US-Wahlkampf Eisberg McCain rammt Titanic Bush

Im Kampf um die amerikanische Präsidentschaft sind der Republikaner John McCain und der Demokrat Al Gore einen Riesenschritt vorangekommen. Sie haben die wichtigen Vorwahlen im US-Bundesstaat New Hampshire gewonnen.

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Manchester - "Der Eisberg hat die Titanic gerammt", jubelten die Anhänger von John McCain am Dienstagabend in New Hampshire. Der Senator aus Arizona hatte in dem kleinen Bundesstaat im äußersten Nordosten Amerikas gerade eine Sensation geschafft. Haushoch gewann er (49 Prozent) gegen George W. Bush, den scheinbar übermächtigen Präsidentschaftsbewerber der Republikaner (31 Prozent).

John McCain: Strahlender Sieger
REUTERS

John McCain: Strahlender Sieger

McCain, der seinen Wahlkampf bisher allein auf New Hampshire konzentriert hatte, sagte: "Politische Inhalte haben über Geld und institutionelle Unterstützung triumphiert." Mit außerordentlichem Fleiß hatte sich der ehemalige Bomberpilot und Vietnamheld die Stimmen der New Hampshire-Wähler erkämpft. Als er seinen Wahlkampf startete, kannten ihn gerade mal drei Prozent der Bevölkerung. 114 mal hielt er Bürgersprechstunden ab - mehr als doppelt so oft wie Bush. Seine Botschaft: Die Republikaner sollten sich nicht auf ihr traditionelles Steckenpferd, Steuersenkungen, beschränken. Die Partei müsse sich auch um Themen wie Gesundheitsversorgung und die Neuordnung des Wahlkampf-Finanzierungssystems kümmern und den Lobbyisten-Einfluss auf politische Entscheidungen zurückdrängen.

Ein enttäuschter George W. Bush
AP

Ein enttäuschter George W. Bush

Bereits seit dem Nachmittag hatten sich im Bush-Lager die Mienen verfinstert. Erste Prognosen zeigten, dass der Gouverneur des Bundesstaates Texas deutlich gegen McCain verlieren würde. Dabei hatte sich der Sonnyboy viel einfallen lassen, um seinen Wahlkampf persönlicher zu gestalten. Sogar sein Vater, der ehemalige Präsident George Bush, und seine Mutter Barbara waren eingeflogen, um ihren "lieben Jungen" zu unterstützen.

Möglicherweise sei genau dieser Schachzug das entscheidende Eigentor gewesen, vermuteten am Wahlabend politische Kommentatoren. Dadurch habe Bush unfreiwillig deutlich gemacht, dass seine politische Karriere vor allem auf einem basiert: darauf, dass er Sohn eines Präsidenten ist. Bush gratulierte seinem "Freund" John McCain mit einem Haifischlächeln. "Heute ist deine Nacht, John. Aber auch wir haben einen guten Wahlkampf gemacht. Der Weg ins Weiße Haus führt durch alle 50 Staaten. Und ich werde den Weg gehen und am Ende im Weißen Haus ankommen."

Die anderen drei verbliebenen Kandidaten der Republikaner, der Verleger Steve Forbes, Talkshow-Moderator Alan Keyes und der ultrarechte christliche Aktivist Gary Bauer, waren in New Hampshire chancenlos. Forbes, der am 24. Januar bei den Caucuses in Iowa überraschend gut abgeschnitten hatte, konnte den Vorteil nicht verwandeln. Mit 13 Prozent erhielt er deutlich weniger Stimmen als das angestrebte Ziel von "20 plus". Keyes kam auf 6 Prozent, Bauer lediglich auf 1 Prozent.

Lange mussten die Demokraten warten, bis das Ergebnis ausgezählt war. Dann konnte Vizepräsident Al Gore aufatmen. Nach dem haushohem Sieg in Iowa gewann er zum zweiten Mal binnen acht Tagen gegen seinen Rivalen Bill Bradley. Doch das Ergebnis war denkbar knapp: Mit nur 6000 Stimmen Vorsprung siegte Gore. Am Abend schwärmte der sichtbar gelöste Clinton-Stellvertreter: "Wir haben es geschafft. Erst werde ich die Nominierung gewinnen, und im Herbst dann das Weiße Haus. Unser Kampf hat gerade erst begonnen."

Offenbar konnte der Vizepräsident auch von seinem neuen Schmusekurs mit Bill Clinton profitieren. Vor wenigen Tagen hatte Gore zum ersten Mal seit Monaten öffentlich von der "Clinton-Gore"-Administration gesprochen - ein Versuch, sich die Verdienste der erfolgreichen Wirtschaftspolitik der US-Regierung ans Revers zu heften.

Bradley hatte in den Umfragen wochenlang geführt, war dann aber eingebrochen, nachdem er auf Gores scharfe verbale Angriffe nicht reagierte. Erst vor wenigen Tagen änderte er seine Taktik, attackierte den Vizepräsidenten für dessen "unfairen Wahlkampf" und bewies, dass auch er zu kämpfen versteht. So zeigte sich der ehemalige Basketballstar und Senator von New Hampshire am Dienstagabend in Feierlaune: "Wir haben den Umschwung geschafft, aber wir haben einen harten Kampf vor uns. Al Gore hat einen guten Wahlkampf gemacht, aber wir sind schlauer und besser. Am Ende werden wir gewinnen." Das knappe Wahlergebnis dürfte Bradley vorerst eine Verschnaufpause verschaffen. Ein deutliche Niederlage hätte der Kampagne vermutlich schon bald den Spenden-Geldhahn zugedreht.

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