Lehren aus der US-Wahl Trump und wir - und jetzt?

Diese amerikanische Präsidentschaftswahl hat Gewissheiten erschüttert: Wir Jüngeren dachten immer, Demokratie und Republik seien selbstverständlich. Wir haben da etwas unterschätzt.

Trump-Unterstützer in New York City
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Trump-Unterstützer in New York City

Ein Debattenbeitrag von


Wir dachten, das wird schon werden. Kann doch nicht sein, dass so einer wie er gewinnt. Fiktion. Verrückt. Wir dachten, dass die Show dieses rassistischen Clowns in der letzten Nacht enden würde.

Stattdessen fängt sie jetzt erst an.

Wir haben den Mann aus dem Trump Tower auch deshalb unterschätzt, weil er uns vorkommt wie von einem anderen Stern. Wortwörtlich. Rund um das Jahr 1980 geboren, haben wir, die Kinder des Kalten Kriegs, bisher nur Demokratie und Frieden erlebt. Selbstverständliche Stabilität. Wie könnte sich das jemals ändern?

Was wir längst vergessen haben: Dass Demokratie und Republik erkämpft wurden - in unserem Fall von den Amerikanern - und dass sie immer wieder gehegt und gepflegt, ja verteidigt werden müssen. Sonst verschwinden sie. Die Geschichte der 240-jährigen amerikanischen Republik handelt genau von diesen Kämpfen. Nun steht den USA ein neuer bevor.

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Und wir? Schlagen wir nur empört die Hände über dem Kopf zusammen und schauen dem amerikanischen Spektakel angeekelt zu? Zitieren wir, Kinder der Bildungsrevolution, halb nach Halt suchend, halb zynisch den Untergang des Römischen Reichs? Und versuchen ansonsten, da weiterzumachen, wo wir gestern aufgehört haben?

So jedenfalls sind wir das gewohnt. Aber das sollten wir nicht tun.

Denn so selbstverständlich, wie wir annehmen, ist unser friedliches Leben nicht. Dass wir es nicht anders gewohnt sind, bedeutet in dieser Frage nichts. Rein gar nichts.

Zurücklehnen in der eigenen Nische reicht nicht mehr

Trump ist nicht allein ein amerikanisches Problem und Phänomen. Er steht für einen rechtspopulistischen Trend, der sich längst auch in Europa manifestiert. Wir haben die vielen Trumps in Europa bisher nicht wirklich ernst genommen. Was soll schon passieren? Die Republik wird es ja wohl nicht gleich kosten. So haben wir gedacht.

Zurücklehnen und in der eigenen Nische klug daherreden reicht nicht mehr. Wir stehen jetzt an einer Schwelle: Die Frage der kommenden Jahre heißt nicht mehr Malediven oder Mallorca, sondern demokratisch oder autoritär; nicht mehr Facebook oder Twitter, sondern Meinungsfreiheit oder Zensur. Oder auch so: Nicht mehr Clinton oder Sanders, sondern Clinton oder Trump.

Dafür gilt es, sich zu engagieren: demokratisch, friedlich, für die Republik. Wie wäre es zum Beispiel mal mit Wählen gehen?

Denn wenn es weiter so mies läuft wie in diesem Jahr, dann regiert bald nicht mehr nur das Duo Putin-Trump, um die Welt gemeinsam unsicherer zu machen, sondern in Europa auch LePen und Strache, im Hintergrund schreitet der Brexit weiter voran, und die Rechtspopulisten sammeln Stimmen in Deutschland.

Nein, so selbstverständlich ist Demokratie nicht.


Video-Kommentar: Wir sind im Zeitalter des Populismus angekommen

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