US-Wahlkampf McCain verspricht furiose Aufholjagd

Showdown im US-Wahlkampf: Obama liegt vorn, McCain spielt nun die Rolle, die er am besten kann - den Underdog. Nachdem der Republikaner gesehen hat, wie emotional Amerika auf "Joe, den Klempner" reagiert, hat er seine Strategie radikal umgekrempelt. Es ist sein letzter Trumpf.

Aus Sarasota, Florida, berichtet


Sarasota - Wer sagt's denn: Auch John McCain kann Massen bewegen. "So etwas habe ich bei uns noch nie erlebt", ächzt Eric Robinson beglückt. "Einfach unglaublich. Es erwärmt einem das Herz. Es gibt mir wieder Hoffnung."

Robinson, ein quirliger, korpulenter Mann, ist hauptberuflich Rechnungsprüfer in Sarasota, einem Urlaubsort an Floridas Westküste. Dieser Tage jedoch verbringt er mehr Zeit mit seiner Nebenbeschäftigung - Bezirksvorsitzender der republikanischen Partei. Und das war in letzter Zeit kein besonders dankenswerter Job.

Weshalb es verständlich ist, dass ihn dieser Anblick am gestrigen Donnerstag begeistert. Tausende warten schon seit Stunden vor der Robarts Arena, einer Sporthalle am Stadtrand. Sie tragen Schilder und T-Shirts mit dem McCain-Palin-Logo. Sie machen Fotos voneinander. Sie sind fröhlich und guter Laune. Von Kapitulation keine Spur.

Kaum war bekannt, dass John McCain zu einer letzten Wahlkampfveranstaltung nach Sarasota kommen würde, da begann Robinson in seinem Büro gegenüber von McDonald's Eintrittskarten auszugeben. Die ersten 6000 gingen binnen weniger Stunden weg. Weitere 6000 bot er per Internet an, auch die waren schnell vergriffen. Kleiner Schönheitsfehler dabei: Die Robarts Arena fasst nur 3200 Leute.

Macht nichts. Robinson baut kurzfristig draußen Lautsprecher auf, um McCains Rede zu übertragen. "Das", sagt er triumphierend und wischt sich das strähnige Haar aus der Stirn, "macht sonst nur Barack Obama."

Dass McCain sich nicht entmutigen lässt, ist bekannt. Dass aber die Aufholjagd des Republikaners, der in jüngsten Umfragen stets weit hinter Obama zurücklag, nun auch seine Fußsoldaten noch einmal derart anfeuern könnte, so kurz vor dem Wahltermin, das hätte selbst Robinson kaum mehr erwartet. "Ich habe in zwei Tagen 653 T-Shirts verkauft", staunt er.

McCains spätes Mantra

In Sarasota zeigt sich, wie John McCain diese Schicksalswahl doch noch gewinnen will: mit einem furiosen Finale in "battleground states" wie Florida - und einer platten, doch bei seinen Parteisoldaten offenbar zündenden Botschaft.

Denn es ist sein neuestes, wenn auch spätes Mantra, das ihm nicht nur in Florida mit seinen unverzichtbaren 27 Wahlmännerstimmen noch mal Aufwind zu geben scheint: die Mythenbildung um "Joe dem Klempner". Das ist der längst legendäre Handwerker, dessen Kritik an Obama sich hier in Sarasota auf einem Plakat niederschlägt: "Kein Sozialismus."

Seit McCain gemerkt hat, wie sehr sich seine Anhänger mit Joe und dessen Protest gegen die angeblichen Steuererhöhungen Obamas identifizieren, redet er von nichts anderem mehr. Joe ist zum Symbol des kleinen Mannes geworden - und zu McCains letzter Chance.

Sofort hat er seine gesamte Kampagne umgekrempelt. In seinem einzigen Spot hier im Lokalfernsehen sprechen mehrere Männer und Frauen McCains neuen, trotzigen Leitsatz in die Kamera: "Ich bin Joe der Klempner."

"Joe", sagt Robinson, "hat bei uns tiefe Gefühle geweckt." Zum Beispiel bei John Haynes, der gleich mit fünf Schildern anrückt. "Ich will nicht von einem Sozialisten regiert werden", sagt er.

Um das zu verhindern, hat sich der 66-Jährige nun als freiwilliger Wahlhelfer in den hiesigen Häuserkampf um jede Stimme gestürzt. Auch hofft er, dass McCain im Endspurt doch noch aggressiver wird: "Wir müssen mehr über Obamas zweifelhafte Bekanntschaften wissen."

Mit Mama zu McCain

Das findet auch Sheryl Mase. Die Hausfrau hat ihre Kinder Brianna, Ryan und Luke direkt von der Schule hergebracht, sie in McCain-Shirts gesteckt und ihnen ein "No-bama"-Poster in die Hand gedrückt: "Wir haben eine Chance."

Auf dem Weg zur Robarts Arena hat sich auch Mase in der Parteizentrale schnell noch als Helferin gemeldet. Ab Montag hat sie bis zur Wahl ihren "Kalender leer geräumt", um für McCain in der Nachbarschaft Klinken zu putzen. Und: "Wir werden auch viel beten."

Fast 2000 Freiwillige habe er mittlerweile im Einsatz, prahlt Bezirkschef Robinson. Pro Tag tätigten sie 2500 Anrufe und klopften an rund 1000 Türen. Das reicht ihm aber nicht. Bevor McCain eintrifft, stellt er sich in der Halle ans Mikrofon und ruft: "Wir brauchen nächste Woche noch mehr Leute. Wir müssen siegen!" Die Menge antwortet ihm mit frenetischen Sprechchören und winken dazu mit rot-weiß-blauen Cheerleader-Pompoms: "USA! USA!"

Es wäre doch gelacht. Jahrzehntelang war Sarasota eine verlässliche Republikaner-Festung. Der letzte demokratische Präsident, für den sich dieses Country-Club-Idyll am Golf von Mexiko erwärmen konnte, hieß Franklin Roosevelt (1944). So garantiert war die konservative Übermacht hier, dass sich George W. Bush vor vier Jahren nicht mal herbemühte.

Dann kam die Krise. Sarasota wurde zum "Epizentrum" ("Financial Times") des US-Immobilien-Crashs. Die Arbeitslosenquote des Bezirks liegt derzeit bei 7,6 Prozent - höher als der Florida-Durchschnitt (6,6 Prozent), viel höher als die US-weite Quote (6,1 Prozent).

Kein Wunder, dass die Umfragen hier Obama zuletzt Kopf an Kopf mit McCain zeigten. Am Sonntag reihten sich rund 10.000 "Frauen für Obama" demonstrativ auf der Ringling Bridge auf, die zur Insel Saint Armands Key in der Sarasota Bay hinausführt. Kommentatoren auf dem linken Politblog "Daily Kos" bejubelten das als "die unglaublichste Gemeinschaftsaktion, die unsere Stadt je erlebt hat".



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.