US-Wahlkampf Clinton-Anhänger wenden sich von Obama ab

Der politische Gegner überzieht ihn mit Wendehals-Vorwürfen, und auch Sympathisanten der Demokraten machen Barack Obama Ärger: Eine Umfrage zeigt, dass immer mehr Anhänger Hillary Clintons bei der Präsidentschaftswahl lieber zu Hause bleiben wollen als für ihn zu stimmen.


Barack Obama hat es dieser Tage nicht leicht. Auch nach dem Ende des monatelangen Zermürbungskampfes mit seiner parteiinternen Rivalin Hillary Clinton bekommt der künftige Präsidentschaftskandidat der Demokraten keine Verschnaufpause. Denn was viele politische Beobachter in den USA prophezeit hatten, droht Wirklichkeit zu werden: Das lange Ringen mit Clinton um die Präsidentschaftskandidatur hat einen tiefen Graben in der demokratischen Partei hinterlassen - und der ist offenbar so tief, dass er den Sieg gegen den republikanischen Kandidaten John McCain gefährden könnte.

Barack Obama: Immer Ärger mit der eigenen Partei
AP

Barack Obama: Immer Ärger mit der eigenen Partei

Umfragen zufolge gelingt es Obama derzeit nicht, Clintons Anhänger auf seine Seite zu ziehen. Im Gegenteil, wie eine aktuelle Erhebung von CNN zeigt: Die Zahl der Clinton-Freunde, die nunmehr Obama unterstützen wollen, ist innerhalb des vergangenen Monats sogar gesunken.

Anfang Juni - kurz bevor Clinton das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur aufgegeben hat - hatten 60 Prozent ihrer Anhänger in einer CNN-Umfrage angegeben, im November Obama wählen zu wollen. Jetzt haben CNN und das Meinungsforschungsinstitut Opinion Research erneut nachgefragt. Das Ergebnis: Nur noch 54 Prozent der Clinton-Anhänger wollen die parteiinternen Seiten wechseln. Fast ein Drittel will der Umfrage zufolge gar nicht wählen gehen. Anfang Juni hatten das nur 22 Prozent gesagt.

Kleiner Trost, große Probleme

Derzeit gibt es in diesem Zusammenhang nur eine gute Nachricht für Obama: Auch die Zahl der Clinton-Anhänger, die so enttäuscht waren, dass sie am liebsten John McCain wählen wollten, ist zurückgegangen. Doch das ist nur ein schwacher Trost angesichts der Tatsache, dass 43 Prozent aller Demokraten in der Umfrage angaben, sich Hillary Clinton zur Präsidentin zu wünschen. Für Obama mag das wie blanker Hohn klingen, denn Anfang Juni lag dieser Wert bei nur 35 Prozent. Offenbar ist Clinton innerhalb der Partei beliebter geworden, seitdem sie sich nicht mehr um die Präsidentschaftskandidatur bewirbt. In der gleichen Zeit ist die Zustimmung für Obama von 59 auf 54 Prozent gesunken.

Bisher wollen Beobachter in den USA noch keine voreiligen Schlüsse aus dieser Entwicklung ziehen. "Diese Dinge brauchen Zeit, um zu verheilen", sagte CNN-Analyst Bill Schneider. Der Tenor in den Medien: Nach vier Wochen sei es für viele glühende Clinton-Anhänger noch zu früh, einfach die Seiten zu wechseln. Aber mit der Zeit würden sie Obama als ihren Kandidaten akzeptieren.

Sollte Obama Clinton zu seiner Vizepräsidentin machen, werde es sicher helfen, die Partei wieder zu einen. Andere Experten halten ein solches Szenario allerdings für unwahrscheinlich, da die Tatsache, dass Clinton seit 16 Jahren in der Washingtoner Politik aktiv ist - erst an der Seite von Ehemann Bill Clinton, dann als Senatorin - Obamas Botschaft vom Wechsel verwässern würde.

Irak-Botschaft sorgt für Ärger

Und mit verwässerten Botschaften hat Obama derzeit Ärger genug. In den vergangenen Tagen hat er einen Riesenwirbel ausgelöst, indem er andeutete, ausgerechnet in der Irak-Debatte seinen Standpunkt zu revidieren. Bisher hatte der 46-Jährige stets fest versprochen, nach seiner Wahl zum Präsidenten die US-Kampftruppen innerhalb von 16 Monaten aus dem Irak abzuziehen. Nun aber erklärte er, dass er zunächst die Generäle zu Rate ziehen würde. "Wenn ich die Gelegenheit habe, einige Kommandeure vor Ort zu treffen, dann werde ich sicherlich mehr Informationen haben und werde meine politischen Pläne noch weiterentwickeln", sagte Obama.

Den Republikanern gab er damit eine Steilvorlage. "Es gibt offenbar kein Thema, bei dem Obama nicht gewillt ist, für den politischen Nutzen einen Rückzieher zu machen", sagte Republikaner-Sprecher Alex Conant. Obama sei eben auch nur ein "typischer Politiker".

Eilig rief Obama anschließend eine Pressekonferenz ein, um seine frühere Aussage zu relativieren. "Lassen Sie es mich so deutlich sagen, wie ich nur kann: Ich habe die Absicht, diesen Krieg zu beenden", sagte er. "Ich werde an meinem ersten Tag im Amt den Generalstab zusammenrufen und ihm einen neuen Auftrag erteilen, und der lautet, diesen Krieg zu beenden." Aber auch hier setzte er hinzu: "Ich wäre ein schlechter Oberbefehlshaber, wenn ich die Entwicklungen am Boden nicht berücksichtigen würde."

Obama rückt nach rechts

Es ist nicht die einzige Gelegenheit, bei der Obama seine liberalen und linken Wähler in letzter Zeit verprellt haben könnte. In den vergangenen Wochen sprach er sich für die Todesstrafe und gegen strenge Waffengesetze aus und befürwortete mehr Steuergelder für religiöse Gruppen - allesamt Themen, mit denen Obama im rechten Spektrum zu punkten hofft.

Die Frage ist, ob das gelingt - oder die anvisierten Wählergruppen ihn für einen Opportunisten halten und ihn abstrafen für den "flip flop", wie allzu offensichtliche politische Wendemanöver in den USA bespöttelt werden.

Obama hatte auch versprochen, die Neuauflage des umstrittenen "Patriot Act" zu verhindern, nachdem herausgekommen war, dass US-Telekommunikationsfirmen die Internet- und Telefonverbindungen ihrer Kunden ausspioniert hatten. Doch jetzt hat er auch hier seine Meinung geändert. Die Erneuerung des Anti-Terror-Gesetzespakets - das noch immer die Strafverfolgung der Telekommunikationsfirmen verhindern würde - sei im Interesse der nationalen Sicherheit.

"Das wichtigste für einen Politiker ist seine Marke", sagte Matthew Dowd, der früher als Stratege für den Noch-Präsidenten George W. Bush gearbeitet hat. "Obamas Marke ist, dass er eine andere Art von Politiker sein wird. Er hat diese Marke in den vergangenen eineinhalb Jahre aufgebaut, aber zuletzt hat er ihr einige Beulen verpasst."

Bisher wenigstens scheinen Obamas demokratische Anhänger ihm diesen Spielraum zu lassen. "Wir wollen wieder ins Weiße Haus einziehen", sagt die Parteistrategin Liz Chadderon. "Wenn es nötig ist, ihm dafür eine längere Leine zu geben, dann wird er sie bekommen."

mbe/AP/Reuters



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