US-Wahlkampf Nach Hasspredigt - Obama verstößt langjährigen Freund

"Gott verdamme Amerika", predigt Jeremiah Wright, der Ex-Pastor von Barack Obama in einem Video. Obama sah sich nun gezwungen, sich scharf von seinem langjährigen Freund zu distanzieren. Obama hat in Wrights Kirche geheiratet, seine beiden Töchter wurden von Wright getauft.

New York - Dass Pastor Jeremiah Wright ein Wahlkampfrisiko werden könnte, war Barack Obama immer schon klar. Die kontroversen, oft gegen Weiße gerichteten Predigten des schwarzen Priesters, dessen Kirche Obama in Chicago besucht, schwirren seit Monaten durch die US-Presse, verbunden mit Berichten über Wrights Bewunderung für den rassistisch-antisemitischen Sektenführer Louis Farrakhan. Als das Magazin "Rolling Stone" im Februar ein Obama-Porträt druckte, widmete es Wrights "offen radikalem Hintergrund" lange Passagen.

Obama hat in Wrights Trinity United Church of Christ geheiratet und seine Töchter von Wright taufen lassen. Wright habe ihm "einem Mann namens Jesus Christus" vorgestellt, sagte Obama: "Es war die beste Ausbildung, die ich jemals hatte."

Bisher hatte Obama die Tiraden Wrights als Gerede eines "alten Onkels" abgetan, "der manchmal Dinge sagen wird, mit denen ich nicht übereinstimme". Zumal sich Wright im Februar sowieso zur Ruhe setzte.

Es schien also zunächst auch eher nebensächlich, als jetzt Videoclips von ein paar besonders aufrührerischen Wright-Predigten im Internet zu kursieren begannen. Ausgegraben hatte sie die ABC News - und prompt landeten sie auf YouTube in der Endlosschleife, zusätzlich angeheizt von den konservativen Fox News.

In den Clips fordert Wright seine Gemeindemitglieder zum Beispiel auf, "God Damn America" (Gott verdamme Amerika) zu singen (siehe YouTube-Video unten), wettert gegen eine "Kultur, die von reichen, weißen Leuten kontrolliert" sei, macht die USA für den Beginn von Aids verantwortlich und ruft, die Anschläge des 11. September seien die Folge von staatlichem "Terrorismus".

Statt aber schnell wieder im Web zu verschwinden, setzten sich die körnigen Clips diesmal im Nachrichtenzyklus fest. Erstens gibt es derzeit sonst nur wenig Aufregendes aus dem Vorwahlkampf zu vermelden - die nächste Runde steht erst am 22. April in Pennsylvania an. Zweitens hat das bisherige Wahlkampf-Tabuthema Rassismus gerade erst wieder Geraldine Ferraro, die bisherige Finanzchefin Hillary Clintons, durch plumpe Äußerungen in den Mittelpunkt gerückt.

Pro-Obama-Blogger kritisieren ihren Helden

Und so begannen selbst freundlich gesinnte Blogger zu murren: "Obama muss eine sehr starke, klare Linie zwischen sich und Wright ziehen", forderte  das Polit-Blog "Moderate Voice".

Auch die Rivalen witterten eine Chance: Der Republikaner John McCain mailte seinen Anhängern am Freitag einen Kommentar des "Wall Street Journals", in dem die Deklamationen Wrights im Detail wiederholt und "Mr. Obamas fundamentalen Vorstellungen von seinem Land" in Frage gestellt wurden.

Am Abend hatte sich die Sache schließlich so hochgeschaukelt, dass Obama die Notbremse ziehen musste. Er distanzierte sich in einem Essay (" Über meinen Glauben und meine Kirche ") auf dem linksliberalen Blog "Huffington Post" von Wright und verurteilte dessen Äußerungen als "aufhetzerisch und erschreckend". Gefolgt von einer relativ schwachen Rechtfertigung: In den 20 Jahren, in denen er Wrights Kirche besucht habe, habe er ihn nie Ähnliches sagen hören. Außerdem sei Wright sein spiritueller Berater - nicht sein politischer.

Obama distanziert sich gestelzt von Prediger Wright

Wie ernst die eskalierende "Wright-Situation" plötzlich geworden war, zeigte sich auch daran, dass Obama dann noch eine sehr seltene Interview-Runde durch die abendlichen TV-Nachrichtensendungen antrat. "Ich muss die Statements, die gemacht wurden, stark verurteilen", sagte er gestelzt auf CNN. Es war ein enormer, öffentlicher Aufwand, nur um sich so weit wie möglich von dem langjährigen Freund zu entfernen, der ihn noch 2006 mit einer seiner Predigten zum Titel seines eigenen Polit-Bestsellers "The Audacity of Hope" ("Die Kühnheit der Hoffnung") inspiriert hatte.

Der Aufruhr über Wright - dessen umstrittenen Positionen keinesfalls neu waren - und der vorherige Wirbel um Ferraro zeigen: Obwohl Obama seit jeher versucht, einen Wahlkampf zu führen, der über den üblichen Rassenfragen steht und Schwarze, Weiße, Latinos und andere einen will, kommt er nicht los von den Kontroversen, die seine Hautfarbe mit sich bringt.

Die Rassenfrage im US-Wahlkampf - so hadern die demokratischen Bewerber mit dem Thema:

Obama: Zu schwarz oder nicht schwarz genug?

Dass seine Hautfarbe ein Thema ist, bekam Barack Obama, Sohn eines Afrikaners und einer Weißen aus Kansas, schon zu Anfang dieses Rennens zu spüren: Den Weißen, hieß es da unverbrämt, könnte er "zu schwarz" sein - und den Schwarzen "nicht schwarz genug".

Er hatte diese Identitätsfragen bereits 1995 mit seinem Buch "Dreams from My Father", in dem er den Spuren seines Vaters in Kenia nachgeht, hinter sich gelassen - oder das zumindest gehofft. "Ich glaube, dass die Rassen- und Geschlechterfrage von gestern ist", sagte er einmal. Der Rest der USA, so stellt sich jedoch seither immer wieder heraus, ist noch nicht ganz so weit wie er.

Etwa vor fast genau einem Jahr: Da bezeichnete Obamas damaliger Parteirivale Joe Biden ihn als den "ersten Mainstream-Afroamerikaner, der sprachgewandt und klug und sauber und ein nett aussehender Kerl" sei. Biden, keineswegs als Rassist zu verdächtigen, sprach frei Schnauze - ungeschickte Worte, doch sie offenbarten die heimlichen Gedanken und Zweifel mancher weißer Amerikaner.

Beide Kandidaten stecken dabei in der Klemme - Obama wie Clinton. Für Obama bleibt seine Herkunft Dauerthema. Clinton läuft zugleich Gefahr, dass man ihr allzu scharfe Kritik an Obama als schwarzenfeindlich auslegt.

Dieser Seiltanz zieht sich seither durch den gesamten Vorwahlkampf der Demokraten - so sehr dies beide Seiten auch verneinen. Vor allem Clinton, der man persönlich sicher keinen Rassismus vorwerfen kann, stolperte immer wieder in diese Falle. Ob unbewusst oder mit bewusst wahltaktischem Kalkül, bleibt offen.

Zum Beispiel im Januar in South Carolina, wo sie und ihr Ehemann Bill Clinton Obamas Hautfarbe immer wieder indirekt zu thematisieren versuchten. Das ging freilich nach hinten los: Obama gewann den Südstaat, in dem 55 Prozent der Demokraten-Vorwähler Schwarze waren, mit großem Vorsprung.

Und zum Beispiel nun diese Woche mit dem Wirbel um Clintons Finanzexpertin Ferraro, die demokratische Vize-Präsidentschaftskandidatin von 1984. Die war nach der Behauptung, Obama "wäre nicht in seiner derzeitigen Position, wenn er weiß wäre", widerwillig von ihrem Wahlkampfposten zurückgetreten.

In Interviews seither beharrt Ferraro freilich auf ihren Worten und verwehrt sich gegen den Rassismus-Vorwurf. Gleichzeitig entschuldigte sich Clinton am Donnerstag vor der National Newspaper Publishers Association, dem Verband schwarzen US-Zeitungsverleger, persönlich für Ferraros Äußerungen: "Es tut mir leid, wenn sich jemand beleidigt gefühlt hat. Es war sicher nicht beleidigend gemeint."

Das endlose Wiederkäuen all dieser Aussagen aus Clintons Team zur Hautfarbe Obamas in den US-Medien, Blogs und auf YouTube halten das Rassenthema fest im Bewusstsein der Bevölkerung. Alle reden von Obamas Hautfarbe - und keiner von seiner eigentlichen, rassenübergreifenden Botschaft (zu seinen Positionen siehe Kasten unten).

Clintons berüchtigter TV-Wahlspot vom "roten Telefon", in dem sie die verteidigungspolitische Qualifikation Obamas anzweifelte, enthalte ebenfalls eine "verdeckte rassistische Botschaft", wie es der Harvard-Soziologe Orlando Patterson in einem Beitrag für die "New York Times" formulierte.

Patterson setzte Clintons Spot mit alten "Bildern und Symbolen von Rassismus und Sklaverei" gleich: "Unschuldige, schlafende Kinder und eine Mutter, mitten in der Nacht, in tödlicher Gefahr". In der Tat zeigte der Spot ein schlafendes, blondes Mädchen, während unablässig ein Telefon klingelte. "Die Gefahr, die der Telefon-Spot meiner Meinung nach impliziert", schreibt Patterson, "ist, dass die Person, die ans Telefon geht, ein schwarzer Mann sein könnte - jemand, dem man nicht vertrauen kann, um uns zu beschützen".

Welchen Effekt der Spot wirklich auf die Wähler hatte, kann nur gemutmaßt werden. Clinton schaltete ihn exklusiv in Texas, wenige Tage vor der dortigen Vorwahl, und gab zugleich ein TV-Interview, in dem sie sich nur bedingt von uralten Gerüchten distanzierte, Obama sei ein Moslem. Vor dem Spot hatte Obama bei weißen Texanern mit 47 zu 44 Prozent geführt. Nach dem Spot führte Clinton mit 56 Prozent.