US-Wahl Wie die Latinos Bush gerettet haben

John Kerrys Strategen haben die Minderheiten selbstverständlich auf der Haben-Seite verbucht. Doch sie lagen ebenso falsch wie die Demoskopen. Niemand hatte erwartet, dass die Hälfte der US-Latinos für George W. Bush gestimmt hat. Die Wahlanalyse beweist: Amerikas Melting Pot funktioniert noch immer.

Von Michael Werz, Washington


Einwanderer bei der Wahl in Kalifornien: Faustregel umgekehrt
AFP

Einwanderer bei der Wahl in Kalifornien: Faustregel umgekehrt

"Das Auto ist schneller als die Pferde" heißt ein mexikanisches Sprichwort, was bedeutet, dass die alten Eliten manchmal der Entwicklung in der Gesellschaft hinterherlaufen. Als am Tag nach der US-Präsidentschaftswahl deutlich wurde, dass sensationelle 42 Prozent der amerikanischen Latinos sich für Amtsinhaber Bush entschieden hatten, müssen sich die Demokraten wie reitende Esel vorgekommen sein. Sie hatten sich, wie die Demoskopen, Wahlforscher und Kommentatoren im eigenen Land getäuscht.

Als Faustregel hatte bis zum vergangenen Dienstag gegolten, dass eine hohe Wahlbeteiligung den Demokraten zu Gute kommt. Und als sich im Laufe des Tages abzeichnete, dass mit fast 60 Prozent der größte "Voter turnout" seit mehr als 30 Jahren erreicht wurde, sank die Stimmung bei den Konservativen auf den Nullpunkt. Es schien, als habe die massive Mobilisierungskampagne der Demokratischen Partei, der verschiedenen Minderheitenorganisationen, bis hin zu Bruce Springsteen und P-Diddy (mit seiner viel beachteten "Vote or Die"-Initiative) den Erfolg von John Kerry gebracht.

Doch im Laufe der Nacht stellte sich heraus, dass nicht nur Florida an den Präsidenten gefallen war, sondern in insgesamt fünf von sechs Bundesstaaten mit der höchsten Wahlbeteiligung ihrer Geschichte die Republikaner gewonnen hatten.

Zeitenwende der US-Migrationsgeschichte

Sänger Ricky Martin mit Bush (2001): Hälfte der Latinos wählte konservativ
REUTERS

Sänger Ricky Martin mit Bush (2001): Hälfte der Latinos wählte konservativ

Was in Georgia, Kentucky, South Carolina, Tennessee und Virginia geschah, spiegelt eine Zeitenwende der amerikanischen Migrationsgeschichte wider. Es ist nicht so, dass zum zweiten Mal in acht Jahren ein wenig überzeugender und vorsichtiger Kandidat der Demokratischen Partei eine gewinnbare Wahl verlor. Vielmehr hat George Bush die Wahlen mit Hilfe wichtiger Minderheitengruppen gewonnen. Dass die Hälfte der Latinos konservativ wählt, hat niemand erwartet.

Diese eigentliche Überraschung der Wahl beweist, dass die politische und kulturelle Eingemeindung von Minderheiten in Amerika noch immer glückt. Integration bedeutet hier jedoch nicht Anpassung an Leitkultur und Stampfkartoffeln, sondern die Latinos "verändern das Bild Amerikas, indem sie es bestätigen", so der Leipziger Historiker Dan Diner.

Die Einwanderer aus Lateinamerika sind seit vier Jahren die größte Minderheitengruppe und machen deutlich über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus, mit steigender Tendenz. Die Wahlen haben nun gezeigt, dass die Hispanics ein fester Bestandteil einer Gesellschaft sind, in der nur Politiker Erfolg haben, die auf die dramatischen demografischen Veränderungen bewusst reagieren.

Bushs Verwandlung in einen Südstaatler

Wählerschlange in Florida: Das wohlhabenden Ostküstenkind konnte sich erfolgreich versüdlichen
AFP

Wählerschlange in Florida: Das wohlhabenden Ostküstenkind konnte sich erfolgreich versüdlichen

Als Person ist es Bush, dem wohlhabenden Ostküstenkind aus Neuengland, gelungen, sich erfolgreich zu versüdlichen. Während seiner Zeit in Texas lernte er, nach außen zu symbolisieren, dass ihn und seine Partei die Hispanics nicht unberührt gelassen haben.

In Texas und Kalifornien liegt deren Bevölkerungsanteil bei über einem Drittel, in New Mexiko werden sie in wenigen Jahren bald die Hälfte aller Einwohner stellen. Doch gerade in der neuen Generation haben sozialer Aufstieg und Bildungserfahrungen die Gruppe der Hispanics uneinheitlicher werden lassen.

Die Hälfte von ihnen charakterisierte sich in der letzten Volkszählung als "Weiß" und will nicht unbedingt als Mitglied einer benachteiligten Minderheit angesehen und angesprochen werden. Dass die Republikaner als gute Konservative die Minderheiten immer weitgehend ignoriert haben, verschaffte ihnen in dieser neuen Situation einen Vorteil.

Demokraten folgen dem Minderheitenbild der Siebziger

Kerry-Wahlkampf in Miami: Hispanics sind inzwischen ganz gewöhnliche Amerikaner
REUTERS

Kerry-Wahlkampf in Miami: Hispanics sind inzwischen ganz gewöhnliche Amerikaner

John Kerry ist an dieser Aufgabe letztlich gescheitert. Denn die Demokraten folgen unausgesprochen noch immer dem Minderheitenbild der siebziger Jahre: Schwarze, braune und gelbe Amerikaner gelten als sozial benachteiligt und darum für demokratische Wohlfahrtspolitik empfänglich. Das ist aber nicht mehr der Fall, weil viele Hispanics inzwischen ganz gewöhnliche Amerikaner des 21. Jahrhunderts sind und genau so konservativ wie 52 Millionen andere.

Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass die Minderheitengruppen, die Schwarzen eingeschlossen, nicht mehr en bloc wählen wie noch vor 15 oder 20 Jahren. Es mutet an wie eine Ironie der Geschichte, dass bei den Wahlen 2004 nur zwei amerikanische Minoritäten mit überwältigender Mehrheit gegen Bush stimmten: Juden und Araber, die anderen waren da aufgeschlossener.

Todesfurcht und Schwulenangst

Clinton (1998): Hoffnung auf die Wiedergeburt von Bill
DPA

Clinton (1998): Hoffnung auf die Wiedergeburt von Bill

Dieses Ergebnis bereitet nicht nur der Demokratischen Partei riesige Kopfschmerzen, sondern es ist auch eine schallende Ohrfeige für Politikwissenschaftler wie den Samuel Huntington, der noch vor einigen Monaten mit der These von der Bedrohung der amerikanische Nation durch die nicht-assimilierten Latinos auf sich aufmerksam gemacht hatte. Auch Huntington lebt in Neuengland, das von dem neuen, dynamischen und schnell wachsenden Amerika des Südwestens nicht nur geografisch sehr weit entfernt ist.

Im Wahlkampf haben die Republikaner auf Todesfurcht und Schwulenangst gesetzt und dadurch die christlich-konservative Basis mobilisiert. Zuweilen machten die Wahlkampfreden den Eindruck, als handele es sich um eine Live-Inszenierung von Mel Gibsons "Passion of Christ" auf der politischen Bühne.

Aber darin liegt nicht der einzige Grund für über drei Millionen Stimmen Vorsprung, die George Bush landesweit gegenüber John Kerry für sich verbuchte. Er hat die Wahl gewonnen, weil er erstmals wichtige Minderheiten für sich gewinnen konnte. George Bush mag der "wiedergeborene Christ" sein. Die Demokraten wünschen sich nichts sehnlicher als einen wiedergeborenen Bill Clinton, der seinerzeit sogar viele Miami-Kubaner auf seine Seite brachte - aber der ist weit und breit nicht in Sicht.

Michael Werz ist Transatlantic Fellow beim German Marshall Fund of the United States in Washington



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