US-Wahlkampf Dean frisst Kreide

Präsidentschaftskandidat Howard Dean will sein Image ändern. Weil er mit aggressiven Attacken auf Bush bei der Vorwahl in Iowa nicht punkten konnte, will er sich den Wählern nun als besonnener Ex-Gouverneur präsentieren.


Will lammfromm werden: Der demokratische Präsidentschaftskandidat Howard Dean
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Will lammfromm werden: Der demokratische Präsidentschaftskandidat Howard Dean

Hamburg - Der Imagewechsel des Bewerbers ist dringend nötig: Während Bush den starken und besonnenen Staatsmann gibt, sorgte Dean mit einem Wutausbruch dafür, dass ihn wirklich jeder Wähler für einen Cowboy halten muss. "Wir marschieren alle nach Washington DC und werden das Weiße Haus zurückerobern", brüllte der erklärte Kriegsgegner nach seinem enttäuschenden dritten Platz bei den Vorwahlen in Iowa in die Fernsehkameras - das kam bei Wählern und politischen Freunden nicht gut an.

John Durkin, der frühere Senator von New Hampshire, dem Staat, in dem die nächsten Vorwahlen stattfinden werden, entzog Dean jetzt seine Unterstützung. Der Politiker sagte dem Fernsehsender CNN, er sei unentschlossen, und das sei das Ergebnis der Rede Deans. "Iowa veränderte das Bild dramatisch", so Durkin. "Ich wünschte, ich hätte den Fernseher in der Wahlnacht ausgeschaltet und wäre ins Bett gegangen. Jetzt weiß ich nicht, wen ich wählen soll."

Auch von den so genannten Weblogs oder "Blogs", die den gelernten Internisten im Internet bisher emphatisch feierten, kommt Kritik: "Ich fühle, dass ich es sagen muss", schreibt einer. "Er sollte nie mehr eine Rede wie diese ausposaunen. Never. Ever. Again." In seinem Online-Tagebuch verfasst Deans Wahlkampfteam regelmäßig Beiträge - und die Leser schreiben ihre Kommentare dazu.

Dean soll nicht nur meckern

"Dean muss mit den negativen Attacken aufhören", sagte auch der Abgeordnete Frank Pallone Jr. aus New Jersey in einer Telefonkonferenz mit Mitgliedern des Kongresses und dem Team von Dean gestern Nacht. "Er muss positiv sein, über die Zukunft reden, nicht über andere." Bisher hatte Dean in seinen Reden immer wieder betont, was Bush mache, sei alles "Mist", auf eigene Vorschläge aber weitgehend verzichtet.

Bei linksliberalen Demokraten kamen Deans Reden gegen Präsident Bush und gegen den Irakkrieg zwar gut an, Deans Kritiker aber glauben, nur ein gemäßigter Kandidat könnte Bush schlagen. Für den Präsidenten ist Dean deshalb der Wunschgegner: Ihn, so hofft Bush, könne er leicht in die linke Ecke stellen und sich damit den Sieg sichern.

Nach dem Willen seiner Helfer soll sich Dean jetzt lieber als würdevoller Ex-Gouverneur positionieren und sich um Gesundheits- und Wirtschaftsthemen kümmern - Gebiete, auf denen auch Widersacher Bush gerade Punkte sammeln will. Deans Top-Thema Irakkrieg ist für die Wähler Umfragen zufolge eben kein Top-Thema mehr. Sie interessieren sich stattdessen für die allgemeine Wirtschaftslage.

Also soll sich auch der Kandidat dafür interessieren, Schluss mit der Miesmacherei ist die Devise seiner Wahlhelfer. "Wir haben uns in einer rauen, negativen und giftigen Kampagne verfangen", sagte Steven Grossman, der Vorsitzende der Kampagne und frühere Vorsitzende der Demokraten. "Diese erzeugte ein negatives Image von Howard. Er muss jetzt dringend wieder menschlicher werden."

Diese Kritik nimmt der Choleriker offensichtlich ernst: Mit sanfter und zögernder Stimme sprach Dean gestern über seinen Vorschlag, das System zur Kampagnenfinanzierung zu überarbeiten. Für seine Helfer ist das der erste Versuch Deans, seine Strategie zu ändern.

Vom Cowboy zum Minipräsident

"Ich sagte ihm, sei ein Minipräsident. Sei nicht so heiß, nimm dich zurück", sagte einer der prominentesten Dean-Unterstützer, der seinen Namen nicht nennen möchte. "Ich sagte: Wenn du in Zukunft die Menge aufrütteln willst, dann wirst du jemanden haben, der das für dich tut." Auch der Abgeordnete Robert Menendez von New Jersey forderte, der Kandidat solle, statt die Masse aufzupeitschen, lieber das Gespräch mit dem Wähler suchen und unter Beweis stellen, dass er sich für die Menschen einsetzt.

Wahlwerbespots sollen das neue Bild des alten Kandidaten untermauern: In diesen sieht man einen lächelnden Dean, umgeben von Kindern und einem älteren Pärchen. In früheren Spots dagegen gab der Kandidat den "lonesome Cowboy", den Einzelkämpfer.

Das aber ist nach Meinung seiner Helfer sowieso nicht der echte Dean. Um dem momentanen Popularitätstief zu entkommen, gibt es für sie deshalb eine einfache Lösung: "Als er er selbst war, war er mit den Menschen verbunden", sagte einer der Wahlkampfhelfer. "Was der Bursche jetzt machen muss, um zu gewinnen, ist, sich genau darauf zurückzubesinnen, den Doktor-Gouverneur zu geben und für die Dinge einzutreten, an die er glaubt." Also besinnt sich Dean auf die Basis, plant Besuche in Schulen und Krankenhäusern und nicht mehr Wahlveranstaltungen mit lauten und aggressiven Reden, wie man sie bisher mit seiner Kandidatur verband.

Die Wandlung des Doktor Deans soll heute live im Fernsehen zu sehen sein: In einer Debatte aller sieben demokratischen Kandidaten will Dean den Wählern in New Hampshire einen zweiten Blick auf ihren Kandidaten ermöglichen und so davon ablenken, wie er seinen Wahlkampf in Iowa beendet hat. Die Talkrunde wird live auf Fox News und WMUR-TV ausgestrahlt.

Trotz Wutausbruch: Gefüllte Kasse

Der Taktikwechsel geschieht in einer Phase, in der die Dean-Unterstützer einerseits schon leicht schwermütig ihren Siegeschancen hinterherweinen, andererseits aber auch darauf verweisen, dass die Reaktionen auf die Reden von Dean unfair gewesen seien: "Sie schreiben seinen Nachruf", sagte der Senator von Iowa, Tom Harkin, "aber ich erinnere mich daran, als McCain Bush in New Hampshire schlug und jeder sagte, Bush sei tot."

Totgesagte leben bekanntlich länger: Dean will sich jetzt mit ganzer Kraft in den Wahlkampf in New Hampshire stürzen. Zugute kommt ihm dabei, dass seine Wutausbrüche den Spendenfluss nicht zu dämmen scheinen: 590.000 Dollar an Spenden hat der Ex-Gouverneur seit Montag eingesammelt, sein Konkurrent John Kerry brachte es auf 300.000 Dollar, und John Edwards nahm 250.000 Dollar ein.

In der Wählergunst aber liegt momentan John Kerry vorne: Nach einer Umfrage der Zeitung "Boston Herald", kommt Kerry vor der Wahl in New Hampshire auf 31 Prozent. Damit liegt er zehn Prozentpunkte vor Dean, der bei 21 Prozent steht.

Angelika Hensolt



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