Religion im US-Wahlkampf Amerika fällt vom Glauben ab

Mit "God bless America" enden wichtige Reden in den USA, das Land ist tief im christlichen Glauben verwurzelt. Doch dieser Wahlkampf ist ein Wendepunkt: Den Kirchen fehlt es an Einfluss, den Kandidaten an Moral.

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Von Alexander Schwabe


Es war eine Sensation, als John F. Kennedy am 8. November 1960 zum Präsidenten gewählt wurde: Mit 43 Jahren war er nicht nur der jüngste ins Amt gewählte US-Präsident, sondern auch der erste Katholik im Weißen Haus.

Kennedy schlug im Land der "Wasps", der weißen, angelsächsischen Protestanten, seinen republikanischen Kontrahenten Richard Nixon. Und das, obwohl er der "falschen", der Minderheiten-Konfession, angehörte.

Danach hatten wie gewohnt praktizierende Protestanten das Sagen. Jimmy Carter war lange Jahre Diakon einer Baptistengemeinde und Prediger in einer Sonntagsschule für Erwachsene. Die Clintons ließen sich zu Bills Amtszeit regelmäßig in der Kirche sehen. George W. Bush war nach eigenem Bekunden ein wiedergeborener Christ, der mit der Hilfe Gottes seinen Alkoholismus überwunden hatte und nun gegen die Ungläubigen zu Felde zog. Und die Religiosität der Pfingstlerin Sarah Palin, die 2008 von John McCain als Vizepräsidentin vorgesehene Gouverneurin von Alaska, grenzte in ihrem Fundamentalismus an Bigotterie.

Weite Teile der USA werden soziologisch dem "bible belt", dem Bibelgürtel, zugerechnet. Auf jeder Dollarnote prangt das 1956 zum nationalen Wahlspruch gemachte "In God we Trust" (Wir vertrauen auf Gott). Alle wichtigen Reden enden mit der Formel "God bless America" (Gott segne Amerika). Von Anfang an waren die Vereinigten Staaten so tief religiös, dass die "civil religion" für den französischen Staatstheoretiker Alexis de Tocqueville im 19. Jahrhundert prägender für die amerikanische Union war als die Verfassung.

Von all dem ist nicht viel geblieben. Michael Hochgeschwender vom Amerika-Institut der Universität München sieht in dem aktuellen US-Wahlkampf einen Wendepunkt. Religion spiele kaum noch eine Rolle. Der Bostoner Rechts- und Philosophieprofessor Thomas C. Kohler stuft die Vereinigten Staaten als bereits "nachchristliche Gesellschaft" ein.

George Washington
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George Washington


Für Staatsgründer George Washington war "Religion und Moral" noch "eine unabkömmliche Grundlage für politisches Gedeihen". Ein Grundsatz, an dem die Nation jahrhundertelang festgehalten hat, so stark wie am Freiheitsideal, das sie beflügelt und zur stärksten Nation der Welt gemacht hat.

Doch das scheint nun aufgekündigt. Der republikanische Kandidat Donald Trump fällt durch Rassismus, Sexismus, Narzissmus, einen äußerst lockeren Umgang mit der Wahrheit und einem eklatanten Mangel an Anstand auf. Es ist klar: Mit der Moral ist es nicht mehr weit her. Auch seine demokratische Konkurrentin Hillary Clinton hat erhebliche Glaubwürdigkeitsprobleme. Viele halten sie für unzuverlässig, korrupt und intransparent.

Verhalten und miserables Image der beiden wohl unpopulärsten Präsidentschaftskandidaten aller Zeiten sind Symptome einer fehlenden Rückbindung an "Religion und Moral", von der George Washington sprach. Der offensichtliche Wandel im Verhältnis zwischen Politik und Religion ist Ausdruck eines fundamentalen Umbruchs der Gesellschaft, der sich auch innerhalb der Kirchen und der beiden großen Parteien vollzieht.

Verarmt, verunsichert, gefrustet

Die amerikanische Gesellschaft ist tief gespalten. Sie ist äußerst heterogen - die Rede vom "melting pot", vom Schmelztiegel, in dem Menschen ganz unterschiedlicher ethnischer Herkunft harmonisch aufgehen, war schon immer falsch. Der weit verbreitete und in den vergangenen Jahren häufig ausbrechende Rassenhass zwischen Schwarzen und Weißen zeigt das allzu schmerzlich.

Ebenso hat sich der "amerikanische Traum" vom sozialen Aufstieg für viele ausgeträumt: Für die Mittelschicht ist das Durchschnittseinkommen inzwischen wieder auf dem Niveau von 1999 angekommen. Eine Katastrophe für ein Land, in dem Wachstum zum Selbstverständnis gehört.

In dieser Situation wirtschaftlicher Stagnation und Unsicherheit sowie gesellschaftlicher Verwerfungen ist es zu einer Anti-Establishment-Stimmung gekommen, von der Trump und auch der linke Demokrat Bernie Sanders profitiert haben.

Sie trifft die Parteien, andere politische Institutionen, aber auch die Kirchen, die gerade in Zeiten der Verunsicherung Orientierung bieten müssten. Doch die Kirchen schweigen - zur wirtschaftlichen Ungerechtigkeit, zur auseinanderklaffenden Einkommensschere, einst auch zur Finanzkrise. Überhaupt haben sie zu den meisten gesellschaftlich relevanten Debatten nichts beizutragen.

Kirchen bieten den Menschen keinen Halt

In den vergangenen dreißig Jahren hat die amerikanische katholische Bischofskonferenz keinen relevanten Hirtenbrief mehr veröffentlicht. Seit Mitte der Achtzigerjahre herrsche "absolute Finsternis", diagnostiziert der Münchner Amerikanist Hochgeschwender. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften haben sich ins Abseits katapultiert.

Die katholische Kirche ist aufgrund des intellektuellen Ausdünnungsprozesses und durch den Skandal wegen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester in Misskredit geraten.

Auf protestantischer Seite ist die Macht der Kirchen ebenfalls gebrochen. Zu fragmentiert zeigt sich die religiöse Landschaft inzwischen. Den weißen Mainstream-Kirchen, zu denen Lutheraner, Methodisten und Presbyterianer zählen, laufen die Gläubigen davon.

Evangelikale beim Gottesdienst in Las Vegas
AFP

Evangelikale beim Gottesdienst in Las Vegas


Die Evangelikalen sind in unzählige Gruppen zersplittert. Die meisten haben nur eine gemeinsame Basis: den Kampf gegen Abtreibung. Ihnen gemein ist der leidenschaftliche Wille, besonders emotional-charismatisch zu glauben, eine angeblich persönliche Beziehung zu Jesus zu haben und eine wie auch immer geartete Gotteserfahrung möglichst pathetisch zu erleben.

Nach Erhebungen des Washingtoner Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center wächst die Zahl derer, die sich zu keinem Glauben mehr bekennen. Ihr Mitgliederschwund macht die Kirchen vor allem für die Demokraten zunehmend uninteressant.

Denn die Kirchentreuen und die Evangelikalen - das heißt meist: Die christlichen Fundamentalisten - sind in der Regel konservativ und daher den Republikanern zugeneigt.

Öffentlich zur Schau getragene Religiosität lohnt sich nicht mehr

Angesichts der personell, intellektuell und moralisch geschwächten Konfessionen in "God's Own Country" lassen weder Trump noch Clinton öffentlich einen besonderen Bezug zu einer Glaubensgemeinschaft erkennen. Es lohnt sich nicht mehr.

So verzichtet Hillary Clinton darauf, die methodistisch erzogene Vorzeigeprotestantin zu geben, deren Mutter in der Sonntagsschule unterrichtete. Und Trump hat gar kein religiöses Pfund, mit dem er wuchern könnte: Er ist zum dritten Mal verheiratet, und er gründete Spielkasinos. Es war auch nicht hilfreich mitzuteilen, er gehe gelegentlich in die Kirche und esse dort seinen "kleinen Keks". Der Prediger Max Lucado, Autor zahlreicher christlicher Bestseller, kritisiert, Trump verstoße gegen den Anstand, wenn er seine Gegner als "dumm" und als "Verlierer" beschimpfe.

Auch wenn sie sich nicht sonderlich religiös inszenieren, versuchen natürlich beide Kandidaten dennoch, bei den verbliebenen kirchlich Gebundenen um Wähler zu werben. In New York versicherte Trump vor rund tausend evangelikalen Pastoren, er habe einen starken Glauben - an sich selbst, darf man vermuten.

Trump bei evangelikalen Christen in Las Vegas
AFP

Trump bei evangelikalen Christen in Las Vegas


Eine Zeit lang stellte er ein Konfirmationsfoto auf seine Internetseite. Vor rund einem Jahr ließ er sich von evangelikalen Geistlichen segnen, unter anderem von der Fernsehpredigerin Paula White. Nach ihrer Lehre verspricht Gott ein Leben im Überfluss - eine Botschaft wie auf den luxusverwöhnten Trump zugeschnitten.

In Orlando, Florida, Bastion der christlichen Rechten, versuchte Trump in diesem Sommer, den dort versammelten Predigern Hoffnung zu machen. Er wolle ihre Kirche wieder zu dem machen, was sie einmal war. "Ihr habt eure Stimme verloren", beklagte er den schwindenden Einfluss der Pastoren. Trump versprach auch zu verhindern, dass sie die Steuerbefreiung verlieren, wenn sie in ihren Kirchen Partei-Wahlwerbung machen oder gar eine Wahlempfehlung abgeben. Dafür erntete er tosenden Applaus.

Clinton in einer Baptistenkirche in Florida
REUTERS

Clinton in einer Baptistenkirche in Florida


Auch Hillary Clinton versucht trotz allem, bei den Frommen so viele Stimmen wie möglich zu fischen. Ihre Berater ließ sie verbreiten, sie trage stets eine Bibel bei sich, sei in einer Gebetsgruppe des Senats aktiv und habe täglich eine gewisse Zeit für Bibellektüre reserviert. Immerhin stößt sie laut Pew-Umfrage bei den afroamerikanischen Protestanten auf große Zustimmung (89 Prozent). Also wandte sie sich verstärkt der "black church" zu, um die schwarzen Protestanten zu mobilisieren. Um Religion geht es diesen Wählern allerdings wenig - für sie ist Trump einfach keine Alternative.

Insgesamt sind Trump und Clinton Phänomene einer Entwicklung, die die Würdigung des britischen Schriftstellers Gilbert Keith Chestertons auf den Kopf stellen. Für ihn war Amerika "die Nation mit der Seele einer Kirche". Wir sind Zeuge, wie die Vereinigten Staaten gerade dabei sind, diese Seele zu verlieren.


Dieser Text erschien in längerer Form zuerst in der Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart".

insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
mborevi 06.11.2016
1. Dass die USA ...
... "tief im christlichen Glauben verwurzelt" seien ist eine Fiktion. Wie man sich leicht überzeugen kann hat Christus nach den Evangelien jede Art von Gewalt und Krieg kategorisch abgelehnt. Die USA haben reihenweise Krieg geführt. Die Vorschrift "liebet Eure Feinde, tut Gutes denen die Euch hassen" wurde nie beachtet. Die USA können sich daher keinesfalls auf das Christentum berufen. Man kann sich natürlich ein Pseudochristentum zurechtbiegen, aber Journalisten sollten in der Lage sein, den Unterschied zu erkennen.
inverts 06.11.2016
2. McCarthy, nein Danke
in god we trust ist nicht Originalmotto, sondern wurde unter dem berühmt-berüchtigten Senator McCarthy eingeführt. Ex pluribus unum ist das Ursprüngliche. Es ist sogar fraglich, ob es mit der US Verfassung verträglich ist (Amendment 1: Congress shall make no law respecting an establishment of religion, ...).
Affenhirn 06.11.2016
3. Auf den Dollar-Noten fehlt ein
Wer geschäftlich häufig mit Amerikanern zu tun hat, bekommt leicht das Gefühl, dass auf den Banknoten der Amis ein Druckfehler vorliegt. Eigentlich müsste es heißen: "In GOLD we trust".
gandhiforever 06.11.2016
4. Zu lange
Zu lange haben vermeintliche Christen es verstanden, mit ihrem Glauben Wahlen zu beeinflussen. Die Evangelikalen sind da nur das uebelste Beispiel. Sie sind das uebelste Beispiel, denn auch heute argumentieren sie mit religioesen "Argumenten", wenn sie die Waehler auffordern, einem Trump ihre Stimme zu geben. Bei der juengeren Generatio verfaengt diese "Argumentation" genau so wenig wie die anti-kommunistische. Haette die Partei-Elite nicht erfolgreich Bernie Sanders torpediert, koennten wir in wenigen Tagen den ersten juedischen Praesidenten feiern, auch wenn Sanders mit seinem Hintergrund nicht hausieren geht. Diese "Christen" haben erkannt, dass die Zukunft nicht mehr von ihnen bestimmt wird, weshalb sie so vehement auf Trump setzen, obwohl der wahrlich nicht ihren angeblichen Werten entspricht.
Kit Kerber 06.11.2016
5.
Zitat von mborevi... "tief im christlichen Glauben verwurzelt" seien ist eine Fiktion. Wie man sich leicht überzeugen kann hat Christus nach den Evangelien jede Art von Gewalt und Krieg kategorisch abgelehnt. Die USA haben reihenweise Krieg geführt. Die Vorschrift "liebet Eure Feinde, tut Gutes denen die Euch hassen" wurde nie beachtet. Die USA können sich daher keinesfalls auf das Christentum berufen. Man kann sich natürlich ein Pseudochristentum zurechtbiegen, aber Journalisten sollten in der Lage sein, den Unterschied zu erkennen.
"Liebe Deine Feinde" hat Jesus nie gesagt. Das haben seine Biografen, die Evangelisten, ihm post mortem in den Mund gelegt. Die Amerikaner tun gut daran, ihre Feinde zu hassen und mit Drohnen zu töten. Das ist von Gott so gewollt. Denn schon in der Bibel steht: Amerika ist das Land, das ich Abraham und seinen Nachkommen versprochen habe. Denn nur wer kein Götter neben mir hat, ist ein guter Amerikaner.
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