US-Wahlkampf Saustreichler in Iowa

Der Weg ins Weiße Haus führt für Republikaner durch die Schweineställe von Iowa: Bei früheren Straw Polls wurden Präsidentschaftskandidaten meist korrekt prognostiziert - 1999 gewann hier George W. Bush. Und so streicheln die Kandidaten am Wochenende um die Wette.

Aus Des Moines berichtet


Des Moines - Ron De Voll Jr. und seine Frau Jill sind mit dem Auto über zwei Stunden nach Des Moines gefahren, um die Iowa State Fair zu erleben. Denn auf diesem Volksfest, einem Zwitter aus Kirmes und Landwirtschaftsmesse, schlägt das Herz des Mittleren Westens. Hier gibt es Preisochsen zu bestaunen und riesige Säue, Melkmaschinen und das Maskottchen der Veranstaltung - eine Kuh ganz aus Butter. (Und daneben in der Kühlvitrine, ebenfalls aus Butter, einen überlebensgroßen Harry Potter.)

Für das Pärchen ist es eine willkommene Abwechslung. "Die Zeiten sind hart", sagt De Voll, 26. Der Irak-Veteran leidet seit seinem Fronteinsatz unter posttraumatischem Stress-Syndrom sowie Lungen- und Gehörschäden. Er muss in beiden Ohren Hörgeräte tragen und lebt von seiner Invalidenrente. Weder Jill noch seine einjährige Tochter Natalie sind krankenversichert. "Ich bin stolz darauf, gedient zu haben", sagt De Voll. "Aber ich fühle mich im Stich gelassen."

Plötzlich, ein Menschenauflauf. Zwischen den Milch-Pavillons, Corn-Dog-Buden und Zuckerwatte-Ständen steht ein Mann vor Heuballen im Halbrund, Mikrofon in der Hand. De Voll erkennt ihn vom Fernsehen: Es ist der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney. Er hält eine aalglatte Rede, in der er die US-Truppen im Irak preist und verspricht, die Steuern zu senken (Beifall), in Washington "aufzuräumen" (Beifall) und Amerika wieder "zur Hoffnung der Welt" zu machen (Beifall).

Als Romney beginnt, Hände zu schütteln, sieht De Voll seine Chance. Er baut sich mit seinen tätowierten Unterarmen vor Romney auf. "Ich bin ein Irak-Veteran", sagt er. "Wenn Sie gewählt würden, Sir, wann würden Sie die Truppen heimbringen?" Romney guckt irritiert. "Ähm? wenn der Job vollbracht ist", antwortet er ausweichend. De Voll hakt nach: "Und was heißt das?" Doch Romney kehrt ihm abrupt den Rücken und lässt ihn einfach stehen.

Inmitten dungumwölkter Natur

De Voll bleibt wutschnaubend zurück. "Das war sehr despektierlich", sagt er. "Er will meine Stimme. Aber bei der ersten brenzligen Frage büchst er aus." Er selbst sei weder Demokrat noch Republikaner und verdiene mehr als das. "Politiker arbeiten für uns. Nicht andersrum."

Gestern in Iowa: Der Wahlkampf sucht die Wähler heim. Acht republikanische Kandidaten sind gleichzeitig in dem ländlichen US-Bundesstaat eingefallen. Denn hier halten die Republikaner heute ihre Iowa Straw Poll ab - eine parteiinterne Probeabstimmung, die, da sie die erste Testwahl der Nation ist, zum landesweiten Kaffeesatz veredelt wird. Iowa hat den späteren Kandidaten meist korrekt prognostiziert und beim letzten Mal 1999 auch den späteren Präsidenten, George W. Bush.

Und da dieses Kürlaufen parallel zur Iowa State Fair stattfindet, bietet es sich natürlich an, hier die Nähe des Volkes zu suchen, wo Amerika noch Amerika ist. Wo die Rinder in der "Cattle Barn" unter riesigen Ventilatoren dahin dösen, wo es "Käse am Spieß" gibt, wo im "Milchsalon" alle zwei Stunden schaugemolken wird und "Big Red", der schwerste Keiler der Kirmes, satte 545 Kilo auf die Waage bringt.

Obwohl das mit der Volksnähe, wie die Episode mit Romney und De Voll zeigt, nicht immer so klappt, wie sich das die Parteistrategen wünschen. Trotz allem Basiskontakt: Selbst inmitten all dieser Wählermassen und dieser dungumwölkten Natur wirken die Kandidaten wie ferngesteuerte, realitätsfremde Roboter.



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