US-Wahlkampf Der Grantler und der Sonnyboy

Mit dem Südstaaten-Charmeur John Edwards will der US-Demokrat John Kerry das Weiße Haus erobern. Doch der frische Stil des Jungsenators aus North Carolina hat für Kerry nicht unbedingt nur Vorteile.

New York - Die Leser der "New York Post" wissen mehr. Gestern früh zum Beispiel, kurz bevor der US-Präsidentschaftsaspirant John Kerry seinen offiziellen Co-Kandidaten bekannt gab, spreizte sich das Boulevardblatt an den Kiosken Manhattans mit der fetten Titelschlagzeile: "Kerrys Entscheidung - Demokrat wählt Gephardt als Vize." Dick Gephardt, der glatte Kongressabgeordnete aus Missouri, solle Kerry die Stimmen im Mittleren Westen sichern, schrieb die Zeitung in einem quellenlosen Exklusivbericht.

So exklusiv war der, dass er die Realität ganz außen vor ließ. Noch während die Frühausgabe der "Post" ausgeliefert wurde, hatte sich die Wahrheit nämlich längst per Internet und E-Mail herumgesprochen: Nicht der goldhaarige Gephardt wird Kerrys Wahlkampf-Kompagnon - sondern John Edwards, der schön-charmante Südstaaten-Senator. Betreten entschuldigte sich Chefredakteur Col Allan für "den Fehler".

In einem behielt das New Yorker Hausorgan des konservativen Medienmoguls Rupert Murdoch aber Recht: Es geht hier, unter anderem jedenfalls, um den Mittleren Westen. Denn in dessen wichtigen Wankel-Staaten hatte Edwards, 51, bei den Vorwahlen schon kräftig abgeräumt - nicht zuletzt, indem er unermüdlich an seine ärmliche Herkunft erinnerte und soziale Gerechtigkeit zu seinem Motto machte. Er werde, gelobte der Anwalt damals, "die zwei Amerikas" wieder vereinen: das Amerika der Reichen und "das für alle anderen". Das kam gut an, vor allem in der gebeutelten Provinz und bei den Minderheiten.

Perfektes Puzzle für die Wähler

Von der Textilmühle des Vaters zur Tretmühle des Senats: Edwards Tellerwäscher-Biografie ist nicht sein einziger Bonuspunkt für Kerry. Der telegene Kennedy-Verschnitt aus North Carolina ist Kerrys Alter Ego: Edwards hat, was Kerry fehlt - und was Edwards fehlt, hat Kerry.

In die Düsternis des demokratischen Wahlkampfs bringt der Sonnyboy mit dem teuren Haarschnitt und der billigen Digitaluhr nun ein, was so viele Parteifreunde bisher schmerzlich vermisst haben: Charisma, Humor, Feuer, Frische - und zündende Rhetorik. Grantler Kerry wirkt oft wie eine mechanische Mototron-Puppe aus dem Disney-Fundus, deren eingebautes Tonband klemmt. Doch wenn Edwards auf die Bühne hüpft, beginnen nicht nur die Girls hysterisch zu kreischen. Beide ergänzen sich so zum perfekten Puzzle, einer "stilistischen Symmetrie", wie CNN-Reporterin Candy Crowley sagt. "John & John" nennt Vorwahl-Rivale Dennis Kucinich sie.

Hinter dem Kerry-Edwards-Duo steckt aber noch mehr. Mit Edwards geht Kerry, nach einem gefährlichen Flirt mit dem moderaten Republikaner John McCain, politisch auf Nummer sicher: Der Jurist ist relativ unkontrovers, zumindest in seiner sonst gerne zankenden Partei. Die Demokraten hatte er spätestens in der Tasche, als er 1999 den damaligen Präsidenten Bill Clinton bei dessen Impeachment-Verfahren im Senat so eloquent verteidigte. In parteiinternen Umfragen rangierte Edwards zuletzt als erste, logische Wahl für den Vizeposten - noch vor der immens populären Kollegin Hillary Clinton.

Multimillionär mit Klassenkampf-Parolen

Schon Al Gore hatte den makellosen Edwards, den manche als einen "Clinton ohne die Skandale" beschreiben, bei seinem Anlauf aufs Präsidentenamt vor vier Jahren kurz mal als Vize im Sinn. Insider rieten deshalb auch Kerry von Anfang an zu dem Südstaatler: "Er wäre verrückt, ihn nicht zu nehmen", befand Erskine Bowles, der ehemalige Stabschef des Weißen Hauses, der nun selbst in den Senat will.

Aufmerksame Beobachter ahnten das Joint Venture bereits bei den Primaries. Zwar beharkten sich Kerry und Edwards da erst nach Leibeskräften. Doch dann, zur TV-Debatte in Los Angeles, waren sie auf einmal ein Herz und eine Seele: Edwards nannte Kerry "meinen Freund", Kerry tätschelte Edwards und nannte ihn sogar "meinen guten Freund". Sechs Tage später stieg der gute Freund freiwillig aus dem Ring und stellte sich hinter Kerry.

Die demonstrative Harmonie täuscht, damals wie heute: Kerry und Edwards sind kaum aus einem Polit-Guss. Der Internatszögling Kerry aus Boston schleicht sich politisch immer mehr zur Mitte, zweifellos aus wahltaktikischen Gründen. Arbeitersohn Edwards dagegen steht bisher deutlich links; seine Klassenkampf-Parolen finden besonders bei den Gewerkschaften Beifall, die dabei geflissentlich übersehen, dass Edwards ein Multimillionär ist, genau wie Kerry.

Wie ein junger Clinton

Die Republikaner stürzten sich also schon gleich auf diese vermeintliche Schwachstelle: Das Kerry-Edwards-"Ticket" sei das linksliberalste Kandidatenteam, das es je in einer US-Wahl gegeben habe, behauptet Bushs Wahlbüro in einer seitenlangen Demontage Edwards, die schon Minuten nach der offiziellen Verkündung über die Faxe aller Redaktionen hier lief. Ein vorab produzierter und sofort in Umlauf gebrachter TV-Spot mokierte sich unterdessen darüber, dass Kerrys "erste Wahl" ja eigentlich John McCain gewesen sei.

Wie sehr sich die Republikaner sorgen, offenbarte auch ein Memo des Bushschen Chefstrategen Matthew Dowd. "Wir sollten davon ausgehen, dass sich das Rennen bis Anfang August wild zu seinen Gunsten wendet", schrieb der über Kerry. Nach dem Parteitag Ende Juli sei mit einem Vorsprung Kerrys von 15 Prozentpunkten zu rechnen.

Dazu hofft Edwards - den das Klatschmagazin "People" vor drei Jahren zu einem der "Sexiest Men Alive" kürte - beizutragen, indem er mit sanften Tönen auch die Südstaaten auf Kerrys Seite bringt. Denn ohne den Süden wird hier keiner Präsident. Edwards' konföderierter Akzent ist also in letzter Zeit auffallend pronocierter geworden; längst klingt er wie ein junger Clinton. "Er ist so frisch", freut sich der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson aus South Carolina. "Er repräsentiert den Süden auf vielerlei Weise. Ich bin tief beeindruckt."

Kontrast zum Seniorenteam

Doch das Frischesiegel könnte Edwards sogar gefährlich werden: Schon versuchen die Gegner, ihn wegen seiner noch jungen Polit-Karriere als Grünschnabel zu diskreditieren. Seine lukrative Anwaltskarriere gab er erst 1998 auf, zwei Jahre nach dem tragischen Unfalltod seines 16-jährigen Sohns Wade, der ihn "traf wie nichts zuvor in meinem Leben" und ihn ins öffentliche Leben trieb.

Edwards' Unerfahrenheit hatte selbst Kerry in den Vorwahlen noch verspottet: "Ich weiss nicht mal, ob John Edwards schon aus den Windeln war, als ich 1969 aus Vietnam zurückkam." Jetzt preisen die Demokraten eben diese Jugendlichkeit als Kontrast zum Seniorenteam des Weißen Hauses und verweisen darauf, dass Edwards' direkter Gegner, Vizepräsident Dick Cheney, mit seinen 63 Jahren schon vier Herzinfarkte hatte.

"Vier reiche, weiße Typen"

Auch die US-Medien reagierten gespalten. Die "New York Times" lobte die "geschickte Wahlkampfkunst" und "einnehmende Persönlichkeit" Edwards', die "Washington Post" seine "kraftvolle Message". Konservative Kommentatoren hingegen mäkelten: "Ist er dem Amt gewachsen?", fragte John Harwood vom "Wall Street Journal"; Steve Doocy vom Murdoch-Sender Fox News nörgelte: "Die Leute mögen keine Anwälte." Und CNN-Anchorman Jack Cafferty murrte, jetzt hätten die Amerikaner im November nur noch die Wahl zwischen "vier reichen, weißen Typen".

Dass das alles aber nicht viel bedeuten muss, zeigt die Geschichte. Der am meisten verlachte Vizekandidat der letzten Jahrzehnte war 1988 der Republikaner Dan Quayle, doch all das Gespött gefährdete den Wahlsieg von George Bush Sr. nicht. Die Demokratin Geraldine Ferraro dagegen, 1984 als erste Frau im Rennen, erntete nur Lobeshymnen - und konnte die Niederlage Walter Mondales dennoch nicht abwenden. Ronald Reagan blieb Präsident.