US-Wahlkampf Ein Republikaner in Berlin

Der Präsidentschafts-Wahlkampf in den USA kommt in die heiße Phase. Doch nicht nur in den USA sind Bushs Anhänger auf Stimmenfang. In Berlin kämpft ein junger Republikaner um die wichtigen amerikanischen Briefwähler - einsam, aber bestimmt.
Von Mia Raben

Berlin - In der Wahlnacht erlebte Henry Nickels einen Schock. Am 7. November 2000, als sein Parteigenosse George W. Bush in den USA gegen den Demokraten Al Gore zur Präsidentenwahl antrat, saß der 20-jährige Amerikaner zwischen rund 400 Studenten in einem Hörsaal der Heidelberger Universität. Seine schwierige Mission an dem Abend: Der aufgebrachten Menge als Pressesprecher der amerikanischen Republikaner zu vermitteln, wofür die Partei steht.

Doch dazu kam es nicht. Der Diskussionsabend wurde zum Schlüsselerlebnis. "Ich wurde von allen Seiten attackiert. Die Stimmung war feindselig. Die Studenten wollten gar nicht wissen, wer ich wirklich bin oder wofür ich stehe. Ich war schockiert. Ich dachte, die Europäer wären etwas objektiver", sagt Nickel. Seitdem weiß er, dass er hier "sehr hart arbeiten muss", um seine Botschaft mitzuteilen. Und kurz darauf sagt er seufzend: "Aber so sind sie eben, die linken Studenten. Das ist ganz normal, wenn man jung ist."

Henry Nickel ist 25. Er ist jetzt nicht mehr Pressesprecher, sondern Vorsitzender der deutschen Sektion von "Republicans Abroad International". Jetzt ist Wahlkampf und viel zu tun. Denn seit der letzten Wahl sind die so genannten "absentee votes", also die Briefwähler, wichtiger geworden. Viele Wahlbeobachter sagen, dass sie es waren, die George W. Bush bei der knappen Wahl vor vier Jahren ins Amt hievten. Und auch im kommenden Herbst, am 2. November, könnten sie aufs Neue das Zünglein an der Waage sein.

"Wir zünden keine Ölfelder an"

Doch besonders in Berlin ist es schwierig, die schätzungsweise 10.000 Exil-Amerikaner an die Urne zu treiben. Noch geringer ist die Chance, dass amerikanische Berliner ihr Kreuzchen bei dem in Deutschland eher unbeliebten amerikanischen Präsidenten setzen. Ein Image-Problem nennt Nickel das. "Wir Republikaner nieten nicht alle mit Bulldozern den Regenwald um, schießen mit Waffen wild durch die Gegend und zünden Ölfelder an", sagt er.

Manchmal wundert sich Nickel über die Naivität der Europäer. Der große Irrtum der Europäer sei es zu glauben, dass die Demokraten, sollten sie denn die Wahl gewinnen, plötzlich alles anders machen würden. "Auch sie werden nicht das Kyoto-Protokoll unterschreiben, jedem in den USA Lebenden eine Sozialversicherung verpassen und den Hunger in der Welt abschaffen", sagt Nickel. John Kerry sei George W. Bush ähnlicher, als viele Deutsche glauben wollen.

Auch wenn er bei Amerikanern und Deutschen in Berlin immer wieder auf Abneigung stößt - Nickel, der in Washington DC seine eigene Marketingfirma leitet, gibt nicht auf. Mit 13 trainierte ihn die Air Force in einem Militärlager für Jugendliche. Er wurde, wie er selbst sagt, "selbstbewusst, höflich und verbindlich" und lernte, wie man "ein Flugzeug steuert". Nach vier Jahren Training in Uniform weiß er außerdem, wie nützlich Disziplin sein kann. In der Militärhierarchie schaffte er es bis zum Kommandeur.

Freunde bei der SPD

Während des Politik- und Kommunikationsstudiums in der Hauptstadt Washington beschäftigte sich der gebürtige Kalifornier viel mit Osteuropa. Sein Interesse an Deutschland stieg, als er an seiner Uni deutsche Austauschstudenten der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung kennen lernte. Er ging für den Wahlkampf 2000 nach Deutschland, kehrte aber für einen Job im US-Finanzministerium zurück nach Washington. Nun wird er länger in Berlin bleiben. "Beim ersten Aufenthalt in Deutschland war ich idealistischer", sagt er heute.

Wenn er neue Leute kennen lernt, dann erzählt er mittlerweile nicht mehr sofort, dass er Republikaner ist. Er ist vorsichtig geworden. "Sonst hören die Leute gar nicht mehr richtig hin", sagt er. Oft ergäben sich aus dem Gespräch viele gemeinsame Ansichten, was Unternehmertum betrifft oder Familienwerte, berichtet er. Wenn er dann aber sage, dass er Republikaner sei, würde er automatisch in die defensive Rolle gedrängt. "Die Deutschen sind sehr direkt. Sie beharren auf ihrer Sichtweise und bringen sie vehement zum Ausdruck. Das mag ich. Es kann aber auch sehr frustrierend sein", sagt er.

Das Thema Massenvernichtungswaffen im Irak verfolgt ihn wie ein Fluch. "Ständig wird man darauf angesprochen. Das ist schon ermüdend", sagt er. Dabei wolle er nur dafür sorgen, dass seine Partei, die eben alles vom Hardliner bis zum Gemäßigten beherberge, in Deutschland eine Stimme hat. Er habe sowohl Freunde bei der SPD als auch bei der FDP und der CDU.

Sein kleines Weißes Haus

Nickel lebt im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Bei der Bundestagswahl stimmten hier knapp 70 Prozent der meist jungen Wähler für eine linke Partei. Nickel bezeichnet sich selbst als gemäßigten Republikaner. Er trägt unauffällige Kleidung und eine Lesebrille, sieht älter aus als 25. Er pflegt die Tradition. Nicht nur in seiner Weltanschauung, auch in seiner Altbauwohnung, die er derzeit selbst renoviert und einrichtet. Die Tapete hat er aus den USA importiert. Sie ist dunkelrot, beige und grün aus Seide mit Blumenmustern und viel Schnörkel. So ähnlich wie im Weißen Haus. In den Zimmern stehen massive, dunkle Holzmöbel, Standuhren, die stündlich schlagen, und goldene Kerzenständer. Es duftet nach frischer Wäsche und Apfelkuchen. "Backen ist meine Therapie", sagt Nickel und beißt in einen kleinen, selbst gemachten applepie.

Um sich zu entspannen, fährt er alle paar Wochen ins Dreiländereck. In der Nähe von Dresden malt, schleift und bastelt er in seinem 150 Quadratmeter großen Fachwerkhaus. Mit 21 kaufte er es der Treuhand für "wenig Geld" ab. "Es war eine tolle Möglichkeit, die ich sehr genieße", sagt er.

Die Worte "opportunity" und "enjoy" scheint er sehr zu mögen. Manchmal ist am Ende seiner Luft noch ein bisschen Satz übrig. Nickel redet gern - besonders über seine tiefen Überzeugungen.

Seine Meinung aber drängt er keinem auf. Denn dass Europäer und Amerikaner dieselben Dinge meist "mit verschiedenen Augen" sehen, ist ihm völlig klar. "Ich muss akzeptieren, dass ich nicht jeden überzeugen kann. Das habe ich hier gelernt. In Amerika kann man das nicht lernen", sagt Nickel, der sich gern als Brückenbauer sieht. Auf seinem Weg zum "Monthly Stammtisch" am Bundespressestrand an der Spree liegt die amerikanische Botschaft. Immer noch wird hier gegen Bushs Regierung demonstriert. Wie er das findet? Zwar sei er nicht damit einverstanden, was sie sagen. Aber dass sie ihre Meinung sagen können, sei doch wirklich einfach "wonderful". Und dann sagt er noch: "God bless them!"