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22. Juli 2008, 16:00 Uhr

US-Wahlkampf

Obamas Triumphtour frustriert McCain

Von , New York

Durch giftige Attacken versucht John McCain, Barack Obamas Nahost- und Europa-Reise zu stören. Doch die Strahlkraft des Demokraten im US-Wahlkampf kann er damit nicht gefährden - der Republikaner hat ein Problem.

New York - Es war die ultimative Demütigung für einen Autor. Der eingereichte Artikel biete "nicht genügend neue Informationen", kritisierte die Zeitung in ihrem Ablehnungsschreiben. Man könne das Stück "in seiner derzeitigen Form nicht akzeptieren". Der Verfasser dürfe es aber noch mal probieren: "Das wäre prima."

McCain im Wahlkampf: Obama hier, Obama da, Obama-Superstar
AP

McCain im Wahlkampf: Obama hier, Obama da, Obama-Superstar

Die Absage erfolgte am Freitag per E-Mail, erst jetzt wurde sie bekannt. Die Zeitung war die "New York Times". Der glücklose Autor: der republikanische US-Präsidentschaftskandidat John McCain.

Es sind harte Zeiten für ihn. Rivale Barack Obama sammelt gerade Wahlkampfpunkte auf seiner Mini-Welttournee, die dank guter PR-Choreografie, einer bisher eher freundlichen Fankulisse und einer bisher glücklichen Nachrichtenlage auch in den USA das Medienereignis des Sommers ist. Obamas Stippvisiten in Afghanistan und im Irak, der Flankenschutz für seine 16-Monatsabzugspläne durch den irakischen Premier Nuri al-Maliki, die Vorfreude in Deutschland: allesamt Top-Themen in den US-Medien. Obama hier, Obama da, Obama Superstar.

Das Essay, das McCain für die Meinungsseite der "New York Times" verfasst hatte, sollte dagegen halten. Der Republikaner wollte auch mal wieder ein paar gute Schlagzeilen - und Obamas Show als solche entlarven. McCain formulierte seinen Artikel als explizite Antwort auf Obama, der in der vergangenen Woche einen Gastbeitrag in der Zeitung untergebracht hatte ("Mein Plan für den Irak"). Der Demokrat konkretisierte darin seine Vision, alle US-Truppen binnen 16 Monaten aus dem Irak abzuziehen. McCain wollte dem nun entgegenhalten, Zeitpläne für einen Abzug aus dem Land seien "sehr gefährlich". Das war David Shipley, dem Vizechef des Meinungsressorts der Zeitung, nicht gut genug. "Eine neue Fassung würde ich mir gerne ansehen", schrieb er dem Präsidentschaftskandidaten der Republikaner. So werden sonst freie Mitarbeiter abgewimmelt.

Riesiger Erfolg für Obama in Bagdad

Die Abfuhr durch die "New York Times" zeigt, dass der daheim zurückgebliebene McCain in die Defensive gerät. Und Obama ausgerechnet im Ausland punktet - obwohl McCain die Außenpolitik doch gern als Schwäche seines Rivalen anprangert.

Einer von Obamas größten außenpolitischen Erfolgen wurde gar live aus Bagdad vermeldet, am Montagabend. Nach einem Treffen mit Maliki betonten er und seine mitreisenden Senatskollegen Jack Reed (Demokrat) und Chuck Hagel (Republikaner, als Obamas Vizekandidat im Gespräch), die Iraker wollten "eine angepeilte Zeitschiene" für einen Abzug - "mit einem klaren Datum für die Umschichtung der US-Kampftruppen". Malikis Sprecher Ali al-Dabbagh nannte sogar noch als Frist das Jahr 2010 - was sich grob mit Obamas 16-Monatsvision deckt.

Solche Meldungen müssen McCain frustrieren. Alles scheint dieser Tage gegen ihn zu laufen. Als wie schwierig seine Lage inzwischen wahrgenommen wird, zeigen Gerüchte in Washington, denen zufolge der Republikaner schon im Laufe dieser Woche seinen Vizekandidaten präsentieren könnte - unüblich früh, mit dem Ziel, Obama doch noch die Show zu stehlen.

Schimpfender 71-Jähriger neben wackligem 84-Jährigen

Erst einmal blieb es zwar bei Spekulationen, doch unverkennbar müht sich McCain nun um außenpolitische Attacken auf seinen Gegner. So am Montag in Kennebunkport in Maine. Da trat er mit einem humpelnden Präsidenten a.D. George Bush senior aus einem Golfkarren vor die Kameras und begann, sich über Obama lustig zu machen. Dieser habe "nicht die geringste militärische Erfahrung". In Sachen Irak und Afghanistan habe er "völlig falsch" gelegen. Er dagegen, McCain, sei immer "felsenfest bei meiner Haltung geblieben".

Am Ende blieb in den US-Medien allerdings das Bild eines schimpfenden 71-Jährigen neben einem wacklig wirkenden 84-Jährigen übrig. MSNBC stellte die Szenerie auf einem geteilten Bildschirm einem Video von Obama beim Basketballspielen mit Soldaten in Kuweit gegenüber. Über den halben Court hinweg traf der Demokrat da einen Korb, die Männer grölten.

Warum McCains Wahlkampfmaschine nicht rund läuft

Es war nicht die einzige problematische Szene für McCain. Der Kandidat trat auch in der watteweichen NBC-Plaudershow "Today" auf - und kam verbittert, spitz, herablassend rüber. "Ich bin froh, dass Senator Obama zum ersten Mal die Gelegenheit hat, sich mit General Petraeus zusammenzusetzen", spottete er. Petraeus ist der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Irak.

Als sich am Montag in Bagdad plötzlich das Blatt zugunsten von Obamas Irak-Strategie wendete, versuchte McCains Berater Randy Scheunemann zwar noch, Journalisten in einer Konferenzschaltung zu überzeugen: "Das ist eine Strategie der Niederlage." Doch von dieser Haltung kam in den Medien wenig an.

Kurz, Obama dominiert die Debatte. So sehr McCain auch giftet.

Damit hat die Reise für den Demokraten einen Hauptzweck schon erfüllt - nämlich McCains Hauptargument die Grundlage zu entziehen, Obama verstehe nichts von Außenpolitik.

Erst hatte der Republikaner beklagt, dass Obama seit 2006 nicht mehr im Irak war. Nun beklagt er, dass er doch in den Irak gereist ist. Das verstehen die wenigsten. Zum Überfluss versäumte es McCains Partei dann auch noch, auf ihrer Homepage jene elektronische Uhr zu aktualisieren, die zeigt, wie viel Zeit Obamas jüngstem Irak-Besuch vergangen ist. Am Montagabend präsentierte sie sich so überholt wie McCains Wahlkampfstrategie - sie zeigte 925 Tage.

McCain hat ein Problem mit seiner Botschaft

Einen Großteil seiner Wahlkampfmisere hat sich McCain selbst zuzuschreiben. Seine politische Botschaft ist inkonsistent - trotz des lange gepflegten Images des "straight talkers", des Mannes der klaren Worte.

Sein Wirtschaftsprogramm, das er fast jede Woche neu auflegt, ist konfus, und sein Top-Wirtschaftsberater Senator Phil Gramm musste am Wochenende abtreten - nachdem er über die wirtschaftlich darbenden Amerikaner gelästert hatte, sie seien "eine Nation von Heulsusen", die an "mentaler Rezession" litten. Auch der neueste Werbespot, den McCain seit Montag auf allen Kabelkanälen und in den elf am schärfsten umkämpften US-Bundesstaaten schaltete, half kaum. Ihre Botschaft: Obama ist an den hohen Spritpreisen schuld.

Kein Witz: "Wem könnt Ihr für die steigenden Preise an der Zapfsäule danken?", fragt der Sprecher. Ein Bild Obamas erscheint, begleitet von skandierenden Massen: ''Obama! Obama!''

Dazu kommt, dass Obama für die Medien inzwischen einfach der interessantere Kandidat geworden ist. Ab diesem Dienstag begleiten die Starreporter aller Sender den Demokraten. Die drei Top-Anchorleute werden ihn nacheinander zur besten Sendezeit interviewen, je einer am Dienstag-, Mittwoch- und Donnerstagabend.

Zum Vergleich: McCain muss heute im kleinen Kreise nach Portsmouth in New Hampshire ziehen, um ausgerechnet auf derselben alten, knarrenden Theaterbühne des Opera Houses aufzutreten wie Obama zu Beginn seines Siegeszugs, damals in den ersten Vorwahlen im Januar.

Viel mehr Sendeminuten für Obama

Seit der Wahlkampf im Juni zum Duell zwischen McCain und Obama wurde, haben die Nachrichten der US-Fernsehsender laut einer Berechnung des Branchendienstes Tyndall Report 114 Sendeminuten auf Obama verwendet - und 48 auf McCain. Eine ähnliche Präferenz ist auf den einflussreichen Polit-Blogs festzustellen.

Dieses Missverhältnis könne man zwar nachvollziegen "angesichts dessen, dass der Kandidat ein neues Gesicht ist und seine Kandidatur historisch", sagte der Journalismusprofessor Tom Rosenstiel der "New York Times". Doch am Ende sei "es wahrscheinlich nicht fair gegenüber McCain".

Die "New York Times" selbst verwahrte sich wegen des abgelehnten Essays gegen den Vorwurf, eine Präferenz für Obama zu haben. "Wir haben seit 1996 mindestens sieben Meinungsbeiträge von Senator McCain veröffentlicht", sagte Verlagssprecherin Catherine Mathis. "Wir nehmen seine Ansichten sehr ernst."

Nur diesmal nicht ernst genug zum Abdruck.

Für die "New York Times" sprang übrigens der Berliner "Tagesspiegel" ein. Er veröffentlichte McCains abgelehnten Text in seiner Mittwochausgabe als Gastbeitrag.

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