US-Wahlkampf Die Schlammschlacht beginnt

Der Kampf zwischen Republikanern und Demokraten um das Präsidentenamt wird immer erbitterter. Während der Präsident wegen des Vorwurfs der Drückebergerei bei der Nationalgarde in der Defensive ist, verbreitet ein US-Internetdienst das Gerücht, Bushs potenzieller Herausforderer John Kerry habe eine Sex-Affäre. Kerry dementiert heftig.


Kandidat Kerry, Ehefrau Teresa Heinz: Etwas bleibt immer kleben
DPA

Kandidat Kerry, Ehefrau Teresa Heinz: Etwas bleibt immer kleben

Für die Demokraten ist es ein Déjà vu, und kein erfreuliches. John Kerry, der wahrscheinliche Herausforderer von George W. Bush bei den Präsidentschaftswahlen im November, soll eine Affäre mit einer Praktikantin haben. Die Nachricht verbreitete in der Nacht der Internet-Klatschkolumnist Matt Drudge in seinem "Drudge Report" ("Journalists fish through Kerry's pants") unter Berufung auf ein Webblog. Die Quellenlage ist somit alles andere als gesichert.

Andererseits war es der "Drudge Report", welcher im Januar 1998 Bill Clintons Praktikanten-Affäre lostrat, die ihm schließlich ein Amtsenthebungsverfahren einbrachte. In einer Radio-Sendung nahm Kerry mittlerweile Stellung zu den Gerüchten. "Da ist nichts zu berichten, nichts zu berichten, nichts zum darüber reden, nein", dementierte Kerry die Meldung in der populären Talkshow des Moderators Don Imus auf MSNBC. Er sei auf einen republikanischen Angriff vorbereitet und willens zu kämpfen: "Ich bin eine Weile dabei und habe einige harte Rennen mitgemacht", so Kerry: "Man hat mich so ziemlich von allen Seiten durchleuchtet und untersucht. Und ich glaube, sie werden sich wundern... Ich bin ein Kämpfer und bereit, zurück zu schlagen."

Dabei sind die Vorwürfe bisher reichlich vage - mehrere Medien würden Hinweisen auf eine 20-jährige Frau nachgehen, die das Land auf Drängen Kerrys in Richtung Afrika verlassen habe, hieß es auf der Drudge-Seite kryptisch. Unter anderem recherchierten "Time Magazine", ABC News, die "Washington Post" und die Nachrichtenagentur Associated Press die Vorwürfe, berichtet Drudge. Einige der genannten dementierten inzwischen, einer Kerry-Geliebten auf der Spur zu sein: "Dies ist das erste Mal, dass wir davon hören, wir arbeiteten an einer Geschichte, an der wir nicht arbeiten", sagte Leonard Downie, Executive Editor der "Washington Post" der Online-Ausgabe der Londoner "Times". Auch bei "Time Magazine" war man über die Behauptung überrascht.

Einen Hinweis auf die Affäre soll nach Drudge-Informationen Anfang der Woche der inzwischen aus dem Rennen um die demokratische Nominierung ausgeschiedene Ex-General Wesley Clark gegeben haben. In einem Hintergrundgespräch mit Journalisten habe Clark gesagt, wegen eines "intern", eines Praktikanten oder einer Praktikantin, werde die Kerry-Kampagne "implodieren". "Wir reagieren in keiner Weise auf rechte Internet-Veröffentlichungen", sagte Clarks Pressesprecher Bill Buck dazu dem britischen "Daily Telegraph". Laut "Times" bezeichnete ein Clark-Sprecher die Gerüchte über eine entsprechende Aussage Clarks als "völligen Blödsinn".

Dass Clark sich so geäußert habe, hält nicht einmal der "Drudge Report" für besonders glaubwürdig: Wenn Clark tatsächlich hoffen konnte, dass der stärkste Konkurrent im Feld der demokratischen Bewerber demnächst ausscheiden würde, wäre seine Entscheidung, selbst auszusteigen, wenig plausibel. Inzwischen hat Clark sogar seine Unterstützung für Kerry erklärt.

Dass die Vorwürfe gerade jetzt auftauchen, ist kaum verwunderlich: Angesichts von Bushs Glaubwürdigkeitslücke in Sachen Irak-Krieg und bei seinem eigenen Militärdienst sind die Republikaner derzeit schwer in der Defensive; die Popularität des Präsidenten ist nach der neuesten Umfrage auf den niedrigsten Wert seiner Amtszeit gesunken.

Und nach der Wahlkämpferregel, wonach Angriff die einzig mögliche Verteidigung ist, packt das Bush-Team offenbar schon jetzt die Knüppel aus. Das Kalkül: Lieber agieren, statt nur zu reagieren, und Kerry den Knock-out verpassen, bevor er überhaupt die Nominierung der Demokraten errungen hat. Dem Bush-Team wäre es lieber, wenn ihr Mann gegen einen Gegner wie Howard Dean oder John Edwards antreten könnte.

Hätte Kerry tatsächlich eine Affäre, könnte sich das als tödlich für seine Ambitionen erweisen. Im Vorwahlkampf 1988 wurde der demokratische Strahlemann Gary Hart, der bis dahin als der ideale Kandidat und neuer Kennedy gegolten hatte, von einer Affäre mit der Schauspielerin Donna Rice dahingerafft - Corpus delicti war ein Foto, das Rice an Bord einer Yacht auf Harts Schoß sitzend zeigte.

Bill Clinton dagegen überstand den Skandal, als die wasserstoffblonde Gennifer Flowers in den Primaries von 1992 damit herauskam, eine zwölf Jahre währende Affäre mit dem damaligen Gouverneur von Arkansas gehabt zu haben. Clinton leugnete die Beziehung, gab aber in einem mehr oder minder erzwungenen TV-Interview mit Frau Hillary "Probleme" in seiner Ehe zu.

Im Fall Kerry handelt es sich bislang nur um Gerüchte, nicht mehr. Doch auch wenn es nur dabei bleibt, wird etwas hängen bleiben - "mud always sticks", sagen Wahlkämpfer: Schließlich begann die Mehrheit der Amerikaner auch zu glauben, dass Saddam al-Qaida unterstützte, nachdem die Regierung es oft genug wiederholt hatte.

Die Sex-Vorwürfe, im prüden Amerika immer eine sichere Nummer, sind allerdings nur die potenziell explosivsten aus einem ganzen Fächer von Torpedos, die vom präsidentiellen Schlachtschiff auf den Kandidaten Kerry abgefeuert werden.

Vor allem Kerrys Bonus als Vietnam-Held versuchen die Republikaner mit allen Mitteln zu relativieren. "The Candidate's Other War Record", titelte etwa die neokonservative Zeitschrift "National Review". Dabei hilft ihnen, dass der fünffach dekorierte Ex-Leutnant sich nach seiner Rückkehr aus Vietnam zum überzeugten Kriegsgegner wandelte und bei den "Veteranen gegen den Vietnamkrieg" engagierte.

In der Friedensbewegung hatte er dabei Umgang mit allerlei Leuten, die viele Amerikaner für Spinner halten - zum Beispiel mit der Hollywood-Schauspielerin Jane Fonda, einer Ikone des linksliberalen Amerika, für Wähler der Republikaner allerdings ein ziemlich rotes Tuch. Dieser Tage nun sind Fotos aufgetaucht, die den jungen Kerry Seite an Seite mit der Friedensaktivistin Jane Fonda zeigen - ein gefundenes Fressen für die republikanischen Wahlkämpfer; rechte Talkshow-Moderatoren wie Rush Limbaugh machten die Bilder umgehend zum Thema.

Auch dass der Kandidat Kerry sich 1970 in der Studentenzeitung "Harvard Crimson" als "Internationalist" bezeichnete und forderte, US-Truppen unter das Kommando der Uno zu stellen, freut die Wahlkampfstrategen der Republikaner. Die Äußerungen mögen über 30 Jahre her sein und sich folglich auf eine andere historische Situation beziehen. Dennoch: Ein Politiker, der jemals mit der Idee gespielt hat, amerikanische Soldaten den Vereinten Nationen zu unterstellen, hat ein ernstes Problem. Nicht ganz wenige Amerikaner glauben schließlich, dass sinistere Bürokraten im Uno-Hauptquartier am New Yorker East River insgeheim eine diktatorische Weltregierung errichten wollen.

Die Homo-Ehe ist ein weiteres Thema, dass die Republikaner gegen Kerry instrumentalisieren. Der will, so seine offizielle Wahlkampf-Position, Schwulen zwar das Recht auf eine Art Zivilehe zugestehen, nicht aber eine vollgültige Eheschließung ermöglichen. Das "Opposition Research"-Team des Bush-Camps hat nun allerdings herausgefunden, dass Kerry sich noch 2002 gegen das Verbot der Homo-Ehe aussprach - was ihn nicht gerade gut aussehen lässt.

Dummerweise hat auch noch der Oberste Gerichtshof seines Heimatstaats Massachusetts Homosexuellen gerade das Recht auf Ehe zugesprochen, was ihn weiter in Erklärungsnot bringt und als Vertreter des bei der Rechten verhassten "Massachusetts-Liberalismus" dastehen lässt.

Der frühe und heftige Start der Schlammschlacht könnte den schmutzigsten Wahlkampf seit langem ankündigen - womöglich noch schmutziger als die bisher dreckigste Auseinandersetzung in der Geschichte der US-Präsidentschaftswahlkämpfe.

In dem legendären Duell von 1988 zwischen George Bush senior und dem Demokraten Michael Dukakis, der wie Kerry aus Massachusetts stammte, feuerte Vater Bush seinem Kontrahenten eine schwere Breitseite nach der anderen direkt unter die Gürtellinie. So ließ er streuen, Dukakis habe eine Psychotherapie hinter sich und seine Frau Kitty sei Alkoholikerin.

Als es Bush gelang, Dukakis persönlich für die Vergewaltigung einer Frau durch einen Freigänger verantwortlich zu machen, war dies der Todesstoß für Dukakis' Hoffnungen auf das Weiße Haus.

Hans Michael Kloth



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