Rennen ums Weiße Haus Vier Wählergruppen, die Clintons Sieg verhindern können

Kurz vor der US-Wahl liegen Donald Trump und Hillary Clinton in Umfragen eng beieinander. Die Demokratin braucht Stimmen von jungen Menschen und Afroamerikanern, doch die zögern. Vier Dinge sind für sie nun entscheidend.

Clinton in North Carolina
REUTERS

Clinton in North Carolina

Von , Washington


Bis vor Kurzem waren sie im Lager von Hillary Clinton siegessicher. Donald Trump? Sei quasi chancenlos, streuten ihre Vertrauten. Die Demokratin habe, so hieß es, die effektivere Wahlkampfmaschine. Zudem seien derart viele Staaten inzwischen potenziell demokratisch, dass Clinton sogar Kampfzentren wie Florida und Ohio verlieren könnte und trotzdem noch auf die benötigten 270 Wahlmänner kommen würde.

Seitdem das FBI ankündigte, neue E-Mails der Demokratin zu prüfen, ist die Lage ein wenig anders. In Clintons Team macht sich Unruhe breit. Trump hat in vielen Erhebungen aufgeschlossen, national und in einigen umkämpften Bundesstaaten. Im Umfeld der Demokratin klammern sie sich plötzlich an jede Umfrage, die die Kandidatin in einem wichtigen Staat vorne sieht. Vier Dinge müssen Clinton Sorgen machen.

1. Unsicherheitsfaktor Unabhängige

Wahlschilder in Akron, Ohio
AFP

Wahlschilder in Akron, Ohio

Wie die Stimmung in den wichtigen Bundesstaaten ist, versuchen beide Lager unter anderem aus den Frühwahl-Statistiken herauszulesen. Weil sich jeder, der wählt, entweder als Demokrat, Republikaner oder Unabhängiger registrieren muss, lässt sich dort, wo bereits gewählt werden kann, eine gewisse Tendenz errechnen: In der Regel stimmen die Wähler entlang ihrer Registrierung. Zudem lässt sich recht einfach klären, an welche Tür man noch klopfen muss, um die potenziellen Unterstützer zu erreichen, die noch nicht zur Wahl gegangen sind.

Clintons Vertraute glauben aus den ersten Zahlen eine historisch hohe Wahlbeteiligung herauslesen zu können. Auch die Ergebnisse in umkämpften Staaten wie Florida und Colorado stimmen sie zuversichtlich. Wie zuverlässig die Analysen allerdings sind, ist fraglich.

Es gibt einen gewaltigen Unsicherheitsfaktor: die Unabhängigen. Die Gruppe der Amerikaner, die sich nicht über eine bestimmte Partei registriert, wächst seit Jahren an, in manchen Bundesstaaten sogar rasant. In Florida zum Beispiel haben sich in diesem Jahr drei Millionen Wähler ohne Parteizugehörigkeit angemeldet, eine halbe Million mehr als vor vier Jahren. Wie diese Gruppe wählt, lässt sich wesentlich weniger genau vorhersagen, als die Gruppe der Demokraten oder Republikaner. Dass sich unter den Unabhängigen ein guter Teil seiner Fans versteckt, ist eine von Trumps Hoffnungen.

2. Die Null-Bock-Millenials

Fans von Sanders im Mai
REUTERS

Fans von Sanders im Mai


Einer der Gründe, weshalb das Lager von Clinton sich die Zahlen der Frühwähler in diesen Tagen gerne anschaut: Der Enthusiasmus unter Latino-Wählern - also in jener Gruppe, in der Trump nur einen äußerst schwachen Rückhalt hat - ist stark angewachsen. Aus Texas zum Beispiel werden Rekordwerte gemeldet. Es gibt für die Demokratin aber auch alarmierende Zeichen: Auf eine hohe Beteiligung der jungen Amerikaner - ein wichtiger Grund für die Wahlsiege Barack Obamas in den Jahren 2008 und 2012 - kann sie offenbar nicht automatisch zählen. Diese ist vielerorts rückläufig. Insbesondere in den wichtigen Bundesstaaten Ohio, Nevada und Iowa - die Obama 2012 allesamt gewann - ist der Anteil der "Millenials" an den Frühwählern abgestürzt.

Das kann mehrere Gründe haben: Viele junge, liberale Amerikaner waren Anhänger von Bernie Sanders und tun sich schwer mit Clinton. Andere sind möglicherweise bislang den Wahllokalen fern geblieben, weil sie Warteschlagen fürchteten oder schlicht keine Zeit hatten.

Für Clinton steht fest: Je höher die Zahl an jungen Wählern, desto besser. Sie muss einen Weg finden, um sie an die Urne zu treiben.

Anders Trump. Er hat unter "Millenials" einen noch schlechteren Ruf als Clinton, kann also kaum auf ihre Unterstützung hoffen. Seine Chance ist, dass möglichst viele von ihnen ganz zu Hause bleiben - und ihm somit indirekt helfen.

3. Wenig Begeisterung unter Afroamerikanern

Afroamerikaner in Michigan
REUTERS

Afroamerikaner in Michigan


Eine zweite Gefahr für Clinton ist die offenbar sinkende Wahlbeteiligung von Afroamerikanern. Die Zahlen erreichen vielerorts nicht die der Obama-Wahlen: In Florida stellen Afroamerikaner laut der "New York Times" bislang nur 15 Prozent der Wähler, die ihre Stimme schon abgegeben haben. Vor vier Jahren waren es 25 Prozent. In North Carolina ist ihre Wahlbeteiligung verglichen mit 2012 um 16 Prozent abgestürzt. Ähnliche Entwicklungen werden aus Ohio gemeldet.

Meinungskompass

Der Trend kommt für Clintons Team nicht ganz unerwartet. Schon lange herrscht in der Zentrale der Demokratin die Sorge, dass Obamas Abschied aus dem Weißen Haus sich negativ auf den Enthusiasmus unter Afroamerikanern auswirken könnte. Die Mannschaft der Demokratin hofft noch auf eine massive Schluss-Mobilisierung in dieser wichtigen Wählergruppe.

Und einer soll helfen: Barack Obama. Von Clintons Strategen wird der Präsident in diesen Tagen täglich in einen neuen Swing State geschickt. Am Mittwoch sprach Obama die Probleme offen an. Die Beteiligung schwarzer Amerikaner sei "noch nicht so stabil wie sie sein sollte", mahnte er. Die Botschaft: Wenn ihr nicht wählen geht, wird Trump Präsident.

4. Die Spätentscheider

Bänder für Frühwähler
AFP

Bänder für Frühwähler

Umfragen sind heutzutage eine Wissenschaft für sich. Um möglichst präzise Vorhersagen machen zu können, versuchen die Meinungsforscher, ein immer genaueres Abbild der Wählerschaft zu befragen. Natürlich liegen die großen Institute auch immer mal wieder daneben, was aber nicht unbedingt an der falschen Methodik liegen muss. Es kann auch den Grund haben, dass sich in den letzten 48 Stunden vor einem Urnengang ein relevanter Teil der Wähler umentscheidet oder überhaupt erst auf einen Kandidaten oder eine Kandidatin festlegt.

Diese Spätentscheider können auch in diesem Jahr ein wichtiger Faktor sein. Rund jeder zehnte Wahlberechtigte gibt an, immer noch keine Entscheidung getroffen zu haben. Wie die letzten Tage vor dem 8. November ablaufen, dürfte auf ihre Stimme stärkeren Einfluss haben als auf die der anderen Wähler. Weil in diesem Jahr beide Kandidaten so beispiellos unpopulär sind, könnte die Frage, wer von beiden im Schlussspurt im Fokus der Debatte steht, den Ausschlag geben.

Und da hofft Trump auf einen Vorteil: Seit Tagen geht es um Clinton und das FBI. Kommt kein anderes, für ihn unangenehmes Thema dazwischen, könnte Trump in der Gruppe der Spätentscheider am 8. November abräumen.

insgesamt 321 Beiträge
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aktenzeichen 03.11.2016
1. Wenn Clinton einfach nur nicht gewählt würde,
dann würde die Karavane der (angeblichen) Eliten der anderen Staaten ebenso einfach weiterziehen und vor sich hin murksen: Denn so dicht wie jetzt war die Welt seit 1962 nicht mehr vor einem Krieg. Trump wird den "Mief" in den Institutionen der Staaten mit Sicherheit in Bewegung bringen und den Finger in die Wunde legen!
andregera 03.11.2016
2. Für Korruptionsenthüllungen
ist es nie zu spät, und schon gar nicht zu früh. Frau Clintons Stil ist mindestens unehrlich und Intrigant, Wenn Trump ungeeignet für das Ovaloffice sein soll, dann ist es diese Lügnerin ebenso!
palimpalimtim 03.11.2016
3. Mal ganz ehrlich . . .
Wer denkt denn hier von einer Wahl zu sprechen, dessen Ausgang irgend eine Art von Bedeutung auf die später ausgeführt Politik haben wird. Alles nur Worte, wie Donald so schön über sein Umkleidekabinengeschwätz sagt. Und zumindest hat er damit recht. Schauen Sie sich Obama an. Scheinbar ist ein Friedensnobelpreis nötig um der Präsident mit den meisten parallel-Kriegen + Drogen- und Drohnenkrieg in die Geschichte einzugehen. Alles nur Geschwätz. Wer sich wirklich für US-Politik interessiert, sollte sich lieber erst über dessen Historie informieren. In dem inzwischen Kult gewordenem Buch "Die Lügen Geschichte | Wer die Welt wirklich regiert" erfahren Sie was wirklich hinter den Kulissen abgeht. https://www.amazon.de/Die-Lügen-Geschichte-wirklich-regiert/dp/374181217X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1478169587&sr=8-1&keywords=aybirdi
urbanism 03.11.2016
4.
die sinkende Wahlbeteiligung der Afroamerikaner hängt m.E. nicht mit Hillary Clinton zusammen sondern damit das viele immer noch von Barack Obama enttäuscht sind. Mit der Wahl zum Präsidenten haben viele in den Armenviertel gehofft dass sich an Ihrem Leben etwas ändern wird. Aber es geschah nichts, in den amerikanischen Problem Vierteln und Problem Städten herrscht die selbe Hoffnungslosigkeit wie die Jahrzehnte davor. Also warum sollten die armen Afroamerikaner Frau Clinton wählen wenn der eigene Bruder schon keine Wende gebracht hat????
sven2016 03.11.2016
5.
Auf gut deutsch: Die bisherigen Prognosen sind mit sehr heißen Nadeln gestrickt: es gilt auch hier - schneller Poll ist besser als qualifizierter. Es ist schon erstaunlich, dass bei der Unzahl an täglichen US-Ergebnisprognosen (jeder Sender hat wenigstens eine plus die ominösen Online-Polls, auf die sich die Republikaner gerne berufen) inzwischen Organisationen, die draus gewichtete Mittelwerte berechnen, als seriöseste Ergebnisse gewertet werden
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