandagen gekämpft - der Zweikampf könnte eskalieren: Clinton hält an einer Beraterin fest, die Obamas Hautfarbe thematisiert hatte.

Aus Jackson, Mississippi, berichtet


Jackson - Es ist der Abend der demokratischen Vorwahl, Mississippi will Barack Obama zum strahlenden Sieger küren. Doch der ist schon längst wieder fort.

Tagsüber trat er in Pennsylvania auf, wo am 22. April die vielleicht entscheidende nächste Vorwahl stattfindet. Und auch als gegen 20 Uhr sein Triumph im Südstaat feststeht, meldet sich der Senator aus Illinois bloß per CNN-Fernsehschaltung aus Chicago noch einmal kurz bei seinen Wählern. "Es ist ein weiterer Sieg auf unserer Haben-Seite", verkündet er gelassen. Obama sitzt vor einer USA-Flagge, ein Bücherregal ist halb ins Bild gerückt. Er will schon sehr präsidial aussehen.

Hillary Clinton ist am Wahlabend noch nicht einmal mehr im Bild zu sehen. Sie hat den Tag in Pennsylvania verbracht. Per Presserklärung lässt die Senatorin aus New York mitteilen, sie freue sich bereits auf die nächste Abstimmung. Clinton will Obamas erneuten Sieg bloß als eine Zwischenstation darstellen - vor dem großen "Showdown" im April.

Demokratischer Bewerber Obama: Sieg in Mississippi als Weichenstellung?
AP

Demokratischer Bewerber Obama: Sieg in Mississippi als Weichenstellung?

Es ist eine Zwischenstation, die Weichen stellen kann. Nicht nur, weil Obama in Mississippi noch überzeugender gewonnen hat als in den meisten Umfragen prognostiziert: 61 Prozent zu 37 Prozent. Nicht nur, weil er nach dem Sieg am Samstag in Wyoming seinen Vorsprung an Delegierten für den Nominierungs-Parteitag im August weiter ausbaut – laut CNN auf nun 1608 gegenüber 1478 für Clinton.

Obama hat hervorragend abgeschnitten unter den afroamerikanischen Wählern: Von denen wählten ihn mehr als 90 Prozent - der Grundstein für seinen Triumph, denn sie stellten rund die Hälfte der demokratischen Vorwähler in Mississippi.

Sie denken wie Gerard, der in Vicksburg nahe der Hauptstadt Jackson am Straßenrand steht. Gerard trägt einen blauen Anzug, mit passendem Einstecktuch. Aber der Anzug hat schon bessere Tage gesehen, und auch Gerald selbst. Er verkauft Zeitungen an die vorbeifahrenden Autos. Gerard hat klare Ansichten. "Obama, der ist wirklich eine neue Stimme in Washington", sagt er. "Hillary Clinton, das ist wieder mehr von dem Gleichen. Auch für uns Schwarze." Doch haben die Clintons sich nicht immer eingesetzt für schwarze Belange? "Ja, aber nur oberflächlich. Und vor den Wahlen in Januar in South Carolina hat Bill Clinton Obama wie einen kleinen schwarzen Jungen behandelt."

Unter weißen Wählern hat Clinton viel besser abgeschnitten als Obama. Dies zeichnete sich bereits während des Wahlkampfs ab. Clinton sprach in Mississippi überwiegend vor weißen Zuhörern, Obamas Auftritte besuchten vor allem schwarze Zuschauer.

In Pennsylvania könnte sich diese Spaltung fortsetzen. Dort hofft Obama auf afroamerikanische Wähler in großen Städten wie Philadelphia oder Pittsburgh. Clinton hingegen setzt auf weiße und ältere Wähler, vor allem jene, die niedrigere Einkommen haben.

Obamas Hautfarbe wurde am Mississippi-Wahltag zum Thema. Geraldine Ferraro, 1984 die erste weibliche Vizepräsidentschaftskandidatin und Mitarbeiterin in Clintons Finanzteam, erklärte am Freitag in einem Interview: "Wäre Obama ein weißer Mann, wäre er nicht, wo er jetzt ist. Und wäre er eine Frau, auch nicht. Er hat sehr viel Glück, der zu sein, der er ist."

Obama gilt wahrlich nicht als Bewerber, der seine Hautfarbe in den Mittelpunkt stellt. Lange lag der Senator in Umfragen unter schwarzen Wählern hinter Clinton zurück. Das änderte sich erst, als Obama siegte - selbst im fast ausschließlich weißen Vorwahlstaat Iowa. Diese Siege verdankte er nach Ansicht der meisten US-Kommentatoren nicht seiner Hautfarbe, sondern vor allem einem bestens organisierten Wahlkampfteam.

So sehen das auch weiße Wähler in Mississippi. Pam Mottley, eine Uni-Mitarbeiterin mit einem Obama-Sticker an der Jacke, sagt nach dessen Auftritt in Jackson am Montag: "Ich habe mich umgeguckt und die vielen jungen schwarzen Menschen gesehen. Wie inspirierend muss es für sie sein, einen schwarzen Kandidaten zu sehen, den sie nicht bloß wegen seiner Hautfarbe wählen sollen, sondern weil er Amerika mit seiner Persönlichkeit, seiner Bildung, seiner Intelligenz begeistert."

Clinton nannte die Bemerkung ihrer Vertrauten "bedauerlich" - aber macht keine Anstalten, sich von Ferraro zu trennen. Zum Vergleich: Obamas außenpolitische Beraterin Samantha Power hatte in einem Interview mit einer schottischen Zeitung Clinton als "Monster" bezeichnet - und trat vergangene Woche umgehend zurück.

Schon munkeln die Wahlkampfauguren, Clinton wolle demonstrativ an Ferraro festhalten, um bei rustikaleren weißen Vorwählern zu punkten. Es könnte der Beginn einer noch radikaleren Strategie sein, die auch vor heiklen Rassendebatten nicht zurückschreckt - nachdem einige andere Clinton-Vorstöße in den vergangenen Tagen schiefliefen.

Clintons Team hatte gehofft, durch Siege in Ohio und Texas am vorigen Dienstag ihre Bewerbung neu beleben zu können. Doch mittlerweile ist klar, dass Obama in Texas nach Auszählung aller Stimmen mehr Delegierte erhalten wird als Clinton.

Sie wird es schwer haben, und er nicht leicht

Auch deren Argument, sie verfüge über mehr außenpolitische Erfahrung als ihr Rivale, gerät zunehmend ins Wanken. Greg Craig, unter Präsident Bill Clinton Chef des Planungsstabs des US-Außenministeriums und jetzt Obama-Unterstützer, hat gerade in einem Aufsatz Hillarys Erfahrungen als "First Lady" seziert. Craigs vernichtendes Fazit: "Sie bläht ihre Verdienste auf, um mit der nationalen Sicherheit politische Spiele zu betreiben." Selbst der Sexskandal um New Yorks Gouverneur Eliot Spitzer belastet Clinton weit mehr als ihren Rivalen. Sie war nicht nur gut befreundet mit Spitzer - die Bilder von dessen betrogener Ehefrau wecken auch Erinnerungen an die Lewinsky-Affäre, die Clinton beharrlich vergessen machen will.

Clinton wird weiterkämpfen, zumindest bis Pennsylvania. Und vielleicht noch viel länger. Gerade verhandeln die beiden Lager, ob die Abstimmungen in Florida oder Michigan im Juni neu ausgetragen werden sollen. In beiden Staaten fanden zwar schon Abstimmungen statt - aber sie sollen nicht gelten, weil die Bundesstaaten sie gegen die Statuten der Demokratischen Partei vorgezogen hatten.

Vielen Beobachtern graut allmählich vor der drohenden parteiinternen Dauerschlacht. Der "Time"-Journalist Mark Halperin sagte auf CNN: "Wenn Hillary Clinton doch noch die Kandidatin wird, wird sie es sehr schwer haben, die Demokraten wieder zu vereinen. Und wenn Barack Obama der Kandidat wird - was immer noch sehr viel wahrscheinlicher ist - wird er es auch gar nicht leicht haben."

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