SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

20. September 2012, 07:23 Uhr

"Charlie Hebdo"-Zeichnungen

USA warnen vor Vergeltung für Mohammed-Karikaturen

Die USA sind wegen der neuen französischen Mohammed-Karikaturen alarmiert. Die Zeichnungen seien für manche Gläubige "zutiefst beleidigend" - und könnten einen Aufruhr entzünden, warnt das Weiße Haus. Auch das deutsche Magazin "Titanic" plant eine Islam-Ausgabe.

Paris/Washington - Die US-Regierung hat scharfe Kritik an den neuen Mohammed-Karikaturen des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo" geübt und befürchtet eine weitere Eskalation der Gewalt: Die Zeichnungen seien "zutiefst beleidigend" für manche Gläubige, sagte Jay Carney, Sprecher von US-Präsident Barack Obama am Mittwochabend in Washington. Die US-Regierung ist besorgt, dass die seit Wochen anhaltenden Proteste in der muslimischen Welt wegen des islamfeindlichen Schmähfilms "Die Unschuld der Muslime" noch verschärft werden könnten: Die Zeichnungen hätten das Potential, einen Aufruhr zu entzünden, sagte Carney.

"Charlie Hebdo" hatte am Mittwoch eine Reihe von Zeichnungen gedruckt, die sich auf "Die Unschuld der Muslime" beziehen. Die französische Staatsanwaltschaft teilte mit, wenige Stunden nach der Veröffentlichung der Karikaturen sei eine Klage eingereicht worden, machte aber keine Angaben zum Kläger. Überdies leitete sie Ermittlungen ein, weil die Internetseite des Magazins offenbar gehackt worden war.

Der Zorn vieler Muslime könnte sich bald auch schon gegen Deutschland richten: Das Satiremagazin "Titanic" plant eine Islam-Ausgabe. Auf dem Entwurf des Titelblatts soll einem Bericht der "Financial Times Deutschland" zufolge Bettina Wulff, die Frau des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff, in den Armen eines islamischen Kriegers mit Turban und Schwert zu sehen sein. "Der Westen in Aufruhr - Bettina Wulff dreht Mohammed-Film!" soll die Schlagzeile lauten.

"Satire darf und muss alles"

"Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer verteidigte seinerseits die in der französischen Satirezeitung "Charlie Hebdo" erschienen Mohammed-Karikaturen und nannte sie eine richtige Reaktion auf die "wahnsinnigen Ausschreitungen". "Satire darf und muss alles", sagte Fischer.

Aus Angst vor Vergeltung für die Veröffentlichung der Karikaturen in "Charlie Hebdo" kündigte die Regierung in Paris an, weltweit rund 20 Botschaften, Konsulate und Schulen zu schließen. Außenminister Laurent Fabius erklärte am Mittwoch im Radiosender France Info, dass die diplomatischen Vertretungen Frankreichs am kommenden Freitag geschlossen bleiben sollten. Auch Deutschland will die Sicherheitsvorkehrungen angesichts der Proteste verstärken. Wie Außenamtssprecher Andreas Peschke in Berlin mitteilte, soll zu einzelnen deutschen Vertretungen zusätzliches Personal geschickt werden. Ob am Freitag die deutschen Botschaften in muslimischen Ländern ebenfalls geschlossen werden, ließ er allerdings offen.

US-Präsident Obama und der afghanische Präsident Hamid Karzai riefen angesichts der weltweiten Proteste gegen die Veröffentlichung des Mohammed-Schmähfilms zu besonnenen Reaktionen auf. Das US-Präsidialamt teilte am Mittwoch nach einer Videokonferenz der beiden Politiker mit, es sei in der gegenwärtigen Situation notwendig, zu "Zurückhaltung und Gewaltlosigkeit" zu ermutigen.

In zahlreichen muslimisch geprägten Ländern in Afrika und Asien gab es am Mittwoch erneut massive Proteste. Zehntausende Menschen gingen in der libanesischen Hafenstadt Tyros auf die Straßen und riefen "Oh, Amerika, du bist Gottes Feind". Seit dem Beginn der Ausschreitungen am 11. September in mehr als 20 Ländern wurden durch Gewalt mindestens 30 Menschen getötet, darunter der US-Botschafter in Libyen.

hen/dpa/Reuters/AFP

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung