US-Wahlkampf Ist Barack Obama schwarz genug?

Der schwarze Polit-Star Barack Obama hat heute offiziell seine Präsidentschaftskandidatur erklärt. Doch er steht vor einem Problem: der Frage nach seiner Identität. Vielen Schwarzen ist er nicht schwarz genug.

Von , New York


New York - Barack Obama hat es getan. "Ich stehe hier vor Euch, um meine Kandidatur für das Präsidentenamt zu erklären", sagte er vor jubelnden Anhängern vor dem alten Parlament in Springfield/Illinois. Ein historisch bedeutender Ort. Hier hatte schon Abraham Lincoln 1858 eine seiner berühmtesten Wahlkampfreden gegen Sklavenhaltung und Sezession gehalten: "Diese Regierung kann nicht bestehen, auf Dauer zur Hälfte versklavt und zur Häfte frei."

Senator Barack Obama: Kann er "alles für alle sein"?
REUTERS

Senator Barack Obama: Kann er "alles für alle sein"?

Damit setzt der Shooting Star und schwarze Hoffnungsträger der US- Demokraten seine clevere Kampagne fort, sich den Wählern als moderner Abe Lincoln anzudienen. Als ein Versöhner zwischen Schwarz und Weiß, Reich und Arm - einer, der "unsere tiefsten Mythen verkörpert", wie er selbst über Lincoln sagte, als er dessen Präsidentenbibliothek eröffnete.

Immer wieder beschwört der Jungsenator dazu vor allem auch seine eigene Biografie: Sohn einer weißen Mutter und eines kenianischen Vaters, aufgewachsen jenseits von Klassen- und Rassenschranken. Ein perfektes Szenario: So könne er "alles für alle sein", schrieb der Kolumnist Frank Rich in der "New York Times".

Doch nun entpuppt sich das auch als Manko. Denn vielen Schwarzen ist er, wie sich auf einmal herausstellt, offenbar nicht schwarz genug. Doch gerade diese Schwarzen bilden das loyalste Rückgrat der demokratischen Partei - ein Stolperstein auf dem Weg zur Nominierung auf dem Wahlparteitag 2008.

"Obama ist nicht schwarz"

Und so debattieren sie in den USA plötzlich eine Frage, die auf den ersten Blick bizarr erscheint: Wie schwarz ist Barack Obama?

"Obama ist nicht schwarz", postulierte die schwarze Autorin Debra Dickerson kürzlich in einem Essay fürs Online-Magazin "Salon" eiskalt. "Ich fühle nichts als Liebe für den Bruder", fügte sie später in einem Interview hinzu. "Aber wir haben nichts gemeinsam."

Eine Mehrheit der Schwarzen scheint diese Meinung zu teilen: In einer aktuellen Umfrage der "Washington Post" unter Afro-Amerikanern unterstützen 60 Prozent die weiße Parteirivalin Obamas, Hillary Clinton. Obama selbst kam bei den Schwarzen dagegen nur auf 20 Prozent.

US-Schwarze sind eben nicht automatisch gleich auch für einen schwarzen Kandidaten. Es ist eine Lektion, die schon Colin Powell lernen musste, als der vor sieben Jahren mit der Präsidentschaftskandidatur flirtete.

Dieses Phänomen erklärt sich dadurch, dass in den USA und vor allem unter Schwarzen die Bezeichnung "schwarz" nicht allein Hautfarbe beschreibt. Sondern viel mehr: Kulturerbe, Herkunft, Philosophie, Sprache. Dickerson zieht die Linie glasklar: "'Schwarz' heißt in unserer politischen und sozialen Realität, dass jemand von westafrikanischen Sklaven abstammt."

"Psychodramen der Baby-Boomer-Generation"

Mit anderen Worten: Ein aus Nigeria eingewanderter Taxifahrer sei also weniger "schwarz" als ein Harlemer, der in dritter Generation in den USA lebe. Im Fall Obama bedeute das: "Sein Vater war Afrikaner. Seine Mutter war eine weiße Frau. Er wuchs bei den weißen Großeltern auf." Das Fazit ist klar.

Es sind Zweifel wie diese, die dazu geführt haben, dass sich die prominenten schwarzen US-Bürgerrechtler zum Thema Obama bisher spürbar zurückgehalten haben. Jesse Jackson und Al Sharpton etwa sagen Nettes über ihn, geben ihm aber ausdrücklich keinen politischen Blankoscheck. "Die Leute kennen ihn nicht", sagt der frühere Jackson- Berater Ron Walters, Direktor des African-American Leadership Institute an der University of Maryland. "Schwarze Wähler fragen: Wer ist dieser Typ?"

Denn Jackson (der einst Martin Luther King zur Seite stand), Sharpton und die anderen Urväter der Befreiungsbewegung der 60er Jahre sehen Obama nicht notwendigerweise als einen der ihren. Anders als sie hat er sich seine Sporen nicht in den Straßenschlachten jener Ära verdient, im Gegenteil: In seinem jüngsten Bestseller "The Audacity of Hope" verwehrt sich Obama gegen eine Verklärung jener Zeiten und gegen die "Psychodramen der Baby-Boom-Generation", wie er es nennt.

Es ist die Ungnade der späten Geburt: Obama war damals selbst ja noch ein Kind - und seine Eltern hatten kein Segregationserbe. "Wenn schwarze Amerikaner Obama als 'einen von uns' bezeichnen", schreibt der schwarze Kolumnist Stanley Crouch in der "New York Daily News", "weiß ich nicht, wovon sie reden."

Er "tut schwarz"

Obwohl sich Obama sicher reichlich bemüht. Er ließ sich mit seiner (schwarzen) Gattin Michelle fürs Cover des Schwarzenmagazins "Ebony" ablichten. Er trat beim Spatenstich für das Martin-Luther-King- Memorial in Washington im November auf. "Trotz all der Fortschritte, die wir gemacht haben", rief er da, "gibt es auch Zeiten, in denen das Land unserer Träume vor uns zurückweicht." Als sei er einer der ihren.

"Gut, ich bin bereit, ihn zu adoptieren", sagt Dickerson. "Er hat schwarz geheiratet. Er tut schwarz. Aber es besteht ein großer Unterschied zwischen schwarzen Afrikanern und Afro-Amerikanern." Da klingt Spott durch.

Er "tut schwarz": Ein bitterer Vorwurf, den sich auch Colin Powell gefallen lassen musste, der zwar in Harlem geboren wurde, doch als Sohn von Einwanderern aus Jamaica. "Obama gleitet zwischen der schwarzen und der weißen Politwelt hin und her", schreibt die (weiße) Kolumnistin Maureen Dowd, die beobachtete, wie sich sogar seine Sprachmelodie ändere, je nachdem, vor welchem Publikum er rede.

"Er ist ein schwarzer Politiker, bei dem sich Weiße nicht schuldig zu fühlen brauchen", sagt der New Yorker Soziologe Philip Kasinitz dazu.

"Schwarz und weiß"

Zugleich steckt Obama aber weiter in der schwarzen Klischeefalle. Sein Parteifreund Joe Biden etwa lobte ihn, als er seine Präsidentschaftskandidatur verkündete, mit einem fast rassistischen Faux-pas: Als "den ersten Mainstream-Afro- Amerikaner, der sich artikulieren kann, der schlau und sauber ist und ein gutaussehender Kerl".

Obama selbst ist sich seines Spagats durchaus bewusst. Er hat schon in vielen Welten gelebt: Auf Hawaii ist er geboren, dort und in Indonesien groß geworden, Columbia University, Harvard. Der schwarze Vater verließ die Familie, als Obama zwei Jahre alt war; er sah ihn danach nur einmal wieder.

1988 pilgerte Obama nach Kenia, auf der Suche nach seinen Wurzeln - eine Reise, die er später in seiner Autobiografie "Dream from My Father" verarbeitete. Darin schrieb er über die Widersprüche seines Lebens (so bezeichnete er sich selbst als "schwarz und weiß"), über schwarzen Selbsthass, über Schwarze, die blaue Kontaktlinsen tragen und Schwarze, die sich die Haut heller färben. Das Handelsblatt "Publishers Weekly" lobte das Buch als eine "einsame Reise in die Rassenidentität".

Diese Reise wird Obama nun im Wahlkampf wohl noch einmal durchleben müssen. Doch vielleicht ist das am Ende auch von Vorteil. "Barack wird uns zeigen, dass wir nicht nur ein weißes Amerika oder ein schwarzes Amerika zu sein brauchen, sondern dass wir gemeinsam etwas anderes werden können", hofft die schwarze Demokraten-Parteistrategin Donna Brazile, die Al Gores Wahlkampf 2004 managte. "Das ist das Versprechen seines Wahlkampfes - und seine Herausforderung."



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