Neuauszählung der US-Wahl "Das wird eine Menge Staub aufwirbeln"

In Wisconsin werden die Stimmen der US-Präsidentschaftswahl neu ausgezählt, Pennsylvania und Michigan könnten folgen. Was steckt dahinter - und was sind die Folgen? Die Fakten.

DPA

Von , New York


Jill Stein war schon vieles: Harvard-Studentin, Ärztin, Aktivistin, Folk-Sängerin. Weniger erfolgreich dagegen war ihre politische Laufbahn. Das einzige Wahlamt, das die US-Grüne seit 2002 gewann, war ein Sitz im Gemeinderat von Lexington, Massachusetts. Bei allen anderen Wahlen scheiterte sie, zuletzt bei der US-Präsidentschaftswahl: Da landete Stein mit 1,05 Prozent auf dem vierten Platz hinter Donald Trump, Hillary Clinton und dem Libertären Gary Johnson.

Doch Stein lässt sich nicht so einfach abschreiben. Jetzt ficht sie die Ergebnisse in drei zentralen Swing States an: Pennsylvania, Michigan und Wisconsin. Hätte Clinton dort gesiegt, hätte sie die gesamte Wahl gewonnen. Stein hat eine offizielle Nachzählung der Stimmen in diesen drei Staaten beantragt, sogenannte Recounts.

Wisconsin hat bereits zugestimmt, Michigan muss diesen Mittwoch entscheiden, in Pennsylvania befassen sich jetzt die Gerichte damit. Doch egal wie es ausgeht: Das Endergebnis der Wahl dürfte sich kaum verändern. Was also steckt dahinter?

1. Warum Recounts?

Stein will prüfen lassen, ob die Wahlen manipuliert oder gehackt wurden - angeblich von den Russen. Beweise legt Stein nicht vor, ihre Vermutungen decken sich aber mit alten Zweifeln am Wahlsystem, das sich schon oft als fehleranfällig erwiesen hat. Es ist ein Rennen gegen die Zeit: Die Recounts, die normalerweise mindestens zwei Monate dauern, müssen bis zum 13. Dezember abgeschlossen sein. Sechs Tage später kommt das Electoral College zusammen, das Wahlleutegremium, um den Ausgang der Wahl offiziell zu machen.

2. Was können die Recounts bewirken?

Es ist nicht zu erwarten, dass die Recounts den Ausgang der Wahlen nachträglich revidieren. Dazu müssten sie Trumps Mehrheit im Electoral College kippen, die sich nach den Ergebnissen in den Bundesstaaten richtet. Das wäre nur möglich, wenn sich die Resultate in allen drei fraglichen Staaten umkehren - von Trump zu Clinton. In Pennsylvania beträgt Trumps Vorsprung aber 70.638 Stimmen, in Wisconsin 22.177 Stimmen, in Michigan 10.704. Eine Wahlmanipulation in so großem Stil wäre beispiellos. "Die Prüfung wird eine Menge Staub aufwirbeln", schreibt der Demoskop Nate Silver von der Website "FiveThirtyEight", "aber es ist unwahrscheinlich, dass da was ist, und noch schwieriger, etwas zu beweisen".

3. Wer bezahlt die Neuauszählung?

Jill Stein sammelt Spenden, um die Recounts zu finanzieren. Ihr Ziel von 2,6 Millionen Dollar erreichte sie schnell, bis Dienstagabend waren mehr als sechs Millionen Dollar zusammengekommen. Den Überschuss will sie anderen grünen Kandidaten zukommen lassen - was zu scharfer Kritik geführt hat: Das Ganze sei nur ein Trick, um Wahlkampfgelder einzutreiben. "Ich sage nicht, dass diese Jill-Stein-Sache ein Schwindel ist", twitterte Nate Silver. "Aber wenn es ein Schwindel wäre, würde er wahrscheinlich so aussehen."

4. Wie steht Hillary Clinton zu den Recounts?

Clinton hat sich zu Steins Anstrengungen nicht geäußert. Intern halten ihre engsten Berater die Recounts für zwecklos und fürchten, dass sie Clintons teils selbst verschuldete Niederlage noch fester zementieren könnten. "Stimmen nachzuzählen ist so amerikanisch wie Apfeltorte", sagte David Brock, ein alter Vasall Clintons, der Website "Politico". Aber seine "politische Energie" würde er damit nicht verschwenden. Trotzdem hat sich Clintons Team den Recounts offiziell angeschlossen - auch wenn es selbst "keine Hinweise auf Hacking" ermitteln konnte. "Dieser Wahlzyklus", erklärte Clinton-Anwalt Marc Elias, "war einzigartig, was die ausländische Einmischung angeht."

5. Aber hat nicht auch Trump Zweifel an der Korrektheit der Wahlen?

In einer Reihe von Tweets sprach Trump von "ernsthaftem Wahlbetrug in Virginia, New Hampshire und Kalifornien", drei Staaten, die Clinton gewann. Doch das ist eine reine, indizienfreie Erfindung - und ein klassisches Trump'sches Ablenkungsmanöver (mehr dazu lesen Sie hier).

Die Behauptungen seien "unbegründet" und "absurd", dementierte Alex Padilla, der Innenminister von Kalifornien. Trumps "verantwortungslose Tweets sind unangebracht und ungebührlich für einen designierten Präsidenten". Nach jüngstem Stand bekam Clinton in Kalifornien mehr als 8,3 Millionen Stimmen und Trump knapp 4,3 Millionen.

insgesamt 188 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
annalaska.meiere 30.11.2016
1.
Man stelle sich vor, die Trump Anhänger würden derart randalieren und Trump würde die Stimmen nachzählen lassen - eine Empörungswelle und -artikel würde fabriziert und künstlich aufgeregt, aber andersrum ist es notwendig und irgendwie toll.
rapetepap 30.11.2016
2.
Dieser ganze Aufwand ändert doch nichts an dem Ergebnis, wer Präsident wird. Es ist schon peinlich genug, dass ein Kandidat über 2,3 Millionen Stimmen mehr als sein Kontrahent erhält und trotzdem die Wahl verliert. Da braucht man nicht auch noch so was...
Nandiux 30.11.2016
3.
Mal ganz abgesehen davon, dass Trump bei einer Niederlage wohl genauso reagiert hätte (Clinton persönlich hat keine Neuauszählung beantragt). In den letzten Jahren gab es immer wieder Gerüchte über Unregelmäßigkeiten beim Wahlgang. Von daher finde ich es nicht verwerflich, wenn man in einzelnen Staaten nochmal zur Sicherheit nachzählen lässt.
grabenkaempfer 30.11.2016
4.
was macht Jill Stein eigentlich wenn die Nachzählung mehr Stimmen für D. Trump ergibt?
G. Whittome 30.11.2016
5. Zu spät jetzt...
Wäre sie gar nicht erst angetreten, könnte man sich das Nachzählen sparen und Hillary Clinton wäre Präsidentin. Stein hat Clinton ungefähr gerade so viel Stimmen weggenommen, wie Clinton zum Sieg in diesen Staaten gefehlt haben (und vielleicht noch einige Stimmen von Gary Johnson dazu). Ist ja nicht das erste Mal: schon 2000 hat Ralph Nader den Sieg von Al Gore vermasselt. Sicher sollte es auch Alternativen zu den beiden großen Parteien geben, aber bei der Präsidentschaftswahl funktioniert das eben nicht. Ich hatte mich schon gewundert, weshalb es nicht eine Übereinkunft zwischen dem Clinton-Lager und Stein gegeben hat: etwa, dass Stein verzichtet und zur Wahl von Clinton aufruft, dafür verzichten die Demokraten in ein/zwei Wahlkreisen auf eigene Kandidaten und unterstützen dafür grüne Kandidaten. Etwas mehr grün hätte Clinton auch nicht geschadet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.