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US-Wahl: Alternative Präsidentschaftskandidaten

Foto: GEORGE FREY/ AFP

Alternative US-Präsidentschaftskandidaten Autohändler, Bergsteiger, Folksängerin

Hillary Clinton und Donald Trump sind nicht die einzigen Kandidaten, die ins Weiße Haus wollen. Bisher waren die anderen nur Statisten - doch jetzt könnte zumindest einer eine entscheidende Rolle spielen.

Ein drittes Pult muss her. So jedenfalls lautet die jüngste Weisung an die vier Universitäten, die im September und Oktober die TV-Debatten der US-Präsidentschaftskandidaten ausrichten. Dreimal sollen Donald Trump und Hillary Clinton aufeinandertreffen und einmal ihre Vizes Mike Pence und Tim Kaine. Doch aus den geplanten Duellen könnten jetzt Dreikämpfe werden.

"Für den Fall der Fälle will man vorbereitet sein", sagte Mike McCurry, Ex-Sprecher des Weißen Hauses und jetziger Co-Vorsitzender der Commission on Presidential Debates, dem Magazin "Politico". Womit er meinte: Sofern ein dritter Kandidat in den Umfragen genügend zulegt, um sich zu qualifizieren.

Landesweit 15 Prozent muss ein Bewerber in den Umfragen erreichen, um an den Debatten in New York, St. Louis, Las Vegas (Kandidaten) und Virginia (Vize-Kandidaten) teilnehmen zu dürfen. Die Demokratin Clinton liegt zurzeit im Schnitt bei 44 Prozent, der Republikaner Trump bei 37 Prozent. Doch beide ernten zugleich historisch beispiellose Misstrauenswerte - weshalb sich plötzlich ein Spoiler dazwischenschiebt, ein Spielverderber.

Langsam aber sicher hat Gary Johnson, der Kandidat der Libertären Partei, seinen Anteil auf inzwischen rund neun Prozent konsolidieren können. In einigen Umfragen erreichte er zuletzt sogar schon zwölf Prozent. "Wir werden erst Mitte September wissen", sagte McCurry, "wie viele Einladungen wir verschicken." Die Bühnenbildner sollten sich also entsprechend wappnen.

Es ist eine von vielen Kuriositäten dieses Wahlkampfes: Beide Top-Kandidaten sind gleichermaßen unbeliebt - auch bei der eigenen Partei. Clinton ist eine skandalumflorte Kandidatin, die gegen andere Gegner einen viel schwereren Stand hätte. Trump wiederum hat sich derart disqualifiziert, dass immer mehr Republikaner das Weite suchen, um sich selbst zu retten.

Doch wen stattdessen wählen? Die Alternativen sind mager, oft bizarr - und alle chancenlos. Was die Dritt-, Viert- und Fünftkandidaten freilich bewirken könnten: Sie könnten als prozentuale Zünglein an der Waage den Ausgang dieses Rennens so dramatisch beeinflussen wie Reformpartei-Kandidat Ross Perot, der 1992 auf 18,9 Prozent kam. Und hätte der Grüne Ralph Nader dem Demokraten Al Gore vor 16 Jahren in Florida nicht Tausende Stimmen weggeschnappt, wäre es kaum zu dem Auszähldebakel gekommen, an dessen Ende George W. Bush triumphieren konnte.

SPIEGEL ONLINE präsentiert die interessantesten der Alternativ-Kandidaten.

  • GARY JOHNSON, Libertarian Party
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Gary Johnson, 63, ist der wohl einzige US-Präsidentschaftskandidat, der den Mount Everest erklommen hat. 2003 war das, da quälte sich der Selfmade-Millionär und damals noch republikanische Ex-Gouverneur von New Mexico mit einem gerade erst geheilten Beinbruch auf den Achttausender im Himalaya. Und nicht nur diesen hat Johnson gemeistert, sondern alle "Seven Summits" - die höchsten Berge aller sieben Kontinente. Er vergleicht diese Leistung gern mit seinen politischen Ambitionen: "Ein Schritt nach dem anderen, allen Widrigkeiten zum Trotz", sagte er einmal in einem Interview.

Seine bunte Botschaft dürfte bei vielen frustrierten US-Wählern gut ankommen: Steuern runter, Pazifismus, offene Einwanderungspolitik, Freihandel, Legalisierung von Marihuana. Immerhin könnte er damit sowohl Trump als auch Clinton wichtige Prozentpunkte abspenstig machen. Die besten Chancen rechnet er sich in seinem alten und seinem neuen Heimatstaat aus, New Mexico und Utah.

  • JILL STEIN, Green Party
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Als immerhin zweitpopulärste Alternativkandidatin hat Jill Stein, 66, einen nicht minder schillernden Lebenslauf: Ärztin, Internistin, Professorin, Aktivistin, Harvard-Absolventin (magna cum laude) - und Folksängerin mit vier Studioalben. Vor zehn Jahren beendete sie ihre Medizinkarriere, um sich vollends der Politik zu widmen. Doch alle Kandidaturen seither - unter anderem für den Posten der Gouverneurin von Massachusetts sowie einen Sitz im Parlament des Ostküstenstaats - blieben erfolglos.

Stein vertritt klassisch grüne Anliegen: eine umwelt- und klimaorientierte Wirtschaft, ein drastisch reduziertes Militär, kostenlose Unis. Kontrovers ist ihre Haltung zu Schutzimpfungen für Kinder, die sie als nicht hundertprozentig sicher kritisiert hat. Schon 2012 bewarb sich Stein für das Weiße Haus - und kam dabei mit exakt 469.501 Stimmen auf 0,4 Prozent. Diesmal könnte es etwas, aber nicht allzu viel mehr werden: In Umfragen dümpelt Stein bei drei, vier Prozent - auch das genug, um ein Zünglein an der Waage zu sein.

  • EVAN MCMULLIN, Independent

"Evan Who?", fragten die meisten, als McMullin, 40, Anfang August seine Präsidentschaftskandidatur erklärte. Der parteiunabhängige Junggeselle und Mormone aus Utah hat sich noch nie zuvor um ein Wahlamt beworben. Er jobbte einst fürs Uno-Flüchtlingskommissariat und als Missionar in Südamerika, war zehn Jahre lang CIA-Agent im Nahen Osten, Afrika und Asien, dann Investmentbanker bei Goldman Sachs und zuletzt sicherheitspolitischer Berater der Republikaner im US-Repräsentantenhaus.

Dort warb ihn die Anti-Trump-Fraktion der Partei als Letzte-Hoffnung-Option an. Maßgeblich daran beteiligt soll der Ex-Kandidat und Trump-Kritiker Mitt Romney gewesen sein, wie McMullin ein Mormone aus Utah. McMullin propagiert, obwohl formell unabhängig, klassische Republikaner-Belange: ein stärkeres Militär, eine geschrumpfte Zentralregierung, verschärfte Abtreibungsgesetze. Er könnte dafür sorgen, dass Trump das traditionell republikanische Utah verliert. Landesweit sind seine Chancen jedoch minimal: In Dutzenden Bundesstaaten hat er bereits die Anmeldefrist verpasst - und auf Twitter hatte er zuletzt nur knapp 37.000 Follower.

  • DARRELL CASTLE, Constitution Party

Der Endsechziger Darrell Castle ist einer der vielen kuriosen Bewerber, die seit Jahren durch die US-Wahllisten spuken, ohne dass es einer merkt. 2008 war er der Vizepräsidentschaftskandidat der paläokonservativen Constitution Party, die sich auf die buchstäbliche Auslegung der US-Unabhängigkeitserklärung, der Verfassung, der Bill of Rights und der Bibel spezialisiert hat. Was Castle nicht daran hindert, in Moralfragen wie Prostitution, Polygamie und Glücksspiel eine eher passive Position zu vertreten: Da möge sich der Staat nicht einmischen.

Der Jurist und ehemalige Marineinfanterist aus Memphis war ebenfalls mal als Missionar tätig, 1998 gründete er eine Stiftung für obdachlose Kinder in Bukarest. Als Anwalt vertrat er vor allem Verbraucher. Seine politischen Positionen sind eine Collage konservativ-libertärer Forderungen: So ist er gegen die Abtreibung sowie den Drogenkrieg und für "sicherere" Grenzen sowie eine strikt isolationistische Außenpolitik. So fordert er den Austritt der USA aus internationalen Organisationen wie der Uno, der Nato und der WHO.

  • ROCKY DE LA FUENTE, American Delta Party, Reform Party

Der gebürtige Südkalifornier Rocky de la Fuente, 61, gründete die American Delta Party, nachdem er bei den Vorwahlen der Demokraten durchgefallen war - er gewann keinen einzigen Delegierten. Die Reform Party des Ölmilliardärs Ross Perot ernannte ihn später ebenfalls zu ihrem Kandidaten. Der Sohn streng katholischer Einwanderer aus Mexiko studierte Physik, Mathematik und Betriebswirtschaft, machte sein Geld aber als Autohändler.

De la Fuentes Politprogramm steht unter dem Motto "Dienst an anderen". Er kämpft für eine liberale Einwanderungspolitik, "fairere" Löhne, ein strikt restriktives US-Militärengagement, einen Abbau der Staatsschulden durch drastische Haushaltskürzungen und eine Übernahme staatlicher Sozialleistungen durch gesellschaftliche, kirchliche und karitative Stellen.