US-Wahlkampf Bush befürchtet explosive Oktober-Überraschung

Das Unerwartete, Überraschende in der Endphase des amerikanischen Wahlkampfes hat einen Namen: "October Surprise". "Überraschung im Oktober" heißt in den USA eine dramatische Nachricht, die den Ausgang der Wahl beeinflussen kann. Diesmal ist es der dubiose Sprengstoffdiebstahl im Irak.
Von Georg Mascolo

Washington - Kein Botschaftsempfang, keine Party war seit Monaten ohne die Diskussion ausgekommen, was wohl in diesem Jahr die "October Surprise" sein wird. Ein überraschender Militärschlag gegen die iranischen Atomanlagen lag in den Spekulationen knapp hinter der überraschenden Verhaftung Osama Bin Ladens. In jedem Fall sollte die Geschichte eine sein, mit der ein triumphierender George W. Bush die noch wankenden Amerikaner von seiner Führungsstärke überzeugen würde. Eine echte Stunde der Exekutive also.

Wenn Bin Laden es schafft, sich über den kommenden Dienstag hinaus wegzuducken, ist die "October Surprise" des Jahres 2004 die Geschichte eines geplünderten Sprengstoffdepots im Irak. Das Bush-Lager, zunächst entschlossen, die Geschichte auszusitzen, hat die Gefahr inzwischen erkannt. Die 380 Tonnen Hochexplosives halten sich seit Tagen hartnäckig in den Nachrichten, und das Weiße Haus kämpft mit einer Flut von Fernsehauftritten, Presseerklärungen und E-Mails an Reportern gegen den gefährlichen Subtext der Geschichte. Bushs Herausforderer John Kerry nutzt sie inzwischen bei jedem seiner Auftritte, um noch einmal mit neuer Verve zu sagen, dass dieser Präsident die Lage im Irak nicht unter Kontrolle hat. Der tauge nicht als Oberkommandierender.

Gab Baradei die Hinweise?

Gelingt es Kerry mit dieser Botschaft durchzudringen, gerät Bush in große Not: Denn wenn die Amerikaner ihm eines immer noch zutrauen, dann ist es, dass er sie in ihrem Krieg, dem Kampf gegen den Terrorismus anführen kann. Diesen Glauben zu erhalten ist Bushs beste Chance auf einen Sieg - sie doch noch ernsthaft zu beschädigen vielleicht Kerrys letzte Chance auf die Präsidentschaft.

Bush bittet um Geduld, eine Armee-Untersuchung laufe bereits. Kerry hüpfe auf jede Schlagzeile, sagt der Präsident, ohne die Fakten zu kennen. Sollte sich herausstellen, dass die Iraker selbst noch das Lager geräumt haben, könnte sich die Geschichte schnell als Bumerang für Kerry herausstellen. Aber derzeit interessieren sich beide Seiten nicht mehr sonderlich für die Tatsachen, selbst die Medien werden nur noch nach vermuteten politischen Präferenzen sortiert. Aber Bushs Berater sind bereits dabei, das Bild einer Verschwörung auszubreiten, die als Schlussakkord eines überaus hässlichen Wahlkampfes taugt: Ein Spitzenbeamter der ungeliebten Vereinten Nationen soll die Geschichte durchgestochen haben, um den Multilateralisten Kerry zum Sieg zu verhelfen. Ein richtiges Uno-Komplott, eine internationale Verschwörung und natürlich wieder einmal gegen Amerika.

Als Hauptverdächtiger muss Mohammed al-Baradei, der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, herhalten. Von dem Juristen, der allgemein als Glücksfall für die Behörde gilt, ist bekannt, dass er kein Freund Bushs ist. Den aufgeblasenen Geschichten über Iraks Massenvernichtungswaffen hat er stets widersprochen, nach dem Einmarsch der Amerikaner hat er die Fehde fortgesetzt. In immer neuen Berichten an den Weltsicherheitsrat hat Baradei vor der Plünderung der von der IAEA stillgelegten Atomanlagen im Irak gewarnt. Ganze Gebäude werden abgeräumt, Maschinen, die für den Bombenbau taugen, verschwinden, sagte Baradei. Plünderer, vielleicht organisierte Banden, mutmaßten sie bei der IAEA.

Die Amerikaner kümmerte das stets wenig. Zu den Orten, deren Bewachung Baradeis Leute mit Nachdruck forderten, gehörte auch das inzwischen geplünderte Sprengstoffdepot.