Obama und die US-Demokraten Die Abrechnung

Donald Trumps Wahlsieg ist vor allem auch eine persönliche Niederlage für den scheidenden US-Präsidenten: Barack Obamas politisches Erbe droht vernichtet zu werden, die Demokraten taumeln führungslos in die Krise.
Barack Obama im Weißen Haus

Barack Obama im Weißen Haus

Foto: JOSHUA ROBERTS/ REUTERS

Wie so oft obliegt es Barack Obama, die Nation zu trösten. Die halbe Nation jedenfalls: jene knapp 48 Prozent der US-Wähler, die nicht für Donald Trump gestimmt haben, die trauern statt feiern - fast 60 Millionen Amerikaner. Eine hauchdünne Mehrheit, die dank des indirekten Wahlsystems trotzdem verlor.

Doch diesmal beginnt Obama die obligatorische Trauerphase nicht mit einer erbauenden, emotionalen Rede. Sondern mit einem selbstironischen Kalauer.

"Egal, auf welcher Seite ihr standet in dieser Wahl, egal, ob euer Kandidat gewonnen oder verloren hat, morgen wird die Sonne aufgehen", erinnerte der scheidende Präsident an seine Prophezeiung vom Vortag - eine Prophezeiung, wie er hinzufügt, die nunmehr auch eingetroffen sei: "Die Sonne ist aufgegangen."

Obama steht im Rosengarten des Weißen Hauses, elf Stunden nachdem bekannt wurde, dass sein bitterster Rivale nun sein Nachfolger werden würde. Sein Rivale, obwohl Obama selbst ja gar nicht mehr zur Wiederwahl stand, sondern Hillary Clinton. Seine gescheiterte Erbin.

Und gerade deshalb ist dies vor allem auch Obamas Niederlage

Für viele war Clinton eine Fortsetzung Obamas, dessen erstaunlicher Aufstieg zum ersten schwarzen US-Präsidenten eine ebenso erstaunliche Gegenbewegung auslöste - die nun in Trumps Triumph gipfelte. "Backlash", nennen sie so was hier. "Whitelash", nennt es der schwarze Aktivist Van Jones auf CNN und prägt sofort den Hashtag der Stunde, #whitelash : Die Rache der Weißen "an einem Land im Umbruch".

Diese von globalen Kräften flankierte Gegenbewegung haben sie unterschätzt - Obama, Clinton und die über Nacht "enthauptete" Demokratische Partei, wie es NBC News formulierte. Doch der Noch-Präsident erkennt das nur indirekt an: "Wir sind im selben Team", beharrt er. "Wir sind nicht zuerst Demokraten. Wir sind nicht zuerst Republikaner. Wir sind zuerst Amerikaner. Wir sind zuerst Patrioten."

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Doch Trumps Sieg droht seine gesamte Hinterlassenschaft zu vernichten, politisch wie gesellschaftlich. Klimaschutz, Gesundheitsreform, Wall-Street-Reform, Justizreform, Einwanderungsreform, LGBT-Rechte: Den Wandel, den Obama im Alleingang forciert hat, wird Trump wohl mit Hilfe der erstarkten, willfährigen Republikaner und eines bald für Jahrzehnte nach rechts zementierten Supreme Courts schnell wieder rückgängig machen - teils schon am allerersten Amtstag.

Dieser Moment ist auch eine persönliche Erniedrigung Obamas, der Trump immer wieder gnadenlos verspottet hat. Die Fehde begann mit Trumps rassistischer "Birther"-Lüge, wonach Obama nicht in den USA geboren sein könne. Sie verfestigte sich dann beim White House Correspondents Dinner 2011, bei dem Obama sich über Trump lustig machte - der Auslöser für Trumps Rachefeldzug.

"Obama wird wahrscheinlich als schlechtester Präsident der Vereinigten Staaten in Erinnerung bleiben", zitierte Obama noch Ende Oktober einen Tweet Trumps in der Late-Night-Show "Jimmy Kimmel Live". Da amüsierte ihn das noch: "Immerhin werde ich als Präsident in Erinnerung bleiben."

Sichtlich härter trifft die Niederlage Clinton selbst

Nachdem sie sich in der Wahlnacht nicht vor ihre wartenden Anhänger traute, ruft sie die treuesten am Vormittag zusammen, in einem deprimierenden Ballsaal in Midtown Manhattan. Clintons engste Vertraute sind da, übernächtigt, unter Schock. Wahlkampfchef John Podesta reibt sich das Kinn wund. Clintons Freundin Huma Abedin, die in die E-Mail-Affäre gesogen wurde, weint. Selbst Vizekandidat Tim Kaine, der eine kurze Clinton-Lobrede hält, kann die Tränen kaum zurückhalten.

Clinton schluckt, räuspert sich. "Es tut weh", sagt sie, "und das wird lange so bleiben." Sie wünscht Trump alles Gute - doch nicht ohne eine Warnung: Man werde weiter für Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit und "den Schutz unseres Planeten" kämpfen - Werte, die Trump offen mit Füßen trat.

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Sie selbst freilich wird an diesem Kampf nicht mehr teilnehmen, geschweige denn ihn führen. Denn dies ist auch eine Ablehnung der Clintons, ihrer Lebenswege und all dessen, wofür sie stehen.

Die politische Ära Clinton ist ein für alle Mal beendet.

Die, die zurückbleiben, müssen nun in sich gehen, ähnlich wie die Republikaner nach der Niederlage von 2012. Das sind die Wahlstrategen, die Trump nie kommen sahen oder zu spät. Das ist hauptsächlich aber die Demokratische Partei.

Die ist vorerst kaputt. Sie hat nicht nur die Mehrheit der Weißen verloren, im "Rostgürtel", den Industriestaaten des Mittleren Westens, aber auch darüber hinaus. Sondern auch unerwartet viele Schwarze, Latinos und, ja, Frauen, die Trump wählten.

Die Ursünde der Demokraten: Sie setzten auf "Clinton II.", die Kandidatin von gestern, anstatt auf Bernie Sanders oder Elisabeth Warren, die Kandidaten von morgen. Mehr noch: Sie sabotierten den internen Wandel.

Wie geht es weiter für die Demokraten?

Nachwuchstalente in der Partei sind selten und zu jung. Sanders und Warren dürften den progressiven Flügel noch weiter nach links treiben. Der Filmemacher Michael Moore, der Trumps Sieg vorausgesehen hatte, fordert eine "Übernahme" der Partei durch "das Volk" - und das kollektive Entlassen aller Strategen.

"Ich weiß, ich weiß", beruhigte Clinton ihre demoralisierten Anhänger. "Wir haben die höchste, härteste Barriere immer noch nicht gesprengt - aber eines Tages wird das jemand tun."

Fest steht allerdings: Diese Person wird nicht Clinton heißen.

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