Augenzeugenberichte aus Trumps Kinderlagern "Bitte, Mama, melde dich"

Die "New York Times" hat Migrantenkinder interviewt, die ohne Eltern in US-Haftlager gesteckt wurden. Sie hatten offenbar Verlustängste, mussten Toiletten putzen und wurden teils mit Spritzen betäubt.
Kinder in texanischem Flüchtlingslager

Kinder in texanischem Flüchtlingslager

Foto: MIKE BLAKE/ REUTERS

"Benimm dich nicht schlecht. Sitz nicht auf dem Boden. Lauf nicht herum. Teil dein Essen nicht. Kein Körperkontakt mit anderen Kindern. Es ist besser, wenn du nicht weinst": Die Tausenden Migrantenkinder, die auf Geheiß von US-Präsident Donald Trump in rund 100 Lagern festgehalten werden, oft ohne Kontakt zu ihren Eltern, müssen sich offenbar an einen langen Katalog von Regeln halten.

Das geht aus einem Report der "New York Times"  hervor. Die US-Zeitung hat mehrere Migrantenkinder interviewt, die inzwischen wieder aus solchen Lagern entlassen worden sind. Und sie hat mit Ex-Mitarbeitern solcher Lager gesprochen.

Den Angaben zufolge waren die Bedingungen in den Lagern nicht durchweg schlecht. Die Kinder bekamen demnach auch abwechslungsreiches Essen, durften Fußball oder Videospiele spielen oder Filme gucken. Viele Aufseher hätten sich respektvoll um sie gekümmert. Immer wieder mussten Kinder und Jugendliche jedoch auch schlechte, teils gar verstörende Erfahrungen machen.

Ein brasilianischer Junge berichtet, seine Aufseher hätten täglich um 6.30 Uhr Lärm geschlagen - so lange, bis seine Mithäftlinge und er aufgestanden seien. Seinen Angaben zufolge mussten die Kinder Toiletten putzen, Fußböden schrubben und ihre Betten nach einer strengen Schritt-für-Schritt-Anleitung machen.

Er habe zudem mit ansehen müssen, wie Wächter einen anderen Jungen mit Beruhigungsspritzen ruhigstellten, als dieser einen Tobsuchtsanfall erlitten habe, erzählt der Brasilianer der "New York Times". Er und die anderen Kinder hätten dann versucht, sich so ruhig wie nur möglich zu verhalten.

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US-Migrantenkrise: Das Geschäft mit der Haft

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Ein zwölfjähriges Mädchen aus Guatemala erzählte den Reportern, wie sie heimlich Briefe an ihre Mutter geschrieben habe. Sie hatte offenbar große Verlustängste. "Mama, ich vermisse dich so sehr", schreibt sie in großen Blockbuchstaben. "Bitte, Mama, melde dich. Bitte Mama, ich hoffe, es geht dir gut. Und denk daran, du bist das Beste in meinem Leben."

Ein 15-Jähriges Mädchen, ebenfalls aus Guatemala, berichtet von Sorgen, sie könne ohne ihre Eltern zurück in ihr Land abgeschoben werden. Sie habe zwar ab und zu mit ihrer Mutter telefonieren dürfen, doch die anderen Mädchen in ihrer Einheit hätten ihr immer wieder erzählt, "dass sie uns deportieren". Die Ungewissheit sei quälend gewesen. Als man sie schließlich wieder zu ihrem Vater brachte, hätte dieser vor Aufregung zunächst nicht sprechen können.

Die US-Behörden behandeln illegal ins Land kommende Menschen seit Monaten systematisch als Gesetzesbrecher und nehmen sie in Haft. Da Migrantenkinder laut einer Regelung von 1997 nicht für längere Zeit inhaftiert werden dürfen, wurden die Familien zunächst auseinandergerissen und die Minderjährigen in Heimen untergebracht. Mehr als 2500 Minderjährige sind auf diese Weise bereits von ihren Eltern getrennt worden.

Die rigorose Praxis der Familientrennungen hatte im In- und Ausland für Empörung gesorgt. Zwar beendete Trump die Trennungen daraufhin, die US-Behörden haben jedoch Probleme bei der Zusammenführung getrennter Einwandererfamilien. Dana Sabraw, ein US-Richter, schrieb am Freitag, er habe inzwischen Zweifel am guten Willen der US-Regierung, die Familien möglichst schnell wieder zusammenzuführen.

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