US-Wahlumfragen Kaum zu glauben

Meinungsforscher waren sich sicher: Donald Trump hat bei der US-Wahl kaum eine Chance. Wie sehr sich die Demoskopen geirrt haben - und was ihr Problem ist.
Wahlkabine in New Hampshire

Wahlkabine in New Hampshire

Foto: Kayana Szymczak/ AFP

Eigentlich hatte niemand an einen Sieg Donald Trumps bei der US-Wahl geglaubt. Außer Donald Trump selbst. Der Republikaner hatte immer wieder versichert, er setze auf die schweigende Mehrheit - "the silent majority". Auf seinen Wahlkampfveranstaltungen reckten seine Anhänger Plakate mit diesem Schlagwort in die Luft.

In den Meinungsumfragen lag der Milliardär über die vergangenen Monate fast ausschließlich zurück, mal mehr, mal weniger abgeschlagen hinter seiner Kontrahentin Hillary Clinton. Zuletzt war von einer weit mehr als 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit die Rede, dass die Demokratin US-Präsidentin wird. Noch am Tag der Wahl sahen fast alle Forschungsinstitute Clinton vorn.

Was für ein Irrtum.

In einigen Bundesstaaten lagen die Wahlforscher besonders deutlich daneben. In Tennessee beträgt der Unterschied zwischen den durchschnittlichen Ergebnissen aus den Umfragen der vergangenen zwei Wochen und der Abstimmung vom Dienstag mehr als zwölf Prozentpunkte.

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Wie konnten die Demoskopen sich so täuschen? Zu jeder Wahlvorhersage gehört auch die Angabe der Fehlertoleranz. Eine Prognose von 52 Prozent beispielsweise kann bedeuten, dass das tatsächliche Wahlergebnis zwei oder drei Prozentpunkte davon abweicht, also irgendwo zwischen 49 und 55 Prozent liegt. Präzisere Angaben sind kaum möglich, weil meist nur um die 1000 Menschen befragt werden.

In einigen US-Bundesstaaten sind die tatsächlichen Abweichungen aber deutlich größer. Das könnte daran liegen, dass einige Trump-Wähler in Umfragen ihren Favoriten nicht genannt haben, weil sie sich nicht zu dem umstrittenen Kandidaten bekennen wollten. Soziologen sprechen von einem sozial erwünschten Verhalten.

Dieses Phänomen ist auch von Wahlen in Deutschland bekannt, etwa wenn es um die AfD geht. Auch hier hatten Demoskopen in der Vergangenheit Probleme, die Wahlergebnisse genau vorherzusagen. Auch beim Brexit lagen sie daneben.

Traditionelle Lager gibt es nicht mehr

Eine weitere Erklärung ist, dass es die einst noch relativ stabilen politischen Lager so nicht mehr gibt, weder hierzulande noch in Großbritannien oder den USA. Entsprechend ungenau fallen die Wahlprognosen aus.

Doch auch die ständige Veröffentlichung der neuesten Umfragen aus den Bundesstaaten könnte manchen US-Wähler kurzfristig beeinflusst haben. Trump-Wähler fühlten sich womöglich motiviert, unbedingt wählen zu gehen, weil Hillary Clinton bis zuletzt als klare Favoritin galt. Und Anhänger der Demokraten, vor allem jene, die mit Clinton fremdelten, blieben eventuell zu Hause, weil die Sache ja angeblich schon gelaufen war.

Wie aber kamen die "New York Times" oder der Statistikguru Nate Silver dazu, die Siegchancen für Clinton vor der Wahl mit 71 oder gar 85 Prozent anzugeben? Ganz einfach: Sie haben mit falschen Annahmen gerechnet, den Umfragewerten aus den Bundesstaaten, die sich nun als nicht korrekt herausgestellt haben. Nate Silver simulierte den Ausgang der Wahl zum Beispiel 20.000 Mal  an einem Computer. In 71 Prozent der Simulationen hatte Clinton die Nase vorn.

Dass Demoskopen irren, ist freilich kein neues Phänomen. Schon 1969 mussten sie sich vorwerfen lassen, dass sie die eigentlichen Verlierer der Bundestagswahl seien, weil ihre SPD-Prognose vom Ergebnis stark abwich. Damals ging es zwar nur um 3,2 Prozent, aber das reichte aus, um von einem Versagen der Demoskopen zu sprechen .

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