Migranten an US-Grenze "Von den Eistruhen kommen sie in die Hundekäfige"

Die Grenze zwischen Mexiko und den USA ist eine Todesfalle geworden. Anwalt Ricardo de Anda hilft Flüchtlingen, die es nach Norden geschafft haben - und kritisiert Donald Trump scharf.

Der Anwalt Ricardo de Anda kritisiert die Migrationspolitik von Donald Trump
Katrin Kuntz/ DER SPIEGEL

Der Anwalt Ricardo de Anda kritisiert die Migrationspolitik von Donald Trump

Ein Interview von


Der Anwalt Ricardo de Anda führt eine Kanzlei in der Stadt Laredo, Texas, nahe der Grenze zu Mexiko. Er kümmert sich seit Jahren um das Schicksal von Migranten, die aus Lateinamerika in die USA einwandern.

Im vergangenen Jahr vertrat er Mütter, Väter und deren Kinder, die durch die "Null-Toleranz"-Politik von US-Präsident Donald Trump an der Grenze auseinandergerissen wurden. Nun hilft er Migranten in den Vereinigten Staaten bei ihren Asylanträgen. Trumps Migrationspolitik hält er für völlig missglückt.

SPIEGEL ONLINE: Anfang dieser Woche wurden im Rio Grande die Körper des Honduraners Óscar Alberto Martínez Ramírez und seiner 23 Monate alten Tochter, Valeria, gefunden. Die beiden waren bei dem Versuch ertrunken, die Grenze zu den USA zu überqueren. Es ist ein extrem trauriges, beschämendes Bild. Wie ist die Situation an der US-Grenze derzeit?

Ricardo De Anda: Die Menschen kommen weiterhin ungebremst. Aber das Chaos ist riesig. Noch bis vor mehr als einem Jahr hätten dieser Mann und sein Kind ihr Recht wahrnehmen können, einen der offiziellen Grenzübergänge zu passieren. Sie wären ganz normal über eine Brücke gelaufen und hätten einem Offizier der "Customs and Border Patrol" auf US-amerikanischem Boden gesagt, dass sie Asyl in den Vereinigten Staaten beantragen möchten. Dann hätte ihr Prozess begonnen.

SPIEGEL ONLINE : Und nun?

De Anda: Jetzt haben wir die Situation, dass die Grenzbehörden kaum noch Menschen hinüberlassen. Sie behaupten, sie seien überfordert. Sie haben Leute in der Mitte der Brücke stehen, die den Migranten sagen: "Wir führen eine Liste und unsere Quote ist bereits erfüllt." Sie schicken die Migranten weg und bedeuten ihnen, zu warten. Deshalb versuchen Menschen wie Ramírez und seine Familie über den Rio Grande in die USA zu kommen. Und der Fluss ist gefährlich.

SPIEGEL ONLINE : Die meisten Migranten, die in die USA wollen, kommen aus El Salvador, Honduras und Guatemala. Wovor fliehen sie?

De Anda: Vor der Gewalt in ihren Heimatländern. Und: Vor der Armut. In Guatemala werden etliche Bauern enteignet und können ihre Familie nicht mehr ernähren wie früher. In El Salvador und Honduras sind die Sozialsysteme völlig zusammengebrochen. Die Regierungen sind korrupt. Stellen Sie sich einmal vor, bei Ihnen bricht jemand ein und stiehlt alles, was sie haben. Dann rufen Sie die Polizei.

In Deutschland würde man sich danach vielleicht sicherer fühlen. In diesen Ländern stellen sie fest, dass es sich um dieselben Kriminellen handelt, die ihr Haus verwüstet haben. Oder stellen Sie sich vor, Ihre Tochter wird vergewaltigt, aber die Polizei steckt vielleicht mit den Tätern unter einer Decke.

Hinweis: Einige Aufnahmen in der folgenden Bilderstrecke können verstörend wirken. Wenn Sie sie nicht sehen wollen, klicken Sie bitte nicht auf die Fotos.

Fotostrecke

4  Bilder
Zwischen USA und Mexiko: Gefahr am Rio Grande

SPIEGEL ONLINE : Donald Trump hat es zu einer der wichtigsten Aufgaben seiner Präsidentschaft gemacht, gegen illegale Einwanderung vorzugehen. Was ist seine Strategie?

De Anda: Präsident Trump fährt beim Thema Migration eine sogenannte "Null-Toleranz"-Politik. Diese Strategie ist weiterhin gültig. Menschen, die illegal die Grenze überqueren wollen, so wie Ramírez und seine Familie, werden als Kriminelle eingestuft, sobald sie US-Boden betreten. Selbst dann, wenn sie zum ersten Mal kommen. Die Mitarbeiter der "Border Patrol", welche die Gegend entlang des Rio Grande kontrollieren, nehmen die Migranten fest, die nicht über die offiziellen Grenzübergänge kommen. Sie registrieren ihre Daten und bringen sie in sogenannte "Eistruhen" entlang der Grenze.

SPIEGEL ONLINE : Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

De Anda: Die "Eistruhen" sind Erstaufnahmelager, in denen es üblicherweise eiskalt ist. Das Licht brennt 24 Stunden, die Menschen schlafen auf dem Boden. Von diesen Orten kommen Horrorgeschichten.

SPIEGEL ONLINE : Anwälte, die in dieser Woche Zugang zu einer solchen Grenzstation in Texas hatten, in der über 250 Kinder teilweise seit mehr als einem Monat festgehalten werden, berichten Schreckliches. Säuglinge trügen keine Windeln, Kleinkinder seien verdreckt und hungrig. Es gebe weder Seife noch Zahnpasta.

Video von der Grenze zwischen Mexiko und den USA: Lebensgefährliche Flucht

REUTERS

De Anda: Die Einrichtungen entlang der Grenze sind oft völlig überfüllt. Kinder dürfen dort eigentlich nicht länger als 72 Stunden festgehalten werden. Aber meistens sind ihre Eltern, denen sie entrissen wurden, in demselben Gebäude, in einem anderen Trakt. Vor einem Jahr blieben die Menschen etwa 24 bis 48 Stunden in diesen "Eistruhen." Inzwischen harren viele dort mehrere Wochen aus, weil es nicht genügend Beamte gibt und die Bearbeitung ihrer Fälle immer länger dauert.

SPIEGEL ONLINE : Was geschieht nach dieser Erstaufnahme?

De Anda: Nachdem die Menschen in den "Eistruhen" registriert wurden, kommen sie in die sogenannten "Hundekäfige". Das sind Haftanstalten, die mit hohen Zäunen umgeben sind, viele Migranten erinnern sie an Käfige. Dort warten sie, bis die Immigrationsbehörden sie in richtige Gefängnisse stecken, von dort werden sie dann als nächstes entweder abgeschoben oder sie können ihr Asylgesuch vor Gericht präsentieren. Weil Beamte fehlen, dauert der ganze Prozess ewig.

SPIEGEL ONLINE : Steckt dahinter ein System?

De Anda: Trumps Strategie ist es, den Druck auf die Menschen zu erhöhen. Aber das ist ein totaler Reinfall, denn die Zahlen gehen nicht runter. Verzweifelte Menschen handeln nur immer verzweifelter. All das könnte verhindert werden, wenn man mehr Beamte anstellen und es den Migranten erlauben würde, an den offiziellen Grenzübergängen um Asyl zu bitten.

SPIEGEL ONLINE : Im vergangenen Jahr hat Trumps Politik tausende Familien an der Grenze auseinandergerissen. Der Prozess der Wiedervereinigung, der nur nach massivem öffentlichen Druck überhaupt begonnen hat, war extrem chaotisch. Etwa zehn Prozent der Eltern wurden ohne ihre Kinder abgeschoben. Wie geht es diesen Familien heute?

De Anda: Zuerst einmal: Diese grausame Praxis der Familientrennungen, die Migranten abschrecken sollte, ist offiziell beendet. Aber sie geschieht in geringerem Ausmaß immer noch. Und das ganze Chaos ist noch nicht beseitigt.

SPIEGEL ONLINE : Sondern?

De Anda: Rund 500 Kinder waren im vergangenen Jahr in den Händen der Behörden, während ihre Eltern schon wieder in den Heimatländern saßen. Die US-Regierung beschloss, die Kinder zu repatriieren. In 51 Fällen fanden die Eltern das aber zu gefährlich und wollten lieber in den USA mit ihren Kinder wiedervereinigt werden. Doch die Regierung verweigerte dann tatsächlich jedem Einzelnen die Einreise. Ein Großteil dieser 50 Eltern machte sich also persönlich noch einmal in die USA auf, stellte sich den Behörden mit dem Wunsch, das eigene Kind abzuholen. Bis heute sind nicht alle wiedervereinigt.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.