Vater-Tochter-Streit zur US-Wahl "Dad, warum wählst du Trump?"

Der Wahlkampf hat die USA tief gespalten - und sogar einzelne Familien. Die SPIEGEL-Mitarbeiterin Jiffer Bourguignon ist entsetzt darüber, dass ihr Vater Donald Trump wählen will. Ein Streitgespräch.

Jiffer Bourguignon mit ihrem Vater Paul
Jiffer Bourguignon

Jiffer Bourguignon mit ihrem Vater Paul


Mein Vater und ich stehen auf verschiedenen politischen Seiten, seit ich 18 Jahre alt war. Er war schon damals ein strammer Republikaner. "Demokraten erhöhen immer die Steuern", klagte er. "Wie sollen wir sonst bessere Bildungsprogramme in diesem Land finanzieren?", hielt ich dagegen. "Demokraten verteilen Almosen an alle", beschwerte er sich. "Wir brauchen ein soziales Netz", betonte ich.

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Heft 45/2016
Drehbuch einer Tragödie

Mein Vater und ich haben immer gestritten - über die Wirtschaftslage, über Sozialfragen, aber auch darüber, welches Restaurant das beste ist. Für uns war das wie ein sportlicher Wettkampf. Über die Jahre wurden wir beide milder - doch dieser Wahlkampf, der Kampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton, hat einen neuen Graben zwischen uns gerissen.

Zur Person
    Jiffer Bourguignon, 42, ist US-Amerikanerin und hat für das SPIEGEL-Büro in Washington D.C. gearbeitet. Ihr Vater Paul Bourguignon, 70, lebt im US-Bundesstaat North Carolina.

Ich: Okay Dad, dann sag doch mal: Wen wählst du am Dienstag?

Dad: Donald Trump.

Ich: Warum nur?

Dad: Wir können uns vier weitere Jahre Obama - und genau das hat Hillary uns ja angekündigt - schlicht nicht leisten. Vier weitere Jahre das höchste Haushaltsdefizit der amerikanischen Geschichte, vier weitere Jahre Obamacare - eine Krankenversicherung, deren Kosten im nächsten Jahr um bis zu 200 Prozent steigen werden, wie man hört -, vier Jahre, in denen wir in den Augen der Welt wie Schwächlinge aussehen und Putin uns im Nahen Osten vorführt. Und der Rassismus ist auch schlimmer geworden.

Ich: Ich verstehe ja, dass du kein Obama-Fan bist. Aber abgesehen davon, dass ich finde, dass du seine Fehler einfach auf Clinton projizierst - was wirfst du ihr denn konkret vor?

Dad: Sie wird genauso schlimm sein wie er. Nein, schlimmer! Sie hat ein furchtbares Urteilsvermögen, schau dir die Sache mit ihrem privaten E-Mail-Server an, der Missbrauch ihrer Stiftung, die Amerikaner, die in Bengasi gestorben sind.

Ich: Ach, und was ist mit Trump? Er ist ein Rassist, ein Sexist, er ist ausländerfeindlich...…

Dad: ...und ziemlich arrogant.

Ich: Und du hältst ihn trotzdem für die bessere Wahl?

Dad: Angesichts der Wahl, die ich in diesem Jahr habe, leider ja.

Ich: Du hast mir neulich eine E-Mail geschickt mit Auszügen aus einem Pamphlet, darin hieß es: "Wir werden von illegalen Einwanderern überrannt, ich erkenne das Land nicht mehr wieder, in dem ich geboren wurde." Empfindest du das tatsächlich so?

Dad: Es kommen Menschen illegal in dieses Land, die Verbrechen begehen, wie dieser Typ, der neulich in San Francisco eine junge Frau umgebracht hat. Der hatte zuvor schon dreimal im Gefängnis gesessen wegen anderer Delikte. Wenn Menschen auf legale Weise in unser Land kommen wollen, um hier hart zu arbeiten, Leute, die unsere Sprache lernen und unsere Kultur akzeptieren, dann ist das in Ordnung. Aber die Kriminellen? Nein.

Ich: Statistisch gesehen ist der Anteil illegaler Immigranten, die Verbrechen begehen, verschwindend gering.

Dad: Schon einer ist einer zu viel.

Ich: Glaubst du wirklich an Trumps Plan, eine Mauer bauen zu wollen? Glaubst du im Ernst, dass das passiert - und dass es funktionieren könnte?

Dad: Ich finde einfach, dass Washington nicht funktioniert. Die Politiker sind korrupt und machen sich die Taschen voll. Wir brauchen jemanden, der das alles mal ein bisschen durchschüttelt. Trump hatte sein eigenes Geld, um seine Kandidatur zu finanzieren, er musste der Wall Street keine Versprechen machen wie Hillary. Er ist unabhängig und kann sein eigenes Ding machen.

Ich: Er hat überhaupt keine politische Erfahrung. Hör ihm doch mal zu! Seine Lösung, egal für welches politische Problem, heißt immer nur: "Ihr werdet schon sehen." Oder: "Ich kann jetzt noch nichts verraten, aber es wird prima." Klingt wie die lahmen Ausreden eines Viertklässlers, der seine Hausaufgaben vergessen hat.

Dad: Dann wird er sich eben gute Berater an die Seite holen.

Ich: Wen denn, seine Tochter Ivanka etwa?

Dad: Die ist eine ziemlich erfolgreiche Geschäftsfrau. Er sucht sich schon die richtigen Leute aus.

Ich: Trump duldet doch nur Schleimer in seinem Umfeld, die ihm sagen, wie toll er ist. Du hast ihn doch in den TV-Debatten erlebt - er ist komplett kritikunfähig.

Dad: Ich weiß, dass er eingebildet ist. Aber wir brauchen jemanden, der erst mal Feuer unterm Dach macht, damit man die Hütte danach wieder neu aufbauen kann.

Ich: Dad! Das kann nicht dein Ernst sein!

Dad: Ich weiß nur, dass es so nicht weitergehen kann.

Ich: Also geben wir einfach jemandem dieses Amt, der komplett ahnungslos ist, und hoffen mal, dass er es trotzdem hinkriegt? Du weißt doch genau: Wenn beide Kandidaten strikt nach Leistung und Erfahrung beurteilt würden, wäre die Sache klar.

Dad: Wieso? Was hat sie denn bitte als Außenministerin geleistet, außer, dass durch ihre Schuld vier Amerikaner in Bengasi sterben mussten?

Ich: Sie hat Osama Bin Laden mit zur Strecke gebracht.

Dad: Sie hat außerdem Regierungen Gefallen getan, die Menschenrechte mit Füßen treten, nur, weil die an ihre Stiftung spendeten. Ist das etwa nicht unethisch?

Ich: Doch, das ist es.

Dad: Sag bloß, wir sind mal einer Meinung?

Ich: Ich sehe schon, dass dies der Kern allen Übels mit den Clintons ist. Sie haben zu oft gehandelt, als könnten sie sich über das Gesetz stellen, als heilige der Zweck die Mittel.

Dad: Warum wählst du sie dann?

Ich: Erstens, weil Trump nicht ins Weiße Haus darf. Zweitens, weil sie die fähigere Kandidatin ist. Drittens, weil ich ehrlich überzeugt bin, dass sie einen guten Job machen wird. Und schließlich auch, wie meine Töchter sagen würden, weil es cool wäre, wenn ein Mädchen Präsidentin wäre.

Dad: Sagen sie das? Die Kinder sind politisch ja ziemlich fit für ihre acht und fünf Jahre.

Ich: Sind sie auch. Und sie wollen nicht, dass du Trump wählst! Komm schon, Dad, wähl Hillary, tu's für deine Enkelkinder!

Dad: Netter Versuch.

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