US-Wahl 2008 Das Jahr, in dem Amerika weiblich wird

Bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten kommt es möglicherweise zum Kampf der Titaninnen: Hillary Clinton versus Condoleezza Rice, weiß gegen schwarz, liberal gegen konservativ. Die Vorbereitungen laufen bereits auf vollen Touren.
Von Kirsten Grieshaber

New York - Die Gegensätze könnten kaum größer sein: Hillary Clinton ist weiß, liberal und in einem friedlichen Vorort im Norden der USA aufgewachsen. Die ehemalige "First Lady" ist eine überzeugte Feministin und hat sich in den letzten fünf Jahren zur einflussreichsten US-Senatorin innerhalb der Demokratischen Partei hochgearbeitet.

Condoleezza Rice ist schwarz, konservativ und in Alabama aufgewachsen, zu einer Zeit, als Afroamerikaner im amerikanischen Süden noch als Bürger zweiter Klasse behandelt wurden. Die US-Außenministerin und Republikanerin gilt als eine der engsten Vertrauten von Präsident George W. Bush und wurde dieses Jahr von Forbes Magazine zur mächtigsten Frau der Welt gekürt.

Trotz aller Unterschiede haben Hillary und "Condi" jedoch eines gemeinsam: Die beiden Frauen werden von ihren jeweiligen Parteien als Favoritinnen für die kommende US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2008 gehandelt.

Es ist das erste Mal in der amerikanischen Geschichte, dass eine Frau, oder vielmehr gleich zwei Frauen, die Chance haben, das mächtigste politische Amt der USA zu erringen - 85 Jahre nach der Einführung des amerikanischen Frauenwahlrechts.

Hillary Clinton führt in aktuellen Umfragen zu Präsidentschaftsfrage mit 50 Prozent vor Condoleezza Rice, die 41 Prozent der Stimmen für sich verbuchen kann. Innerhalb der Demokratischen Partei hat Clinton inzwischen einen haushohen Vorsprung, 41 Prozent der Parteimitglieder favorisieren sie. Auf dem zweiten und dritten Platz liegen weit abgeschlagen der ehemalige Präsidentschaftskandidat John Kerry und sein Vizekandidat John Edwards mit 17 beziehungsweise 14 Prozent.

Vorbereitungen laufen auf vollen Touren

Bei den Republikanern hat sich Rice in den letzten Umfragen von 19 auf 24 Prozent verbessert und damit Senator John McCain aus Arizona überholt. Sie liegt an zweiter Stelle hinter dem ehemaligen New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani, der die Liste potentieller Kandidaten mit 26 Prozent anführt.

Obwohl beide Politikerinnen sich bislang nicht öffentlich zur Kandidatur bekannt haben, laufen die inoffiziellen Vorbereitungen für den Wahlkampf bereits auf vollen Touren. Erst vergangene Woche wurde in Virginia das "Hillary Clinton for President Committee" aus der Taufe gehoben. Clintons Top-Beraterin Ann Lewis behauptet zwar, man wolle sich zurzeit ausschließlich auf die 2006 anstehende Wiederwahl von Clinton zur US-Senatorin für New York konzentrieren und will eine mögliche Nominierung für die Präsidentschaftskandidatur nicht kommentieren, doch Ehegatte und Ex-Präsident Bill Clinton ist weniger zurückhaltend.

Erst kürzlich pries er Hillary, 58, als perfekte Kandidatin und scheute nicht davor zurück, ihr bessere Präsidentschafts-Qualifikationen zuzuschreiben als sich selbst. "Erstens hat sie Erfahrungen als Senatorin gesammelt, die ich nicht vorweisen konnte", zweitens hätte sie natürlich auch schon die acht Jahre im Weißen Haus gehabt, erklärte Bill Clinton. "Ich denke sie würde nicht so viele Fehler machen, weil wir jetzt älter und reifer sind und sie jetzt in jeder Beziehung viel erfahrener ist als ich es damals war."

Druck auf Rice steigt

Condoleezza Rice, 51, hat in der Vergangenheit wiederholt behauptet, dass sie nicht für das Präsidentenamt zur Verfügung stehe. Auf Fragen zu ihrer beruflichen Zukunft erklärt sie, dass sie eines Tages gern den Vorsitz der National Football League übernehmen würde. Doch da ihre Beliebtheit in den USA stetig steigt, üben Teile der republikanischen Lobby immer stärkeren Druck auf die Außenministerin aus, ihr Nein zur Kandidatur doch bitte zu revidieren.

In seinem Herbst-Bestseller "Condi vs. Hillary: The Next Great Presidential Race" (Condi gegen Hillary: Der nächste große Präsidentschaftswahlkampf) behauptet Autor Dick Morris, dass Rice als einzige Republikanerin realistische Chancen hätte, die Demokraten im Entscheidungsjahr 2008 zu schlagen. Weil sie schwarz und weiblich ist, hätte Rice das Potential, Clinton die traditionelle Stammwählerschaft der Demokraten - Afroamerikaner, Frauen und hispanische Wähler - abspenstig zu machen. "Einzig Condoleezza Rice eröffnet der Republikanischen Partei die Chance, die Kluft zwischen den Geschlechtern (zu unserem Vorteil) zu verringern", schreibt der ehemalige Berater von Bill Clinton, der 1996 seinen Job wegen einer angeblichen Affäre mit einer Prostituierten aufgeben musste und sich mittlerweile zu einem leidenschaftlichen Hillary-Hasser entwickelt hat.



Süß mit Ehrgeiz

Condoleezza Rice, die Tochter eines Pastors und einer Musiklehrerin aus Birmingham, Alabama, verdankt ihren ungewöhnlichen Vornamen dem aus der Musik stammenden Ausdruck "con dolcezza" - mit Süße. Schon als Kind fiel sie durch ihren Ehrgeiz, Fleiß und Intelligenz auf. Sie übersprang zwei Schulklassen, zeigte außergewöhnliche Begabungen fürs Klavierspielen und Eiskunstlauf und studierte nach ihrem High-School-Abschluss Politikwissenschaften, Russisch und Geschichte. Mit nur 30 Jahren wurde sie zur akademischen Präsidentin der Eliteuniversität Stanford gewählt. Als Beraterin von Präsident George Bush Senior setzte sie sich für die deutsche Wiedervereinigung ein, während der ersten Amtszeit von Bush Junior unterstützte sie als US-Sicherheitsberaterin bedingungslos den Irak-Krieg und brüskierte die europäischen Kriegsgegner mit Sprüchen wie "Bestraft Frankreich, ignoriert Deutschland, verzeiht Russland".

Rice ist unverheiratet, trainiert mehrere Stunden täglich im Fitnessstudio und hat eine Schwäche für teure Designerkostüme. Während die arbeitswütige Ministerin in Europa mit unverhohlenem Misstrauen beäugt wird, hat sich ihr Image in den USA von der "Kriegsprinzessin" zum beliebten Star des Bush-Kabinetts gewandelt. Sie erfreut sich täglich größerer Popularität, während die Umfragewerte der alten, weißen Männerriege um Bush, Cheney und Rumsfeld weiter fallen.

"Sie erscheint sehr eng mit dem Präsidenten verbunden, gleichzeitig wirkt sie jedoch entfernt und abgelöst von den Schwächen der Regierung und das ist eine ziemlich beeindruckende Leistung", analysiert Kurt Campbell vom Center for Strategic and International Studies in Washington D.C.

Während Rices politische Karriere eng mit der Familie Bush verbunden ist, wurde Hillary Clinton zunächst durch die Karriere ihren Mannes ins Licht der Öffentlichkeit katapultiert.

Clinton wuchs als Hillary Diane Rodham in Park Ridge, Illinois, auf und studierte Jura an der Elite-Uni Yale, wo sie Bill kennen lernte und heiratete. Als ihr Mann 1978 zum Gouverneur von Arkansas gewählt wurde, legte sie ihren Job als Juraprofessorin nieder, zwei Jahre später wurde Tochter Chelsea geboren. Clinton setzte sich schon während ihrer Studentenzeit für Frauen- und Menschenrechte ein und engagierte sich auch weiterhin für ihre politischen Überzeugungen, als sie 1993 als First Lady ins Weiße Haus einzog. Während Bill Clintons zweiter Amtszeit, die von seiner Affäre mit Monica Lewinsky überschattet wurde, nahmen viele Amerikanerinnen es Hillary übel, dass sich die sonst so kämpferische Feministin nicht scheiden ließ.

Doch Hillary biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich auf ihre eigene politische Karriere. Im November 2000 wurde sie zur US-Senatorin gewählt und seitdem bemüht sie sich ganz offensichtlich darum, von ihren früheren, liberalen Einstellungen Abstand zu nehmen - in Hinblick auf ihre zukünftige Präsidentschaftskandidatur wie viele Experten behaupten. Erst vor wenigen Wochen zog Clinton den Zorn vieler Demokraten auf sich, als sie sich gegen den Abzug der US-Truppen aus dem Irak aussprach.

Clintons Schwenk in der Abtreibungsfrage

Noch überraschender kam ihre Umpositionierung in der in den USA heftig umstrittenen Abtreibungsfrage. Ganz offensichtlich an die Adresse von Millionen konservativen Amerikanern - und potentiellen Wählern - gerichtet, bezeichnete die ehemals so überzeugte Abtreibungsrechtlerin den Schwangerschaftsabbruch als "eine traurige, oft tragische Entscheidung für viele, viele Frauen". Man müsse alles tun, so Clinton, damit Abtreibungen "entweder gar nicht oder nur unter sehr seltenen Umständen durchgeführt werden müssten".

Noch ist es ist zu früh, um eine realistische Prognose für die nächsten Präsidentschaftswahlen abzugeben. Für viele konservative Amerikaner ist jedoch allein der Gedanke an eine Wahl zwischen einer Afroamerikanerin einer Feministin ungefähr so, als hätte man sie gebeten sich entweder für den Teufel oder den Beelzebub zu entscheiden. Sie wissen nicht, was schlimmer ist.

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