Betroffene des US-Shutdowns "Man kann uns doch nicht einfach als Geiseln nehmen"

Wegen des US-Shutdowns bekommen viele Staatsdiener kein Gehalt. Manche müssen bereits für Gratisessen anstehen, wie Seenotretter Chavez und Finanzbeamtin Palma in Kalifornien. Was macht das mit ihnen?

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Aus San Diego berichtet


Das Luft- und Raumfahrtmuseum in San Diego ist eigentlich ein Symbol für Amerikas Stärke. In dem Prachtbau zelebriert die Weltmacht ihre militärischen und wissenschaftlichen Erfolge. Jetzt stehen zwischen den ausgestellten Kampfjets Hunderte Staatsdiener der stolzen Weltmacht für eine warme Mahlzeit an. Es ist fast wie in einem Entwicklungsland, armselig.

Den Leuten bleibt kaum eine Wahl: Ihre Regierung und Präsident Donald Trump zahlen ihnen seit fünf Wochen kein Gehalt mehr. Wie überall im ganzen Land haben sich auch in San Diego Restaurantbesitzer spontan zusammengetan, um Angestellte der Bundesregierung während des Shutdowns mit kostenlosem Essen zu versorgen. Ganze Familien sind an diesem Tag in das Museum gekommen. Dort gibt es einen großen Saal, also genug Platz für alle.

Etwa für Ramon Chavez, 32, und seinen einjährigen Sohn Elias. Weil die Essensausgabe im Luftfahrtmuseum abgehalten wird, hat er sich extra ein Nasa-T-Shirt angezogen. Eigentlich arbeitet er bei der US-Küstenwache in San Diego. Ramon lädt zwei Teller voll, es gibt Salat, Maiskolben, etwas Grillfleisch. Er bezeichnet sich als amerikanischen Patrioten, als Optimisten, den so leicht nichts erschüttern kann. Aber jetzt sagt er: "Es ist schwer."

Wie die meisten der 800.000 Staatsbediensteten muss er sich irgendwie ohne Geld durchschlagen, große finanziellen Reserven hat der Familienvater nicht. Zwar kann er nach dem Ende des Shutdowns auf eine Rückzahlung des entgangenen Lohns hoffen. Doch erst mal hilft ihm das nicht weiter.

Video: Die Verzweiflung der Staatsbediensteten

In der kommenden Woche wird die nächste Kreditzahlung für sein Eigenheim fällig, es folgen die Handy-Rechnung und die Leasingrate für den Wagen. Insgesamt hat er gut 3000 Dollar Fixkosten im Monat. "Keine Ahnung, wie ich das alles bezahlen soll", sagt er.

Immerhin: Die Bank hat ihm für den Wohnungskredit einen Monat Zahlungsaufschub gewährt, also bis März. Andere Rechnungen kann er schlicht nicht begleichen. Das heißt: Er bekommt Mahnungen, Mahnungen und noch mal Mahnungen. Er muss Strafzinsen zahlen, Kreditkarten könnten bald gesperrt werden.

Womöglich verschlechtert sich so auch sein sogenanntes Kreditrating. In den USA bedeutet das: Selbst wenn der Shutdown eines Tages zu Ende ist, könnten die Banken von ihm noch nach vielen Monaten für jeden neuen Kredit höhere Zinsen verlangen. Auf diesen Kosten bleibt er dann sitzen.

Zur Arbeit geht Ramon trotzdem, auch ohne Bezahlung: So fährt er jetzt wie immer mit seinen Kollegen vor der Küste von Kalifornien Patrouille, rettet Menschen aus Seenot. Die Mitarbeiter der Coast Guard zählen zu den gut 420.000 Staatsdienern, die zur Aufrechterhaltung eines Notbetriebs der Regierung unerlässlich sind und die zur Arbeit erscheinen müssen, ähnlich wie die Fluglotsen oder die Agenten des FBI. Der Rest wurde in den Zwangsurlaub geschickt. "Ich mache meine Arbeit gern", sagt Ramon. "Aber so kann es nicht weitergehen. Der Shutdown muss aufhören."

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Haushaltsstreit in den USA: Schlange stehen für ein Mittagessen

So wie San Diego trifft der Shutdown viele Städte in den USA. Fast in allen Bundesstaaten gibt es irgendwo größere und kleinere Bundesbehörden, deren Mitarbeiter jetzt kein Geld mehr bekommen. San Diego ist ein typisches Beispiel: Neben den Mitarbeitern der Küstenwache gibt es hier auch Hunderte Beamte der Zollbehörde und vom Grenzschutz, die die nahe Grenze zu Mexiko überwachen. Am Flughafen arbeiten die staatlichen Fluglotsen und die Angestellten der Sicherheitskontrolle ohne Lohn. Außerdem gibt es in der Stadt ein großes Bundesgefängnis und eine Außenstelle der Steuerbehörde mit mehr als 800 Mitarbeitern. Auch sie bleiben allesamt ohne Bezahlung.

"Die sollten in Washington ihren Job machen"

Sachbearbeiterin Rebeca Palma würde jetzt bei der Steuerbehörde eigentlich Akten durchgehen, Steuererklärungen von Unternehmen überprüfen. Aber in ihrem Büro in der Innenstadt war Rebeca schon seit Ende Dezember nicht mehr. Stattdessen muss die Steuerbeamtin zusehen, dass sie etwas zu essen bekommt.

Auch Rebeca steht in der Schlange vor dem Luft- und Raumfahrtmuseum. In ihrer Not geht sie schon seit Tagen zu Hilfsorganisationen, die in der Stadt kostenlos Lebensmittel an Bedürftige ausgeben. Sonst sitzt sie die meiste Zeit zu Hause und verfolgt im Internet die Nachrichten über den Shutdown. Sie ist glücklich über die Essenseinladung in das Museum. Für sie ist das ein Lichtblick in diesen trüben Tagen, sie trifft Kollegen, Bekannte: "Das bringt uns zusammen."

Die Ratenzahlung für ihr Auto hat sie schon verpasst, die ersten Mahnungen kommen. "Ich hatte Reserven für zwei Monate, die sind praktisch weg", erzählt sie. "Es ist stressig und frustrierend."

Wie es weitergeht, weiß Rebeca nicht. Sie hofft einfach darauf, dass sich Trump mit den Demokraten bald auf einen Kompromiss über die Mauerpläne und den Haushalt einigt. "Die sollten in Washington einfach mal ihren Job machen. Man kann uns doch nicht einfach als Geiseln nehmen", sagt sie.

"Die Mauer muss kommen"

So wie Rebeca sehen das viele Angestellte der Regierung. Auch die Stimmung in der Bevölkerung verdüstert sich: Umfragen zeigen, dass die meisten Amerikaner inzwischen klar dem Präsidenten die Schuld für den Stillstand geben. Und: 71 Prozent der Bürger sagen laut einer Befragung des Senders "CBS", dass der Bau einer Mauer das Shutdown-Theater nicht wert sei.

In der Schlange vor dem Museum ist nur Daniel, 34, ganz anderer Meinung. Er arbeitet beim Grenzschutz. Für ihn, der sonst Tag für Tag Autos und Menschen kontrolliert, ist klar: "Die Mauer muss kommen. Eine sichere Grenze ist unerlässlich für unser Land."

Daniel hat gerade eine Übung hinter sich gebracht: Im Auftrag der Trump-Regierung haben er und seine Kollegen mit Schilden, Tränengas und Schlagstöcken trainiert, wie sie ihren Grenzübergang südlich von San Diego gegen einen Ansturm von Einwanderern verteidigen könnten. Er ist sichtlich stolz, wenn er davon erzählt.

Den Shutdown sieht der Grenzbeamte als notwendiges Übel, um das "größere Ziel", die sichere Grenze, zu erreichen: "Spanien, Israel, viele Länder haben Mauer und Zäune, um ihr Territorium zu schützen. Wir brauchen das auch", sagt er. "Das ist das Recht eines jeden Landes."

Daniel will den Shutdown einfach aussitzen: "Ich habe Ersparnisse", sagt er. In seinem Haus hat er die meisten Zimmer vermietet, er selbst wohnt im kleinsten Raum. "Ich kann zur Not fünf Jahre durchhalten."

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benutzer1000 24.01.2019
1. 3000 Dollar Fixkosten
Und nichts auf der hohen Kante. Vielleicht leben die amerikanischen Beamten etwas zu sorglos. Wenn die Fixkosten so hoch sind, passen die Einnahmen vermutlich nicht zum Lebensstil. Zudem gibt es für Beamte mit sicherem Arbeitsplatz sicherlich einen günstigen Überziehungskredit.
Dr. Kilad 24.01.2019
2. Ich verstehe nicht,
warum solcher Präsident nicht längst hinter Gitter sitzt. Wie geht das eigentlich mit dem Streichen von vertraglich vereinbarten Geld in den USA? Warum gibt es da kein großer Aufstand?
quark2@mailinator.com 24.01.2019
3.
1 Monat kein Geld, ggf. 2 Monate kein Geld, aber es wird zu 99% nachgezahlt ? Es ist vielleicht unfair, sowas aufzurechnen, aber viele viele Menschen haben die Unsicherheit ständig, wissen nie, wann, ob und wieviel sie in ein paar Wochen verdienen werden. Und wenn, dann verdienen sie sowenig, daß sie nie etwas ansparen können. Es ist schlimm. Es ist aber für diese Menschen die Ausnahme, was für viele andere z.T. das ganze Leben ist. Und leider sind es gerade Staatsangestellte, die leichter Hand oft genug Menschen in finanzieller Notlage sanktionieren und Regeln aufstellen, die das Leben für arme Menschen teurer macht. Mir tut jeder Mensch in Notlage leid. Berichtet wird leider immer nur, wenn es sich um eine große Firma oder Beamte handelt.
PeterMüller 24.01.2019
4. Was mich immer wieder überrascht
Trump zahlt seit fünf Wochen kein Gehalt. Okay, die Amis bekommen also ihr Gehalt wöchentlich, sonst wäre bisher ja nur die Dezemberrate offen. So sind es dann vielleicht 1,3 Raten. Was mich aber überrascht, dass selbst gut verdienende Staatsbedienstete schon nach fünf Wochen so auf dem Trockenen sitzen, dass sie für Essen zur Tafel müssen. Wären es Einzelfälle, die über ihre Verhältnisse leben, wäre es einleuchtend, aber so massiv und umfassend? Bilden die meisten dort also entweder keine Rücklagen, sondern geben echt alles aus? Oder ist der Verdienst im Staatswesen Amerikas dann doch so mies bezahlt, dass die Bediensteten schlicht keine Möglichkeit haben, außer von der Hand in den Mund zu leben. Es könnte natürlich auch eine Mischung sein (kein schlechter, aber doch kein guter Verdienst und immer ausgeben, was reinkommt).
ad2 24.01.2019
5. Warum gehen den die Menschen nicht auf die Strassen?!
Warum gehen den die Menschen nicht auf die Strasse und protestieren? Es ist unglaublich was Sie ihrem Rüpel-Präsidenten durchgehen lassen. In Frankreich genügt es die Spritpreise anzuheben und eine Million "Gelbwesten" blockiert die Strassen bis der Präsident einlenkt. Trump ignoriert alle Regeln und Maßstäbe, er bricht permanent Gesetze, aber die amerikanischen Bürger gehen artig wie die Lämmer unbezahlt zur Arbeit! Das wird Trump doch nur weiter bestätigen in seinem Egotrip, ihn animieren, das Spiel immer noch weiter zu treiben. Die Bürger müssten zivilen Ungehorsam leisten: Seine Hotels blockieren, sein Haus, seine Golfplätze, das Parlament, die Strassen einfach alles so grundlegend still legen, dass die Regierung einlenken muss. Dann würden sie ihr Geld bekommen und Trump vielleicht endlich seinen Prozess!
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