US-Wahlkampf "Bushs schlimmster Alptraum"

Die Kongresswahlen grandios verloren, bei der US-Präsidentschaftswahl schon jetzt von vielen abgeschrieben: Die Stimmung in der Demokratischen Partei könnte kaum schlechter sein. Mit John Kerry aber ist jetzt ein möglicher Präsidentschaftskandidat aufgetaucht, dem ernsthafte Chancen gegen den Amtsinhaber George W. Bush eingeräumt werden.

Washington - Senator John Forbes Kerry, von Anhängern teils scherzhaft, teils ehrfurchtsvoll "JFK" genannt, ist auf den ersten Blick der perfekte Präsidentschaftskandidat der Demokraten: Er vertritt entschieden liberale Positionen, hat keine Angst vor Konflikten mit der Regierung, kehrte als Kriegsheld aus dem Vietnam-Krieg zurück und wurde danach eine der lautesten Stimmen im Chor der Kriegsgegner. Er hat Geld, ist ein erfolgreicher Spendensammler und Ehemann von Teresa Heinz, der Tochter des gleichnamigen Saucen-Fabrikanten. Er ist eloquent, telegen, intelligent und unverdächtig, sich selbst in Zeiten nationaler Krisen vor Präsident George W. Bush und dessen Republikanern wegzuducken.

Aber er ist ein Liberaler. Und das gilt in weiten Teilen der USA nicht nur als unschick, sondern als Schimpfwort. Im Senat stimmte Kerry für legale Abtreibungen, wetterte gegen den Unilateralismus der Bush-Regierung und versprach zähen Widerstand gegen Ölbohrungen in Alaska. Als er in der vergangenen Woche nach langem Zögern seine Bewerbung für die Präsidentschaftskandidatur erklärte, rieben sich führende Republikaner bereits die Hände: ein liberaler Senator aus Massachusetts - eine vermeintlich leichte Beute, wie schon Michael S. Dukakis, der 1988 gegen George Bush senior unterlag. Zur Freude der regierenden Konservativen ist Dukakis obendrein Kerrys jetziger Wahlkampfberater.

Vier Orden in zehn Monaten

Doch der Liberale könnte sich für die Republikaner als harter Brocken erweisen. "John Kerry ist in mancher Hinsicht George W. Bushs schlimmster Alptraum", sagte Kathleen Sullivan, Demokraten-Chefin von New Hampshire, der "New York Times". Wie sie zählen viele Demokraten die kriegerischen Heldentaten Kerrys zu dessen größten Vorzügen in einem Wahlkampf, der aller Voraussicht nach außergewöhnlich stark vom weltweiten Kampf gegen vermeintliche und tatsächliche Terroristen bestimmt sein wird.

Wer in Vietnam binnen zehn Monaten drei Mal verwundet wurde, drei Purple Hearts, einen Bronze Star und einen Silver Star für Tapferkeit im Kampf erhielt, so das Kalkül der Demokraten, dürfte in Sachen Patriotismus kaum angreifbar sein. "Die Sache wird äußerst schwierig werden für manche Leutchen in Washington, die alles getan haben, um sich vor Vietnam zu drücken", sagte Sullivan.

Katastrophale Umfragewerte für Al Gore

Kerry hat offenbar gute Chancen, von den Demokraten als Bush-Herausforderer auf den Schild gehoben zu werden. Sollte Ex-Vizepräsident Al Gore trotz seiner Niederlage von vor zwei Jahren erneut gegen Bush antreten, spekulieren Beobachter, würde Joe Lieberman als Kandidat ausfallen und Kerry zur Nummer zwei werden. Sollte sich Gore aber zurückhalten, wird Kerry von vielen als Top-Kandidat der Demokraten gesehen.

Erst vor zwei Wochen haben sich die Chancen für dieses Szenario erhöht. In einer Umfrage der "New York Times" und des Fernsehsenders CBS sagten fast zwei Drittel der Befragten, Gore solle den Weg frei machen für einen anderen Kandidaten. Selbst unter Anhängern der Demokraten betrug der Anteil der Gore-Gegner mehr als 50 Prozent - und das unmittelbar nach einer groß angelegten Werbekampagne für zwei neue Bücher Gores, die ihm kurzzeitig eine nahezu flächendeckende Medienpräsenz in den USA bescherte.

Ein weiterer Vorteil Kerrys: Er hat jede Menge Geld. Aus seinem Senatswahlkampf sind Zeitungsberichten zufolge rund drei Millionen Dollar an Spendengeldern übrig geblieben, die er nun für seinen Präsidentschaftswahlkampf nutzen könnte. Der 59-Jährige gilt als geschickter Spendensammler - eine Eigenschaft, die durchaus entscheidend sein könnte in einem knappen Wahlkampf, zumal die Demokraten traditionell weniger Spenden bekommen als die Republikaner. Und sollte sich der politische Gegner zu "außerordentlichen persönlichen Attacken" hinreißen lassen, so Kerry, könne er auch das Vermögen seiner Frau anzapfen.

Kerrys wohl wichtigste Eigenschaft aber dürfte seine Lust am Konflikt mit der Regierung sein - eine Eigenschaft, die den Demokraten im Vorfeld der haushoch verlorenen Kongresswahlen abging. Sie hätten versucht, gegen die Republikaner zu gewinnen, ohne gegen sie anzutreten, höhnten US-Zeitungen nach der Wahl.

Nicht simpel genug für Bush

Die Härte in der Sache aber war noch nie Kerrys Problem. Schwierigkeiten dürfte er vor allem auf einem Gebiet bekommen, auf dem George W. Bush nahezu unschlagbar ist: Kerry ist nicht simpel genug. Kritiker halten ihm vor, dass er oft zu kalt, zu unpersönlich, zu distanziert, zu seriös, zu elitär, kurzum: zu aristokratisch wirke. Schon die Falten, die geradezu auf seine Stirn gemeißelt scheinen, brachten so manchen Kommentator gegen ihn auf. Er sei genau der Typ, der in einer Trucker-Kneipe nach einem "Spritzer Kaffee" frage, schrieb etwa der einflussreiche Kolumnist Joe Klein.

Spätestens seit Klein mit einer Titelstory in einem New Yorker Magazin 1992 die erste Welle von positiven Presseberichten über Bill Clinton auslöste, hat sein Wort Gewicht im amerikanischen Polit-Betrieb. Es würden wohl noch Hunderte Profile über John Kerry verfasst, schrieb etwa die "Washington Post". Das von Klein aber werde das wichtigste sein.

Glück für Kerry, dass Klein ihn nicht allzu schlecht wegkommen ließ - und ihm sogar eine reelle Chance auf das höchste Amt einräumte. "Möglicherweise sind Kerrys nachdenkliche Art und seine komplizierten Antworten im Moment nicht das Richtige", so der Kolumnist. "Aber es ist genauso gut möglich, dass seine gelassene Reife präsidial wirkt."

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