US-Wahlkampf "Obama muss mehr Spaß haben"

John McCain und Barack Obama versprechen beide Führungsstärke. Aber was macht einen guten politischen Führer eigentlich aus? Harvard-Dozentin Barbara Kellerman analysiert im SPIEGEL-ONLINE-Interview den Führungsstil der Kandidaten - und das Phänomen Sarah Palin.


SPIEGEL ONLINE: Im US-Wahlkampf behaupten beide Kandidaten: "I am ready to lead." Wer hat recht?

Barbara Kellermann: Das kommt darauf an, welches Thema den Amerikanern im November wichtiger ist. Die nationale Sicherheit? Dann werden sie wohl John McCain wählen. Ist es die Wirtschaftslage? Dann wird es wohl Obama. Es kommt also mindestens genauso stark auf die Bedürfnisse der Anhänger an wie auf den "Leader".

Republikaner McCain, Demokrat Obama: Kandidaten mit Schwächen
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Republikaner McCain, Demokrat Obama: Kandidaten mit Schwächen

SPIEGEL ONLINE: McCain sagt, er habe wegen seiner Erfahrung mehr Führungsstärke. Obama verspricht eine andere Politik.

Kellerman: Na ja, diese Argumente sind auf beiden Seiten in den vergangenen Wochen schwächer geworden. McCain hat mit Sarah Palin eine unerfahrene Vizekandidatin ernannt. Obama wiederum hat Joe Biden ausgewählt, der viel Washington-Erfahrung mitbringt und nicht wirklich für Wandel steht. Auch wenn man die Kompetenz der Kandidaten anschaut, und das sollte für die Wähler das wichtigste Kriterium sein nach acht Jahren Bush-Inkompetenz, haben sie beide offensichtliche Schwächen. McCain versteht nichts von Wirtschaft, Obama hat einfach politisch noch nicht viel erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber besteht in den USA nach acht Jahren Bush nicht ein Riesenwunsch nach einer anderen Art von Politik?

Kellerman: Vor vier Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel "Bad Leadership" geschrieben. Eines der Beispiele daran ist "Rigid Leadership": engstirnige Führung. Wer einen solchen Führungsstil verkörpert, ist nicht offen für Ratschläge oder neue Informationen. Das haben wir in den Jahren der Bush-Regierung erlebt. Im Wahlkampf 2004 hat Bush seinen Gegner John Kerry noch als "flip-flopper" bezeichnen können - nur weil der nuanciert argumentierte. Man muss als politischer Führer die richtige Balance finden zwischen entschlossenem Handeln und der Flexibilität, auf neue Herausforderungen zu reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber mittlerweile sieht der aktuelle Wahlkampf nicht so viel anders aus als vor vier Jahren...

Kellerman: Palins Benennung hat tatsächlich von Inhalten abgelenkt. Für mich ist die Aufregung um sie der ultimative Zusammenfluss von politischer Kultur und Persönlichkeitskult. In den USA hat die Obsession mit dem Privatleben von Politikern mit dem ersten TV-Präsidenten begonnen: John F. Kennedy. Wir wollten alles wissen über seine Frau, seine Kinder, seine Anzüge. Mit Palin erleben wir das nun noch intensiver.

SPIEGEL ONLINE: Weil sie eine Frau ist?

Kellerman: Das reicht nicht als Erklärung. Wir hatten schon starke weibliche Politikerinnen, allen voran Hillary Clinton. Warum fasziniert uns Palin so? Ich glaube, sie ist die erste US-Politikerin, die zwei entscheidende Fähigkeiten vereint: Sie wirkt hart wie ein Mann - sie schießt Elche, sie regiert in Alaska. Aber sie ist auch ganz Frau - schön, attraktiv, Mutter von fünf Kindern.

SPIEGEL ONLINE: Und weil sie niemand wirklich kannte, als McCain sie präsentierte...

Kellerman: Kurz nach Palins Benennung hätte ich Ihnen noch gesagt, dass ihre Popularität wohl abnehmen wird, sobald die Amerikaner sie besser kennenlernen. Aber mittlerweile sehe ich das anders. Ihre Popularität wird anhalten. Ihre Auftritte zeigen: Als Politikerin ist sie einfach sehr gut. Sehr schlau.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zu den Präsidentschaftskandidaten. Sind Obama und McCain auf die Führungsrolle gut vorbereitet?

Kellerman: Es gibt ein paar Qualitäten, die ein guter politischer Führer zeigen sollte: Die Fähigkeit, ein wichtiges Thema zu identifizieren, Leute dafür zu begeistern und die Umsetzung des Themas voranzutreiben. Legt man den Maßstab an, hat McCain in seinen Jahren im Senat nicht wirklich Führungsstärke unter Beweis gestellt. Er hat eher eine Reputation als "Maverick" entwickelt, als ein mutiger Außenseiter. Das war besser für sein eigenes Image als für die Bürger. Obama hat als Sozialarbeiter sicher Führungsqualitäten entwickeln können. Aber er hat sonst wenig Erfahrung. Beide Seiten haben es bislang auch versäumt, ihre eigenen Schwächen offensiv anzugehen - etwa, indem sie prominente Wirtschaftsexperten in ihr Team holen, um ihren Mangel an Erfahrung auszugleichen. Es ist auch ein Zeichen von Führungsschwäche, wenn man nicht delegieren kann.

SPIEGEL ONLNE: Sie haben die US-Präsidenten ausführlich studiert. Was für Führungsvorbilder fallen Ihnen zu Obama und McCain ein?

Kellerman: McCain vergleicht sich gern mit Ex-Präsident Theodore Roosevelt - weil der auch mit seiner eigenen Partei häufiger im Clinch lag. Aber der hatte natürlich als ehemaliger Vizepräsident viel mehr Regierungserfahrung. Ein prominenter Historiker hat vor kurzem auf Ähnlichkeiten zwischen Ex-Präsident Jimmy Carter und Barack Obama hingewiesen - eine gewisse moralische Aufrichtigkeit, das Zögern, schmutzige politische Spielchen mitzumachen. Ich bin mir sicher, den Vergleich mögen Obamas Berater nicht. Immerhin ist Carter nach nur einer Amtszeit abgewählt worden. Aber man kann aus der Vergangenheit auch lernen.

SPIEGEL ONLNE: Was denn?

Kellerman: Al Smith hat einst den Begriff "Happy Warrior" für politische Wahlkämpfer geprägt: ein glücklicher Krieger. Das würde ich mir auch mehr von Obama wünschen. Im Moment macht er nicht den Eindruck, als hätte er im Wahlkampf viel Spaß und freue sich auf die nächste Schlacht. McCain ist da viel besser. Der scheint bereit zum Kampf - und scheint auch Spaß zu haben.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz



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