US-Wahlkampf Gerüchte über Affäre bringen McCain in Bedrängnis

John McCain hat sich als "Mann mit Prinzipien" die Kandidatur der Republikaner so gut wie gesichert. Die "New York Times" schreibt nun über eine enge Beziehung des verheirateten McCain zu einer Lobbyistin. McCain weist den Bericht wütend zurück.

Von , Washington


Washington - Zu besichtigen war vor zwei Wochen etwas Ungewöhnliches: ein demütiger John McCain. Der beinahe designierte Präsidentschaftskandidat der Republikaner sprach in Washington vor der "Political Action Conference" - einem Treffen von Vertretern des erzkonservativen und religiösen Flügels der Republikanischen Partei. Viele von denen sehen McCain skeptisch, weil er ihnen zu liberal gegenüber illegalen Einwanderern oder zu streng im Umgang mit Lobbyisten erscheint. Der sonst oft kämpferische McCain buhlte beinahe schüchtern um ihre Gunst: "Ich weiß, ich bin nicht perfekt", charmierte er seine Zuhörer.

McCain und Iseman: Enge Beziehung?
AFP

McCain und Iseman: Enge Beziehung?

Die Frage, ob er das ist, könnte McCain in den nächsten Tagen neu beantworten müssen. Heute berichtet die "New York Times" (NYT) in einem ausführlichen Bericht über "ethische Risiken" für John McCain in der Vergangenheit. Die explosive Einleitung dreht sich insbesondere darum, dass der Senator aus Arizona vor acht Jahren während seiner ersten Präsidentschaftskandidatur eine sehr enge Beziehung zu der Lobbyistin Vicki Iseman unterhalten haben soll. Diese begleitete ihn laut der "New York Times" zu Einladungen, war häufig in seinem Senats-Büro anzutreffen und soll mit ihm in privaten Flugzeugen gereist sein. Gemäß der "New York Times" arbeitete Iseman für das Lobbybüro "Alcalde & Fay" in Washington. Sie habe Telekommunikationsfirmen vertreten, für die der Handelsausschuss, in dem McCain im Senat saß, besonders wichtig gewesen sei. Ihre Kunden hätten Zehntausende von Dollar für McCains Wahlkampf gespendet, schreibt die Zeitung.

McCains Berater habe dies so beunruhigt, dass sie den Kontakt der Frau zu ihm unterbrechen wollten. Sie schienen von einer romantischen Beziehung zwischen den beiden auszugehen. Allerdings wird von den McCain-Mitarbeitern, die mit der Zeitung gesprochen haben, darauf hingewiesen, der Senator habe niemals Isemans Interessen vertreten und sogar wiederholt politische Entscheidungen getroffen, die ihren Kunden ungelegen kamen.

McCain hat denn auch den Bericht gestern wütend angegriffen. Sein Team veröffentlichte umgehend eine Stellungnahme: "Es ist eine Schande, dass die 'New York Times' ihre Standards so gesenkt hat und sich für eine Schmierkampagne hergibt. John McCain hat niemals das öffentliche Vertrauen enttäuscht, er hat Lobbyisten und Interessengruppen niemals Gefallen erwiesen." Auch die 40 Jahre alte Iseman bestreitet übrigens jede Art einer romantischen Beziehung.

Dennoch wird die Geschichte nicht einfach verschwinden. Sie wird die US-Politikzirkel in den nächsten Tagen in Atem halten. Die "New York Times" ist immer noch die einflussreichste amerikanische Zeitung. Und eine Menge Fragen stehen im Raum, nicht nur über den Wahrheitsgehalt der Veröffentlichung. Etwa: Warum erscheint dieser Artikel gerade jetzt? Welche Auswirkungen wird er auf die weiteren Vorwahlen haben? Wie wird er McCains Verhältnis zu Teilen seiner eigenen Partei und seine Chancen für einen Wahlkampf gegen einen demokratischen Kandidaten beeinflussen?

Viele Politikexperten in Washington redeten sich darüber gestern Abend bereits die Köpfe heiß. So hieß es auf "CNN", zu der Geschichte habe es innerhalb der Redaktion der "New York Times" erhebliche Diskussionen gegeben - etwa um die Frage, ob und wann sie erscheinen soll. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist brisant: Vor ein paar Wochen, etwa vor der wichtigen republikanischen Vorwahl Ende Januar in Florida, hätte eine solche Nachricht McCain noch empfindlicher treffen können. Mittlerweile ist ihm die Nominierung so gut wie sicher. Die "New York Times" hat ihn auch als besten Kandidaten im republikanischen Feld empfohlen. Andererseits: Die Zeitung hätte die Geschichte noch länger zurückhalten können, bis der Wahlkampf zwischen Demokraten und Republikanern offiziell begonnen hat - möglicherweise sogar bis kurz vor dem Wahltag im November.

Auch tobten gestern Abend schon heftige Diskussionen um die journalistischen Standards der Veröffentlichung. Manche TV-Kommentatoren verglichen das NYT-Stück gar mit Skandaljournalismus. Tatsächlich enthält der Bericht keine eindeutigen Belege etwa für das Vorliegen einer Affäre oder ein Fehlverhalten McCains.

Aber selbst wenn die Geschichte nur eine neue Debatte um McCains Charakter auslöst, könnte dies erhebliche Auswirkungen für seine Kandidatur haben. Zwar hat er aus seinen persönlichen Makeln kaum einen Hehl gemacht. McCain ist in zweiter Ehe verheiratet. Als junger Mann galt er als draufgängerischer Pilot, aber auch als Hitzkopf - und war in der Militärakademie ein lausiger Student, worüber McCain im Wahlkampf regelmäßig Witze macht. Er hat nach wie vor einen Ruf, unbeherrscht und jähzornig zu sein, sogar im Umgang mit seinen Kollegen im ehrwürdigen amerikanischen Senat.

Doch McCain hat die Vorwahlen bei den Republikanern vor allem gewonnen, weil er im schwachen Bewerberfeld als Mann mit Prinzipien galt. Dieser Ruf stützte sich auch auf seine entschiedenen Positionen gegen Gefallen für Interessengruppen oder Lobbyisten. Nun ist in der "Times"-Geschichte über ihn etwa zu lesen: "Auch wenn er geschworen hat, an sich selbst die höchsten ethischen Maßstäbe anzulegen, hat sein Vertrauen in seine eigene Integrität ihn manchmal blind werden lassen für möglicherweise peinliche Interessenkonflikte." McCains Freund William P. Cheshire von der "Arizona Republic" wird mit den Worten zitiert: "Er ist eigentlich eine ehrenwerte Person. Aber er kann unvorsichtig sein."

Vor allem aber: Die größte politische Herausforderung für McCain bleibt, den einflussreichen erzkonservativen und religiösen Flügel der Republikaner für sich einzunehmen. Die Debatte um die "New York Times"-Geschichte wird bei diesem Buhlen nicht helfen.

Der aktuelle Präsident George W. Bush hat damit Erfahrung. Im Jahr 2000 schien die religiöse Rechte dem seine Vergangenheit als Trinker und Partymensch vergeben zu haben, weil er einen überzeugenden Schlussstrich gezogen und zu Gott gefunden haben schien. Doch wenige Tage vor der Wahl kam heraus, dass Bush eine Verhaftung wegen einer Trunkenheitsfahrt verschwiegen hatte. Teile der religiösen Rechte straften ihn auf ihre Weise - sie blieben am Wahltag einfach zu Hause.

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