US-Vorwahlkampf Wie Charakterkopf McCain die Konservativen umgarnt

Er gilt als tapfer, unerschrocken - und unangepasst. John McCain ist der Anti-Establishment-Kandidat seiner Partei. Wähler schätzen seinen Charakter. Hardliner muss er noch überzeugen. Denn mit seinen liberalen Positionen bricht er mit dem republikanischen Dogma, immer weiter nach rechts zu driften.


Washington - So hört sich eine gespaltene Partei an: Penetrante Buh-Rufe mischen sich mit Applaus, Pfiffe mit lautem Jubel, minutenlang. Und John McCain steht am vergangenen Donnerstag auf dem Podium, hinter ihm ein Dutzend US-Flaggen, vor ihm die Teilnehmer der Konferenz der "konservativen politischen Aktion" in Washington.

McCain bei der "konservativen politischen Aktion" in Washington: Politischer Seiltanz an der Basis
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McCain bei der "konservativen politischen Aktion" in Washington: Politischer Seiltanz an der Basis

Es ist keine drei Stunden her, dass McCains Konkurrent Mitt Romney an ebendieser Stelle seine Präsidentschaftbewerbung beendet und den Weg für McCain freigemacht hat. Der lächelt. Und dann beginnt er einen politischen Seiltanz: Er muss jetzt die Konservativen, die ihn ablehnen oder sogar hassen, von sich überzeugen. Gegen den Widerstand der eigenen Basis kann man keinen Wahlkampf gewinnen.

Aber er darf dabei die Moderaten, die Wähler der Mitte, keinesfalls verschrecken, denn sie haben ihn zur Nominierung getragen. Und am schlimmsten wäre es, die eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren, den Ruf als Mann, der sagt, was er denkt, und denkt, was er sagt. "Ich werde den Rat der Konservativen suchen", verspricht McCain und arbeitet die Themen ab, die den Rechten am Herzen liegen. Er werde konservative Richter ernennen, die Steuersenkungen der Bush-Regierung beibehalten. Seit 24 Jahren setze er sich sowieso gegen das Recht auf Abtreibung ein. Und im Irak werde er eine Niederlage der USA niemals zulassen.

McCain verschweigt, dass er den Klimawandel bekämpfen will. Dass er nichts davon hält, in Naturparadiesen Alaskas nach Öl zu bohren. Dass er nicht will, dass die USA foltern. Er erwähnt nicht, dass er früher George W. Bushs Steuersenkungen vehement bekämpft hat. Der Kotau McCains vor den Rechten ist der Versuch, sie auf neue Pfade mitzunehmen. Aber er versucht ihnen auch klarzumachen, dass ihre Alleinherrschaft vorbei ist. Denn der Weg des Senators aus Arizona zur Nominierung der Republikaner ist auch der Weg zu einer Neuausrichtung der Partei. Weniger ideologisch, vielleicht auch weniger religiös könnte sie werden. McCain ist ein republikanischer Anti-Republikaner – ein unschätzbarer Vorteil in einer Zeit, in der viele Konservative unzufrieden sind mit den Bush-Misserfolgen.

Wildes Kalb ohne Brandzeichen

Maverick wird McCain häufig genannt, ein Maverick ist ein wildes Kalb, das nicht das Brandzeichen der Ranch trägt. McCain gehört zur Partei, ordnet sich ihr aber nicht unter.

1992 war das Mantra des Wahlkampfes von Bill Clinton: "It’s the economy, stupid." Die Wirtschaft stand im Zentrum. 2008 geht es – bei Republikanern wie bei Demokraten – auch um Charakterfragen und die Sehnsucht der Amerikaner nach starker Führung. "It's the character, stupid" müsste der Slogan dieses Jahr heißen. McCain selbst ist die Botschaft, genau wie bei den Demokraten Barack Obama selbst der Wandel ist, von dem er dauernd spricht.

Die Amerikaner wählen McCain nicht wegen seiner Positionen, für die bekommt er in Umfragen lausige Werte. Seine Persönlichkeit aber überstrahlt alles: Die Mehrheit der republikanischen Kriegsgegner wählt den Vietnam-Veteranen, obwohl er notfalls "noch 100 Jahre" im Irak bleiben will. Die Wähler trauen ihm sogar am ehesten zu, die stotternde Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Dabei gibt McCain offen zu, dass Wirtschaftsfragen nicht gerade sein Steckenpferd sind.

Der Nerv der Konservativen

Vor allem konnte er Wähler überzeugen, dass er der richtige Präsident für schwierige Zeiten wäre. "Wir sind im Krieg", sagt Senator George Allen aus Virginia. "John McCain ist der beste Mann, um diesen Krieg zu führen. Er hat das Wissen und die Entschlossenheit." Sein Senatorenkollege Tom Coburn aus Oklahoma bekräftigt: "Er ist ein Mann mit Mut und Charakter."

Jemand, der als Marinepilot in Vietnam kämpfte, der eine bevorzugte Behandlung ablehnte und lieber vier weitere Jahre in Folterhaft verbrachte, anstatt gegenüber seinen Kameraden bevorzugt zu werden, braucht nicht lange von Ehre, Pflicht und Vaterland zu sprechen. Er verkörpert all das – ganz im Gegensatz zu Bush etwa, der seinen Militärdienst unter nicht ganz geklärten Umständen gemütlich bei der Nationalgarde in Texas verbrachte.

Es gibt kaum eine Rede, in der McCain nicht seinen "Dienst für sein Land" erwähnt. Als Soldat, als Senator und vielleicht bald als Präsident. Er spricht von der Ehre, "einer Sache zu dienen, die größer ist als ich", und trifft damit einen Nerv des konservativen, patriotischen und idealistischen Amerikas.

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