Jan Fleischhauer

Frauen für Trump Das Ende des Feminismus (wie man ihn kannte)

Schock für alle Feministinnen: 53 Prozent der weißen Frauen haben für Donald Trump gestimmt. Neigen Frauen zu selbstdestruktivem Verhalten oder gibt es eine andere Erklärung?
Trump-Unterstützerinnen

Trump-Unterstützerinnen

Foto: Charles Krupa/ AP

Am Abend des 9. November, wenige Stunden nachdem Hillary Clinton ihre Niederlage eingestanden hatte, hinterließ der Drehbuchautor Aaron Sorkin auf der Webseite von "Vanity Fair" einen Brief an seine 15-jährige Tochter Roxy und deren Mutter Julia. In der Wahlnacht hätten im Gefolge von Donald Trump, einem "Schwein" mit "gefährlichen Ideen" und einer "ernsthaften psychiatrischen Störung", auch alle "wütenden jungen weißen Männer" gewonnen, die von Frauen nicht mehr erwarten würden, als dass sie "heiß" aussähen. "Sorkin Girls, die Welt hat sich gestern auf eine Weise verändert, vor der ich uns nicht beschützen konnte. Das ist für einen Vater ein schreckliches Gefühl."

Sorkins Brief verbreitet sich in Windeseile im Netz, trotz des paternalistischen Untertons, den man bei anderer Gelegenheit sofort beanstandet hätte. Dass es bei der Wahl zwischen Clinton und Trump nicht nur um den Fortbestand des Westens, sondern auch um die Zukunft des Feminismus ging, war ein Thema, das schon während der Kampagne angeschlagen worden war. Von allen Gründen, die die 69-jährige Politikerin nannte, sie zu wählen, war das immer der erste und letzte: endlich eine Frau im Weißen Haus!

An mangelnder Unterstützung hat es nicht gelegen, dass Clinton den Einzug verpasste beziehungsweise an die Glasdecke stieß, wie sie sagen würde. Alle waren für sie: Hollywood, die Wall Street, das Silicon Valley, die Medien, die Demoskopen, eigentlich praktisch jeder, der in Amerika ein Mikrofon halten kann. Noch nie in der Geschichte der Menschheit haben sich hinter einer Frau so viele mächtige Leute versammelt, um ihrer Karriere den entscheidenden Schub zu geben. 1,3 Milliarden Dollar hatte sie am Ende eingesammelt, 500 Millionen mehr als ihr Konkurrent.

Es scheint ziemlich viele wütende Frauen zu geben

Bei der Suche nach einer Erklärung, warum wider Erwarten ein Schwein und nicht die Frau gewonnen hat, von der man überall lesen konnte, dass niemand besser für den neuen Job geeignet sei, wurde man schnell fündig. Kaum stand das Ergebnis fest, war der "wütende weiße Mann" als Schuldiger ausgemacht, jener emotional zurückgebliebene Halbdepp aus der Provinz, über den es beim Obama-Sieg 2012 noch geheißen hatte, seine Zeit sei für immer vorbei. "Sollte Clinton gegen den Sexisten Trump verlieren, ist das der ultimative Beweis, wie frauenverachtend die amerikanische Gesellschaft ist", hatte die Schriftstellerin Siri Hustvedt schon Wochen vor der Wahl erklärt.

Es gibt allerdings ein Detail, das zu dieser Interpretation der Ereignisse nicht so richtig passen will. Wenn die US-Wahl die Frauenfeindlichkeit Amerikas zeigt: Wie lässt es sich dann erklären, dass Trump auch in der Wählergruppe der weißen Frauen überdurchschnittlich abgeschnitten hat? 53 Prozent haben dort für den Kandidaten der Republikaner gestimmt, trotz der in Endlosschleife gezeigten Busfahrt, in der er damit prahlt, was er sich bei ihnen alles herausnehmen kann. Unter den weißen Frauen ohne Collegeabschluss liegt der Anteil der Trump-Wählerinnen sogar bei 62 Prozent. Es scheint, zumindest in Amerika, auch ziemlich viele wütende Frauen zu geben.

Ein Grund könnte sein, dass Frauen durch viele Jahre der Erniedrigung zu selbstdestruktivem Verhalten neigen, so legen es jetzt einige schüchterne Erklärungsversuche nahe. So wie es Frauen gibt, die es an der Seite von Männern aushalten, die sie misshandeln, haben sie jetzt eben für Trump gestimmt, den verbalen Frauenschläger. Das Argument bedeutet allerdings, dass man eine ganze gesellschaftliche Gruppe pathologisiert, obwohl es bislang doch hieß, dass Frauen emotional reifer seien als Männer und deshalb besser in der Lage, in komplizierten Situationen den Überblick zu behalten.

Herkunft, Klasse, Religion sind im Zweifel wichtiger als das Geschlecht

Die andere Erklärung wäre, dass vielen weiblichen Wählern Frausein als politische Aussage nicht ausreicht. Es war immer schon eine verwegene Annahme, dass sich Menschen hinter einer Politikerin versammeln, weil sie mit ihr das Geschlecht teilen. Warum sollte eine Frau aus dem Mittleren Westen, die Abtreibung für eine Sünde und Waffengesetze für Freiheitsberaubung hält, darüber hinwegsehen, dass sie mit einer liberalen Millionärin aus New York nichts und aber auch gar nichts gemein hat: Weil sie eine Frau ist? Herkunft, Klasse, Religion sind im Zweifel weitaus wichtiger als das Geschlecht.

Dem Feminismus ergeht es jetzt wie der Sozialdemokratie (unter der ich die US-Demokraten an dieser Stelle großzügig verrechne). Aus einer Emanzipationsbewegung ist mit fortschreitender Akademisierung ein Elitenprojekt geworden, dessen ideeller Fluchtpunkt nicht mehr die Supermarktkasse, sondern der Hörsaal ist. Das gilt paradoxerweise auch für Clinton, die mehr als drei Jahrzehnte von der Nachfolgegeneration trennt.

Das Anliegen von klassischen Feministinnen wie Alice Schwarzer war es immer, möglichst viele Frauen zu erreichen. Schwarzer ist Populistin, darin liegt ihre Stärke. Es ist kein Zufall, dass ihr berühmtes Buch über den "kleinen Unterschied" nicht nur Akademikerinnen befragte, sondern Frauen aus allen Schichten der Gesellschaft, die über ihre Erfahrungen und Enttäuschungen in der Partnerschaft berichteten.

Der moderne Feminismus behauptet nur, die Mehrheit der Frauen zu repräsentieren. Tatsächlich hat er Mühe, aus dem Seminarraum herauszufinden. Schon der Jargon der Protagonistinnen verrät, dass hier Leute den Ton angeben, deren Lebensplanung von einem drittmittelgeförderten Projekt zum nächsten reicht. Man muss keinen Kontakt zur normalen Arbeitswelt haben, der über gelegentliche Besuche bei Penny hinausgeht. Aber es kann eben auch nicht schaden, wenn man sich die Befreiung der Hälfte der Menschheit auf die Fahnen geschrieben hat.

Vielleicht kann man sich vorerst darauf einigen, dass Frauen doch nicht so anders sind als Männer. Nicht klüger, großmütiger und idealistischer - aber eben auch nicht weniger rachsüchtig, engstirnig oder nachtragend. Wenn sie die Nase voll haben, wählen sogar sie einen wie Trump.