Amerika im Wahlkampf Die brutale historische Logik

Kurz vor der US-Wahl liegt Hillary Clinton in den Umfragen vorn - aber nur knapp. Denn Donald Trump trifft den Nerv unserer Zeit: Seit 35 Jahren werden die Grundlagen der liberalen Demokratie systematisch zerstört.

AFP

Ein Essay von , Washington


Ich kann es kaum glauben und meine Finger krümmen sich, während ich das hier schreibe, aber ich fürchte, dass Donald Trump zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt werden wird.

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Heft 45/2016
Drehbuch einer Tragödie

Und so ist es passiert.

Es war wie ein Zugunglück, dem viele Menschen mit Staunen, Angst und Abscheu zugeschaut haben, über viele Monate hinweg; und nun, kurz bevor die Züge endgültig aufeinander prallen, setzt so etwas wie Erkenntnis ein.

Es war möglicherweise falsch, zu sehr und immer nur auf diese Züge zu starren; die eigentliche Geschichte ist die Geschichte dieses Landes, das so tief und traumatisch gespalten ist, das von so vielen Schocks und Veränderungen durchzogen ist, das so sehr von Angst gefangen gehalten wird, dass man es kaum mehr erkennt.

Die eigentliche Geschichte ist die der vergangenen 35 Jahre, weil seit der Reagan-Revolution von 1980 eine konservative Camorra systematisch daran gearbeitet hat, die Grundlagen der liberalen Demokratie zu zerstören, indem das Diktat der Wirtschaft, der Egoismus und das Recht des Stärkeren über alles gestellt wurden.

Die eigentliche Geschichte ist die der vergangenen 25 Jahre, weil seit der Präsidentschaft von Bill Clinton 1992 die Demokraten, die linken und liberalen Kräfte (wie übrigens auch New Labour in England und die SPD), sich der Globalisierung wie einem Naturgesetz ergeben haben und Schritt für Schritt einen wesentlichen Teil ihrer Wähler verraten haben: die Arbeiter und die untere Mittelschicht.

Die eigentliche Geschichte ist die der vergangenen acht Jahre, in denen Barack Obama regiert hat, was für viele Amerikaner immer noch eine Schmach und eine Schande ist, weil der Rassismus sich so tief in die Geschichte eingegraben hat und heute für viele Weiße überlebenswichtig scheint. Es ist, so wirkt es manchmal, alles, was sie haben.

Die Wahl von Donald Trump durch die weißen Amerikaner wäre die direkte Reaktion auf diese acht Jahre des neuen Manns Barack Obama, der in fast allem die Zukunft und die Chance dieses Landes verkörpert. Trump beschwört in alter reaktionärer Tradition eine heile vergangene Welt, zu der es kein Zurück gibt, nicht mal mit Gewalt.

Eine Abwehrschlacht der Verlierer

Es wäre also tragisch, wenn Trump gewählt würde, es hätte aber auch eine gewisse, brutale historische Logik, weil das Pendel oft und heftig erst in die eine und dann in die andere Richtung schwingt. Was in Amerika passiert, und auch das ist vergleichbar mit Europa, ist ein Kampf um die "weiße Identität", so hat die New York Times das beschrieben, es ist die Abwehrschlacht einer verschwindenden weißen Mehrheit.

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Cartoons von Ann Telnaes: Den Hass zeichnen

Es ist aber auch die Abwehrschlacht der Verlierer - oder derjenigen, die sich als solche sehen - gegen eine Globalisierung, die als Versprechen präsentiert wurde, von Republikanern wie Demokraten, von Ronald Reagan bis Barack Obama. Eine Globalisierung, die weite Landstriche in West Virginia oder Ohio oder Pennsylvania verwüstet und leer zurückgelassen hat, materiell, moralisch, politisch. Eine Globalisierung, die Teile der Bevölkerung für immer dem Konsens oder wenigstens dem Common Sense entfremdet hat.

In dieses Vakuum ist Donald Trump gestoßen, mit einer Rücksichtslosigkeit und Brutalität, die erst der Elite der Republikaner den Atem genommen hat und die Partei auf absehbare Zeit zerstört hat - und die dann die liberale Elite des Landes ratlos und fassungslos gemacht hat. Sie konnten einfach nicht glauben, dass dieser vulgäre Protz, dieser grapschende Geiferer, dieser dümmliche Demagoge eine Chance haben könnte gegen ihre Hillary.

Haben die Journalisten Trump unterschätzt?

Denn das war ja seit Langem klar: Sie sollte es werden. Darauf hatten sich weite Teile der liberalen Medienelite früh geeinigt, wie etwa der großartige Thomas Frank es gerade beschrieben hat. Erst störte Bernie Sanders ihr Spiel, den sie schon früh zum Verlierer herunter schreiben wollten und damit weite Teile gerade der jüngeren Wähler verprellten, dann war Donald Trump der ungebetene Gast bei der demokratischen Königinnen-Party.

Überraschend sicher waren sich auch viele Autoren in liberalen Zeitungen und Zeitschriften noch bis diese Woche, dass Trump keine Chance mehr hat, nach den Debatten, nach den Enthüllungen über Steuervergünstigungen und handgreiflichen Sexismus. Die "New York Times" brachte jeden Tag ein Schaubild, auf dem man bis vor ein paar Tagen lesen konnte, dass Hillary Clinton eine 92-prozentige Chance auf den Sieg habe. Selten war Datenjournalismus dämlicher.

Denn was sie alle übersahen, das war, dass es wenig Begeisterung und wenig gute Gründe gab, für Hillary zu sein - dass es aber viele Gründe gab, für Trump zu sein, ob man sie mochte oder nicht. Und die Debatten zeigten ja der ganzen Welt, dass es viele, viele Gründe gab, Angst vor Trump zu haben: Er präsentierte offen und stolz das antidemokratische Programm einer autoritären Herrschaft, die keine Rücksicht nehmen würde auf gängiges Recht oder Menschenwürde.

Hillary ins Gefängnis, zur Hölle mit der Umwelt, die Mauer gegen Mexiko, bomb the shit out of ISIS, beat them up: Es ist ein Paket des Grauens, das Trump geschnürt hat. Seine Steuerkürzungen würden Reagans Radikalkapitalismus niedlich erscheinen lassen, er würde aus dem Klimavertrag von Paris aussteigen, er würde ein Klima des Hasses und des Misstrauens schaffen, Schwarze, Hispanics, Muslime, alle Minderheiten, er würde die freien Stellen am Obersten Gericht mit extra-rechten Richtern besetzen und damit das gesellschaftliche Klima in entscheidenden sozialen Fragen wie Waffenbesitz oder Abtreibung für lange Zeit bestimmen.

Die haarsträubende Logik dabei ist, dass das Land immer noch an den Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise laboriert, die seit 2008 Teile der Mittelschicht enteignet hat. Wer deshalb nun für Trump stimmt, der handelt ungefähr so logisch, als würde er den Dieb, der ihm das Auto, das Haus und das Silberbesteck genommen hat, nun zum Abendessen einladen, damit er auch noch Tisch und Stühle mitnimmt.

Die großen Parteien sind in der Sackgasse

Aber sie tun es, und es hat lange gedauert, bis die Meinungselite verstanden hat, was da passiert. Thomas Frank hat es in seinem Buch "Listen, Liberal" beschrieben und George Packer im "New Yorker": Die Republikaner, die immer die Partei der Reichen waren, sind durch Trump zur Partei der Arbeiter und Entrechteten geworden, weil die sich eben von den Demokraten verraten fühlen.

Und so ist dieser Wahlkampf, so hässlich, so grotesk, zu destruktiv für Anstand und Praxis der Demokratie, tatsächlich Zeichen für etwas anderes, für eine tektonische Verschiebung, die weit bedeutender ist und weit längere Folgen haben wird: Die beiden großen Parteien haben durch ihre Planspiele und Machenschaften das demokratische System in eine Sackgasse manövriert, und ein Ausweg ohne radikale Erneuerung ist schwer vorstellbar.

Die Republikaner sind dabei hauptverantwortlich für die weitgehende Zerstörung der Politik, die einen Agitator wie Trump erst ermöglicht hat: Seit 2009 haben sie Barack Obama auf eine Art und Weise politisch bekämpft, die zum Schaden der Demokratie war, sie haben blockiert und manipuliert. Die Rufe Trumps, das System sei "rigged", also manipuliert, finden deshalb so einen großen Widerhall, weil die Republikaner selbst so lange das System aus zynischen Motiven verbogen haben.

Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass diese Partei sich seit langen Jahren mehr und mehr radikalisiert hat und jemand wie George W. Bush heute zum linken Flügel der Partei zählen würde: Der Sprecher der Republikaner im Repräsentantenhaus, Paul Ryan, bezeichnet sich selbst als einen "Bombenwerfer von rechts", als einen "Konservativen im konservativen Flügel einer konservativen Bewegung".

Eine Bewegung will nicht regieren; eine Bewegung will die Gesellschaft verändern. Das verband die konservative Revolution der Republikaner mit dem Aufstand des liberalen Gewissens, wie es Bernie Sanders verkörperte - es ist aber wenig sinnvoll, diese beiden Phänomene unter der Rubrik Populismus zu diskutieren, denn die eine Seite baut auf Angst, Hass und Abschottung, die andere auf Gerechtigkeit, Fairness, Umverteilung.

Es ist klar, dass die amerikanische Gesellschaft nicht mehr lange so weitermachen kann. Zu groß sind die Spannungen, die sich in den vergangenen Jahren gezeigt haben, von der stagnierenden Mittelschicht bis zum strukturellen Rassismus, der im Gefängnissystem eine Form angenommen hat, die viele mittlerweile mit einer neuen Art der Sklaverei vergleichen.

Und es ist verheerend, dass ein Rassist mit faschistischen Tendenzen kurz davor steht, die Macht in diesem Land zu übernehmen, ein Mann, der an den Hass, die Gier und die niedrigsten Instinkte appelliert, ein Hetzer, der Menschen gegeneinander ausspielt und Verlierer verabscheut und nur das Recht des Stärkeren kennt, ein autoritärer, narzisstischer, manischer, manipulativer und gefährlicher Lügner, dem alles zuzutrauen ist.

Amerika sortiert sich neu

Ich kann deshalb, bei aller Kritik an Hillary Clinton, die sich in ihrer Politik und in ihren Fehlern aber immerhin im Bereich des Rationalen befindet, nicht verstehen, wie sich manche aus Destruktionsromantik heraus einen Präsidenten Trump wünschen. Es wäre ein explosives, ungerechteres Amerika in einer explosiven, unberechenbareren Welt.

Es gibt gute Gründe, gegen Hillary Clinton zu sein, die eine Figur des Übergangs ist, von einer Zeit der Ungerechtigkeit zu einer anderen Zeit, die von einer anderen Generation gestaltet werden wird: Ihr Problem ist, dass sie diesen Makel nicht los wird. Einen Teil der afroamerikanischen Wähler, die von Obama euphorisiert waren, wird sie möglicherweise nicht motivieren können, und es könnte sie diese sicher geglaubte Wahl kosten. Es wird knapp, es wird sehr knapp.

Aber Amerika spaltet und sortiert sich eben gerade neu, es ist das weite Land gegen die großen Städte, es ist Weiß gegen alle, es ist die Mittelschicht gegen alle, es sind die Kriege der vergangenen Jahre, die wie ein Albdruck in diesen Wahlkampf hineinreichen und weite Teile der Veteranen dieser verheerenden Schlachtzüge für Trump votieren lassen, obwohl die Angriffe auf den Irak oder Afghanistan von republikanischen Präsidenten beschlossen wurden.

Trump, der Irrationalist, profitiert nicht nur von Putin, WikiLeaks, dem FBI und dem aggressiven Sexismus gegen eine Frau im Weißen Haus, sondern auch von der Spaltung, die er selbst produziert. Er ist ein Perpetuum Mobile des Hasses.

Immerhin, Stand heute: Noch ist nichts passiert. Noch ist alles möglich.

Wie war Barack Obamas Wahlkampfmotto?

Hope.

Und irgendwie hat sich ja auch schon Michelle Obama warmgelaufen für 2020.

insgesamt 306 Beiträge
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Seite 1
Atheist_Crusader 06.11.2016
1.
Versuchen wir's positiv zu sehen: Wenn Trump Präsident wird, die NATO kollabiert und generell sämtlicher irgendwie positive Einfluss aus Washington weicht (oder jeder negative sich vervielfacht), vielleicht ist das ja endlich der nötige Ansporn für Europa um seine Probleme in den Griff zu kriegen. ...okay, vielleicht sterben wir auch alle, weil Trump einen atomaren Schwanzvergleich mit Putin anfängt, nachdem der sich nicht an ihren "ganz tollen Deal" zur Ukraine gehalten hat. Aber hey: ab und an mal positiv denken.
cipo 06.11.2016
2.
"In dieses Vakuum ist Donald Trump gestoßen, mit einer Rücksichtslosigkeit und Brutalität..." Da sollte unbedingt auch die Verlogenheit erwähnt werden, mit der Trump in dieses Vakuum hineingestoßen ist. Für den Großteil seiner Wähler wird es ein ganz böses Erwachen geben, sollte Trump gewinnen.
Freidenker10 06.11.2016
3.
Die Thematik ähnelt doch sehr der unseren mit der AfD. Die deutschen Medien schreiben diese Partei herunter wie zuvor vielleicht nur noch die Reps, aber das Resultat scheint das Genenteil der gewünschten Wirkung zu erzeugen. Die Menschen begreifen langsam, dass die Medien auch nur einen Kandidaten wählen der ihnen in den Kram passt, dieses Resultat muss aber nicht zwangsläufig die Mehrheit der Wähler wiederspiegeln. Vielleicht haben die Wähler auch genug von dieser Art der Bevormundung durch die Medien und wählen absichtlich das Gegenteil dessen was scheinbar gesellschaftlicher Konsens wäre/ist. Um zu Amerika zurückzukommen, aus meiner Sicht ist Clinton eben nicht die absolute Nummer eins die es zu wählen gilt, denn sie steht für eine Kaste an Menschen, die das Land und vielleicht sogar die Welt ausbluten lässt und sich unfassbar die Taschen füllen. Der Mittelstand schmilzt in den USA dahin und nur noch die ohnehin schon Reichen werden immer reicher, ein ähnliches Problem werden wir zeitverzögert auch bei uns haben! Warum also jemanden wählen der durch Wahlkampfspenden Verpflichtungen eingeht, die die Superreichen noch Supersupersuper reicher machen würde? Auch die ungezügelte Migration macht den Amerikanern Sorgen, wie auch bei uns, also warum bemühen sich die Politiker nicht dem Rechnung zu tragen? Also Trump ist sicherlich ein Dampfplauderer und eigentlich nicht wählbar, aber die Korrupte Clinton eben auch nicht!
Big_Lebummski 06.11.2016
4. Danke! Danke vielmals!!!
Jetzt habe ich endlich eine Bezeichnung für meine politische Gefühlswelt! Ende der eigen psychischen Irritation! Ich bin ein "Destruktionsromantiker" !!! Trumpelchen, Linke, Recht, Afd und Hstunichgesehn! Her damit! Hauptsache die aktuelle regierenden Vollpfosten werden abgeschossen! Ich bin dabei! Nach mir die Sintflut!
aljusch 06.11.2016
5.
Der Artikel spricht mir aus der Seele. Trump als Präsident wird uns alle zum Weinen bringen und vor allem jene, die ihn als ihren "Retter" wählen.
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