US-Wahlkampf Obama setzt auf TV-Trommelfeuer, McCain auf üble Tricks

Im Endspurt um den Einzug ins Weiße Haus greifen jetzt beide Seiten zu harten Mitteln. Während die Kandidaten durch die "Swing States" jagen, tobt der Kampf um die Wähler auch im Radio, Fernsehen - und am Telefon. Dabei scheut John McCain selbst vor Lügen nicht zurück.

Aus Miami berichtet


Miami - John McCain würde sich über solchen Andrang freuen. Für Barack Obama dagegen ist es eher ein Routineauftritt: Mehr als 30.000 Menschen sind an diesem warmen, goldenen Herbstabend ans Ufer der Biscayne Bay geströmt, um den demokratischen Präsidentschaftskandidaten zu erleben. Stundenlang harren sie hier im Centennial Park aus, sie stehen auf den umliegenden Hügeln und Straßenbrücken, an Fenstern und auf Balkons.

Obama, McCain: "Hallo Miami!"
REUTERS; AFP

Obama, McCain: "Hallo Miami!"

Alles ist penibel inszeniert - und auf die Minute genau. Obama springt exakt in dem Moment auf die Bühne, als die Sonne untergeht und die Szene in ein dramatisches Licht taucht. Die Fassaden der teuren Penthouse-Wohntürme funkeln, vom Hafen her tutet das Horn eines Kreuzfahrtdampfers,

Möwen kreisen über der Menge. "Hallo Miami!", ruft Obama und zeigt grinsend die Zähne. "Es ist toll, heute hier im Sunshine State zu sein."

Wer eine spektakuläre Obama-Kundgebung wie die in Miami zum ersten Mal erlebt, ist wahrscheinlich beeindruckt. Wer sie aber seit Monaten mitmacht, merkt schnell, dass sie alle gleich aussehen und perfekt choreografiert sind: Hinter dem Rednerpult hängt immer ein großes "Change"-Plakat, als Hintergrund für die exakt positionierten TV-Kameras. An der Seite weht ein gigantisches Sternenbanner, um die Optik für die zweite Reportertribune ("Gegenschnitt-Tribüne") zu schmücken. Selbst Obamas Reden sind in diesen Endspurt-Tagen identisch - fast jedenfalls: Was heute der "Sunshine State" ist, ist morgen der "Buckeye State" (Ohio) oder vielleicht der "Keystone State" (Pennsylvania).

Es sind solche Großveranstaltungen, die Obamas Wahlkampf und sein Image geprägt haben - und die Berichterstattung darüber. Welchen wirklichen Wert diese telegenen Events aber haben, über das Anfeuern der lokalen Anhänger hinaus, bleibt dabei unklar.

Denn der wahre Krieg um die Stimmen der Amerikaner tobt in diesen zwei letzten, entscheidenden Wahlkampfwochen anderswo: im Radio, im Fernsehen - und am Telefon. Denn während sich Obama in Miami im Glanz des Dämmerlichts sonnt und im Jubel seiner Fans, werden die Daheimgebliebenen einem harschen Dauerfeuer ausgesetzt. Und zwar nicht nur hier, sondern in ganz Florida und den anderen paar Schlüsselstaaten, auf die sich das Rennen jetzt konzentriert. In Miami kann man weder das Autoradio noch das Fernsehen anschalten, ohne alle fünf Minuten einem Wahlkampfspot Obamas ausgesetzt zu werden - oder oft sogar zweien hintereinander.

Dank seiner finanziellen Überlegenheit - allein im September scheffelte er rund 150 Millionen Spendendollar, mehr als je zuvor ein Kandidat in einem Monat - gibt Obama derzeit viermal so viel Geld für Werbung aus wie sein Gegner John McCain. "Das ist Neuland", sagte der Marketingprofessor Kenneth Goldstein der "New York Times". "Wir haben es in einem Präsidentschaftsrennen nie zuvor erlebt, dass eine Seite so einen einseitigen Vorsprung hat."

McCain hingegen hat jetzt aus Kostengründen seine Werbung in den bisher umkämpften Staaten New Hampshire, Wisconsin, Colorado, Maine und Minnesota nach US-Medienberichten so gut wie eingestellt und sein Budget anderswohin verschoben. Nur in einem wollte er Obama offenbar nicht nachstehen: Beide Kandidaten produzierten exklusive Werbespots für die Website des weltgrößten US-Einzelhändlers Wal-Mart, um dessen 136 Millionen Kunden pro Woche zu ködern - die neuerdings so umgarnten "Wal-Mart-Moms".

Inzwischen hat Obama sowieso alle noch verfügbaren Werbeplätze aufgekauft - selbst in Videospielen. Manche seiner Spots sind zwei Minuten lang, eine teure Investition zur TV-Primetime. Und für den Mittwoch vor der Wahl hat Obama sogar - als erster Kandidat seit Ross Perot 1992 - auf den großen Networks eine komplette halbe Stunde gebucht. Zur besten Sendezeit, um 20 Uhr: Das kostet pro Kanal rund eine Million Dollar.

In Metropolen wie Miami - ausschlaggebend für einen Sieg in Florida und damit wiederum für den Einzug ins Weiße Haus - hat Obama schon jetzt eine mediale Dauerpräsenz. Und selbst wenn der Demokrat an der Biscayne Bay erneut McCains Schlammschlacht-Taktiken rügt ("die hässlichen Anrufe, die irreführenden Postwurfsendungen und TV-Spots") - vor harten Bandagen scheut auch er sich nicht.

So beginnt der jüngste seiner 30-Sekunden-Spots mit McCains bestem Spruch aus der letzten Debatte: "Senator Obama, ich bin nicht Präsident Bush!" Das widerlegt der Sprecher dann, illustriert von unvorteilhaften Bildern McCains aus besagter Debatte: nervös, Augen rollend, wie senil blinzelnd. Zum Schluss wird McCain durch einen eigenen, stolzen O-Ton endgültig ausgeknockt: "Ich habe in mehr als 90 Prozent der Fälle mit dem Präsidenten gestimmt."

Dass dieses Zitat von 2003 stammt, wird dabei verschwiegen. Es ist nicht das einzige Mal, dass Obama derart grob vorgeht: In einem Spot über McCains Plan zur Alterskrankenversicherung wirft er ihm vor, "Beihilfen kürzen" zu wollen. Doch die Watchdog-Gruppe FactCheck.org widerspricht: "Diese Behauptung ist falsch."



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