Gesundheit im US-Wahlkampf Schweigen bis der Arzt kommt

Hillary Clinton hielt ihre Lungenentzündung geheim - bis sie einen Schwächeanfall erlitt. Die Gesundheit von Präsidenten und Kandidaten spielt in den USA seit jeher eine große Rolle und brachte manche Politiker in Erklärungsnot.

Hillary Clinton bei der Veranstaltung in New York
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Hillary Clinton bei der Veranstaltung in New York


Ein Amateurfilmer hat die besorgniserregenden Szenen in einem Video aufgenommen: Hillary Clinton schwankt nach einer Veranstaltung zum 15. Jahrestag der Anschläge vom 11. September in New York, sie muss von Leibwächtern gestützt und dann in ein Auto gehoben werden. Der Schwächeanfall konnte für die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen, denn der Wahlkampf befindet sich rund zwei Monate vor der Abstimmung in seiner heißesten Phase.

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Schon wird unter dem Hashtag #hillaryshealth über den Gesundheitszustand der 68-Jährigen spekuliert. Dass ihr Wahlkampfteam erst danach bekannt gibt, die frühere Außenministerin leide seit einigen Tagen an einer Lungenentzündung, gibt den Gerüchten und Theorien über ihren wahren Gesundheitszustand weiter Nahrung. Hillary Clinton sei zu krank für das Weiße Haus, wird von ihren Gegnern schon seit Wochen insistiert.

Der Gesundheitszustand von US-Präsidenten oder Kandidaten hat im US-Wahlkampf schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Aber im Gegensatz zu früher gehen Amerikas Politiker angesichts der veränderten Medien und Kommunikationsmöglichkeiten mit ihren Bulletins in die Offensive, um Spekulationen gar nicht erst aufkommen zu lassen.

So gab Harold Bornstein, der Arzt von Hillary Clintons Rivalen Donald Trump, vor ein paar Monaten bekannt, wie fit der ebenfalls 69-jährige Milliardär sei. Der Bericht schließt mit den Worten: "Wenn Trump gewinnt, wird er ohne Zweifel der gesündeste Mensch sein, der je zum Präsidenten gewählt wurde." Eine Aktion, die anschließend scharf kritisiert wurde, weil der "Untersuchungstermin" offenbar nur wenige Minuten dauerte und auch der Arzt selbst keinen zweifelsfreien Ruf genießt.

Barack Obama als Golfspieler
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Barack Obama als Golfspieler

Amtsinhaber Barack Obama ließ später ebenfalls die Ergebnisse seines Gesundheitschecks veröffentlichen: "Die Gesundheit des Präsidenten ist nicht nur weiterhin exzellent, sie hat sich im Vergleich zur letzten Untersuchung im Juni 2014 noch einmal verbessert", hieß es im Bulletin von Ronny Jackson, Obamas Leibarzt.

Schon im Wahlkampf 2008 hatten sowohl Obama als auch sein Rivale John McCain jeweils auf Hunderten Seiten ihre Krankengeschichte veröffentlicht. Bei dem damals schon 72-jährigen Republikaner McCain sorgte eine mehrfach aufgetretene Hautkrebserkrankung für Diskussionen, ob der Vietnamveteran fit genug für das Weiße Haus sei.

 George W. Bush mit leichten Blessuren nach seiner Ohnmacht
REUTERS

George W. Bush mit leichten Blessuren nach seiner Ohnmacht

Wie sehr die Gesundheit ihres Präsidenten die Amerikaner interessiert, hatte auch schon Obamas Vorgänger George W. Bush erfahren: Er verschluckte sich 2002 abends vorm Fernseher auf dem Sofa an einer Brezel und fiel kurz in Ohnmacht. Die Brezel habe den Vagusnerv des damals 55-Jährigen stimuliert, was den Herzschlag verlangsamt haben könnte, diagnostizierte damals sein Leibarzt. Bush sei aber ausgesprochen gesund, teilten Ärzte nach einer Untersuchung mit. Seine Ehefrau Laura scherzte später in der "Tonight Show" von Jay Leno, ihr Mann erhalte ab sofort vor dem Fernseher nur noch "sichere Knabbereien".

Bush Zusammenbruch in Tokio (Video-Grab)
AP

Bush Zusammenbruch in Tokio (Video-Grab)

Sein Vater George H. W. Bush war 1992 zum Entsetzen seiner Gastgeber bei einem Staatsdinner in Japan plötzlich vom Stuhl gefallen und hatte sich übergeben. Der Schwächeunfall war möglicherweise auf das Schlafmittel Halcion zurückzuführen. Sein Sprecher Marlin Fitzwater teilte später mit, die mögliche Gefahrenquelle sei beseitigt. Bush verzichte künftig auf das Medikament. Hier kam der Vorfall ebenfalls zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Die Asienreise sollte der Auftakt seines Präsidentschaftswahlkampfs sein. Innenpolitisch stand Bush wegen einer anhaltenden Rezession stark unter Druck.

Lyndon B. Johnson und seine Frau (Aufnahme von 1955)
Getty Images/ Bettmann Archive

Lyndon B. Johnson und seine Frau (Aufnahme von 1955)

Auch in den Sechzigerjahren spielte der Gesundheitszustand der US-Präsidenten und der Kandidaten bereits eine große Rolle. So wies das Wahlkampfteam von John F. Kennedy 1959 gerne darauf hin, dass der Rivale Lyndon B. Johnson 1955 schon einen schweren Herzinfarkt hatte. Der Texaner hatte sich stets gerne als robuster Politiker präsentiert.

John F. Kennedy (Aufnahme von 1960)
AP

John F. Kennedy (Aufnahme von 1960)

Kennedy wiederum wurde von seinem Lager dagegen als jung und vital dargestellt. Dass er aber permanente Rückenschmerzen und andere Gebrechen hatte, wurde lange verschwiegen. Johnsons Team konterte aber bereits im Wahlkampf mit Hinweisen auf die angeschlagene Gesundheit von JFK.

Zurück zum aktuellen Wahlkampf: Donald Trump ließ am Montag mitteilen, sein Team werde respektvoll mit der Erkrankung Hillary Clintons umgehen. Für den Republikaner eine untypisch taktvolle Vorgehensweise. Aber die Diskussion um ihre Gesundheit wird Hillary Clinton vermutlich auch ohne Trumps Kommentare so schnell nicht mehr loswerden.

als/dpa

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