Hetze bei den US-Vorwahlen Amerikas Poltergeister

Je böser, desto populärer: Im Vorwahlkampf der US-Republikaner geht es ruppig zu. Hetz-Kandidaten wie Donald Trump und Ben Carson drohen das Land zu spalten. Wehe, dieses Amerika setzt sich durch.

US-Republikaner Trump: Bruch mit allen Konventionen
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US-Republikaner Trump: Bruch mit allen Konventionen

Ein Kommentar von , New York


Manchmal haben Donald Trumps Pöbeleien ja einen wahren Kern. Ex-Präsident George W. Bush, so implizierte er dieser Tage, trage zumindest eine Mitverantwortung für die Terroranschläge des 11. September 2001: "Das World Trade Center wurde zu seiner Amtszeit zerstört."

Damit wagte sich Trump an eines der größten Tabus seiner Partei. Dass die Bush-Regierung viele Vorzeichen ignoriert hatte und 9/11 vielleicht sogar hätte verhindern können, das darf kein US-Republikaner laut aussprechen. Doch Trump sagt, was andere kaum zu denken wagen.

Trumps Präsidentschaftskandidatur bricht mit allen Konventionen. Er beleidigt, lügt, hetzt - vor allem auch gegen Minderheiten und Ausländer. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel bekam ihr Fett weg, dank ihrer "schwachsinnigen" Flüchtlingspolitik: Migranten seien nur ein "trojanisches Pferd" für islamistischen Terror, deklamierte Trump.

Mehr als der übliche Zirkus

Ähnlich Trumps Parteirivale Ben Carson: Getarnt hinter der Maske des netten Onkels, profiliert sich der Gehirnchirurg a.D. mit immer wilderen Statements, die nicht nur eine profunde Unkenntnis der Geschichte bezeugen, sondern auch einen skrupellosen Hang zur Agitation.

Etwa seine Behauptung, der Holocaust wäre wahrscheinlich nicht geschehen, hätten die Juden bloß private Schusswaffen gehabt. Carson liebt Nazi-Analogien: Er vergleicht Obama mit Hitler und die Demokraten mit der NSDAP und empfiehlt die Lektüre von "Mein Kampf", in dem er Omen für Amerikas Niedergang sieht, ohne es wohl selbst gelesen zu haben.

Trotz solcher Aussagen werden beide immer populärer: In jüngsten Meinungsumfragen begeistern sie gemeinsam fast die Hälfte der republikanischen Vorwähler. Alle anderen Kandidaten rangieren nur noch unter ferner liefen.

Dieser US-Wahlkampf ist mehr als der übliche Zirkus. Sarah Palin, die 2008 als dümmlich-stolze Vizekandidatin der Republikaner Schlagzeilen machte, verblasst gegen die heutigen Stars: Trump und Carson zündeln mit einem populistischen, fremdenfeindlichen, perfide offenen Nationalismus.

Es droht ein Kampf der zwei Amerikas. Das eine ist das Amerika der intellektuell-progressiven, wenn auch oft illusionär-abgehobenen Ideale, wie sie sich im angeregten Diskurs der ersten TV-Debatte der Demokraten offenbarten. Das andere ist das Amerika der nackten, kalten, aggressiven Wut - repräsentiert von den Poltergeist-Shows der Republikaner-Debatten.

Politik der Angst

Der Präsidentschaftswahlkampf ist nicht die einzige Bühne dafür. Im US-Kongress spitzt sich diese Woche ein paralleles Polit-Drama zu, auch dort tobt die unversöhnlich-kompromisslose Rechtsrevolution.

Die führungslosen Republikaner suchen einen Nachfolger für Repräsentantenhaussprecher John Boehner, der im Clinch mit den Radikalen das Handtuch geworfen hat. Am Mittwoch soll sich Paul Ryan als sein Erbe erklären: Der war 2012 als Mitt Romneys Vize selbst noch ein Hardliner, inzwischen gilt auch er als "zu moderat". So schnell haben sich die Maßstäbe verschoben.

Neu ist das alles nicht. David Remnick, der Chefredakteur des "New Yorker", erinnerte diese Woche an die US-Vorkriegszeit: Da machten reaktionäre Demagogen wie der Hassprediger Charles Coughlin und der vom Flugpionier zum Isolationisten mutierte Charles Lindbergh Stimmung gegen Ausländer und Juden. Lindbergh war so schlimm, dass Präsident Franklin Roosevelt ihn mit Joseph Goebbels verglich.

Zum Glück gewann Roosevelt 1940 die Wiederwahl. Wie es aber auch anders hätte kommen können, malte sich Philip Roth 2004 in seinem Roman "Verschwörung gegen Amerika" aus: Darin siegte Lindbergh als Outsider-Kandidat gegen Roosevelt, ging eine Allianz der USA mit Hitler ein und ebnete den Weg für eine faschistische Machtübernahme.

Fiktion? Der erste Satz des Buches bleibt wahr: "Angst beherrscht diese Erinnerungen, eine ständige Angst." Die "Politik der Angst" (Remnick) ist auch die Grundlage für Trump und Carson - und wie in Roths Fantasie wirft sie die Frage auf: Welches Amerika wird siegen?

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Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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notbehelf 21.10.2015
1. Demokratie
Demokratie heisst ja nicht, dass alle so wählen müssen wie man selbst es für richtig hält. Leider geht das manchmal vergessen und führt dazu, dass sich Politiker auf dem Erreichten ausruhen. Und das ist dann auch der Punkt, an dem "populistische Redner" an Boden gewinnen.
p-touch 21.10.2015
2.
Sollte Trumpf tatsächlich Präsident werden, dann können mir uns schon einmal auf denn nächsten Krieg einstellen. Sollte Clinton gewinnen werden die Reps alles tun um sie zu blockieren und die USA geht weiter den Bach runter.
texas_star 21.10.2015
3. so so...
Herr Pitzke erklaert uns die US Politik und - welch Ueberraschung - findet Hillary aus dem "intelektuell-progressiven" Lager ganz ganz toll.... Clinton hat auch ordentlich Dreck am Stecken und ist zur Zeit sogar Gegenstand von FBI Ermittlungen... aber nein, davon erfahren wir nichts - nur welche Fettnaepfchen Carson und Trump reingetreten sind...
Nabob 21.10.2015
4. Was Obama nach vorn schaffte und schafft,
schrauben diese hohlen Geldproleten um das Vielfache wieder zurück und das schadet nicht nur den USA, sondern vor allem auch der Weltsicherheit. Es ist gut, dass Dummheit aus sich heraus so laut und so gut sichtbar ist. Trump ist nur einer an der Spitze des Eisbergs der schlichten Geistesart, aber sie sind auch brandgefährlich, da sie nicht wissen was sie tun und das bisherige Verteilen der Waffen in der Welt bereitet in seinen Wirkungen gerade Völkerwanderungen. Man darf nicht nur mit ansehen, dass solche Monster wie Trump die Ursächlichkeit für Völkerwanderungen bewahren, die nie die größten Waffenexporteure Russland oder USA treffen, sondern vor allem einfließen nach Europa und dabei favorisiert nach Deutschland kommen. Ob es 1000 islamische Glaubensausrichtungen geben sollte und ob sie sich letztlich alle gegenseitig bekriegen, hängt nur davon ab, ob sie Waffen haben. Ohne Waffen ist der Despot handlungsunfähig bzw. er entwickelt sich nicht erst dazu. George W. Bush war der hinreichende intellektuelle Ausrutscher der USA nach ganz unten; eine Wiederholung ist die Gefahr per se.
kosamm 21.10.2015
5. 3?
Ich, Jahrgang '44, habe Angst, dass die Welt und die heute jungen Menschen, vor einem 3. Weltkrieg stehen könnten....... Diese heutige Welt ist " upside down."
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