Fake-Uni in den USA Eingeschrieben, dann abgeschoben

Donald Trump verehrt sie, viele seiner Gegner verteufeln sie: Die Rolle der Einwanderungspolizei ICE polarisiert die USA. Der Fall einer von Ermittlern gegründeten Undercover-Universität befeuert die Debatte neu.

Das Gebäude der angeblichen University of Farmington: Fake-Uni des US-Heimatschutzministeriums
Google Street View

Das Gebäude der angeblichen University of Farmington: Fake-Uni des US-Heimatschutzministeriums

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Eine seriöse, ja ehrwürdige Bildungsstätte. Diesen Eindruck sollte der Internetauftritt der "Universität von Farmington" vermitteln. Strebsam in ihre Bücher blickende Studenten, dazu ein Wappen und ein lateinisches Hochschulmotto: "Scientia et Labor" - Wissen und Arbeit.

Wer die Website heute besucht, findet zwischen den Insignien der vermeintlichen Universität ein Siegel des US-Heimatschutzministeriums. Die Homepage wurde vom Ministerium entfernt, genauer: von dessen Einwanderungs- und Zollbehörde ICE.

Die Website der "Universität von Farmington" ist von der Grenzschutzbehörde ICE stillgelegt worden
universityoffarmington.edu

Die Website der "Universität von Farmington" ist von der Grenzschutzbehörde ICE stillgelegt worden

Die Grenzschützer hatten die Einrichtung im Bundesstaat Michigan Anfang 2016 selbst ins Leben gerufen, nicht zu Bildungszwecken, sondern als Teil einer ausgeklügelten Polizeioperation. Deren Ergebnis: 250 ausländische Studenten, größtenteils Inder, wurden inzwischen festgenommen. Das berichten mehrere US-Medien unter Berufung auf die Behörde.

Die Festnahmen fanden demnach in der Zeit zwischen Januar und Juli statt, die meisten von ihnen im Februar. Die ICE-Operation war Ende Januar im Zuge einer Entsiegelung von Gerichtsakten bekannt geworden.

Knapp 80 Prozent der 250 Festgenommenen hätten die USA inzwischen verlassen, nachdem ihnen die "freiwillige Ausreise" gewährt worden sei, teilte ICE den Berichten zufolge mit. Von den übrigen Personen erhielt demnach rund die Hälfte eine endgültige Abschiebungsanordnung; die andere Hälfte wehre sich rechtlich gegen die Abschiebung.

Die festgenommenen Personen waren legal in die USA eingereist: mit einem sogenannten F1-Visum für Studenten. Dieses hatten sie erhalten, nachdem sie zu echten Studiengängen an echten Hochschulen zugelassen worden waren.

Täuschung der Behörden oder Täuschung durch die Behörden?

Ihre spätere Einschreibung an der Farmington-Universität, so der Vorwurf der Ermittler und Staatsanwälte, hätte nur einem Zweck gedient: eine Immatrikulationsbescheinigung zu bekommen, um mit einem Studentenvisum weiter in den USA leben und arbeiten zu können. Es sei ihnen nie darum gegangen, tatsächlich zu studieren.

Die hohen Beträge, die die ausländischen Studenten zahlten - 8.500 Dollar pro Jahr beziehungsweise 11.000 Dollar für Graduierte - waren demnach keine Studiengebühren, sondern der Kaufpreis für das Bleiberecht. Ihnen sei von vornherein klar gewesen, dass es sich bei dem Ganzen um eine Masche gehandelt habe. Zur Begründung verweist die Staatsanwaltschaft darauf, dass es an der vermeintlichen Hochschule weder Unterrichtsveranstaltungen noch Lehrpersonal gab.

ICE-Beamte in Los Angeles (Anfang 2018): Trump schwärmt von den Grenzschützern, viele Linke wollen die Behörde abschaffen
Chris Carlson/AP

ICE-Beamte in Los Angeles (Anfang 2018): Trump schwärmt von den Grenzschützern, viele Linke wollen die Behörde abschaffen

Neben den Studenten hatten die Behörden im Januar acht Mittelsmänner festgenommen. Der Vorwurf: Sie hätten Erstere angeworben, ihnen Unterschlupf gewährt und Dokumente gefälscht, um sich selbst zu bereichern. Sieben von ihnen haben sich inzwischen schuldig bekannt und sind verurteilt worden. Laut Staatsanwaltschaft kassierten die Anwerber für ihre Tätigkeit insgesamt mehr als 250.000 Dollar - freilich ohne zu wissen, dass das Geld von verdeckten Ermittlern der Einwanderungsbehörde stammte.

ICE-Beamte preisen die eigentümliche Taktik an: "Undercover-Hochschulen" offenbarten auf einzigartige Weise, wie "Studenten und Anwerber" das Visa-System missbrauchten, zitiert die "Washington Post" aus einer Stellungnahme der Behörde.

Anwalt Rahul Reddy, der einige der festgenommenen Studenten vertrat, spricht hingegen von einer Falle, in die man seine Mandanten gelockt habe. Die Studenten seien Opfer von Beamten, die "Jagd auf sie gemacht" hätten, sagte er der "Detroit Free Press". Laut Reddy wurden einige der Studenten festgenommen, obwohl sie die Farmington-Universität verlassen hatten, nachdem ihnen klar geworden war, dass dort keine Lehrveranstaltungen stattfanden.

ICE und die Trump-Präsidentschaft

So streitbar die Methode auch ist - sie ist weder neu noch Ausdruck einer verschärften Einwanderungspolitik unter Donald Trump. Im Bundesstaat New Jersey hatten verdeckte Ermittler schon einmal eine Fake-Uni gegründet und in der Folge mehr als 20 Personen verhaftet. Das war 2016, vor Trumps Amtsantritt. Auch die Undercover-Aktion in Michigan wurde während der Obama-Präsidentschaft eingeleitet.

Die Nachricht von den Verhaftungen jedoch fällt in eine Zeit, in der heftig über die Rolle von ICE gestritten wird.

Demonstranten in New York (September 2019): "Schafft ICE ab"
Erik McGregor/ LightRocket/ Getty Images

Demonstranten in New York (September 2019): "Schafft ICE ab"

Auf der einen Seite stehen Trump und seine Unterstützer: Der Präsident hatte den Schutz der Grenzen und die Bekämpfung der irregulären Einwanderung 2015/16 zu seinem zentralen Wahlversprechen gemacht. Bis heute greift er auf kaum ein Thema lieber zurück, um seine Basis einzupeitschen. Wenn Trump über ICE-Beamte spricht, dann meist in einem Ton der Verehrung: Sie seien "stark" und "großartig", "Helden" und "Patrioten".

Im Lager der Trump-Gegner ist die Einwanderungspolizei hingegen nicht wenigen verhasst. Diese Abneigung zeigt sich auch im Fall der Undercover-Universität. ICE rufe Fake-Universitäten ins Leben, um Studenten in eine Falle zu locken, twitterte Alexandria Ocasio-Cortez. Die demokratische Kongressabgeordnete, ein Liebling der Parteilinken, hatte die ICE-Haftzentren an der US-Grenze in Mexiko im Sommer mit Konzentrationslagern verglichen. Die Operation in Michigan nahm sie zum Anlass, erneut die Abschaffung der Behörde zu fordern.

Auch im Präsidentschaftswahlkampf 2020 ist der Fall angekommen: Elizabeth Warren, die zu den aussichtsreichen Bewerbern der Demokraten zählt, kritisierte die Aktion der Einwanderungspolizei. Diese sei "grausam und entsetzlich", schrieb Warren auf Facebook.



insgesamt 8 Beiträge
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Skeptiker99 01.12.2019
1. Der Präsident hat ja Erfahrungen
mit einer Fake Universität. Hätten die Studenten bleiben können wenn sie sich an der Trump Universität eingeschriebenen hatten?
stelzerdd 01.12.2019
2. Streitbar?
Der Autor schreibt: "So streitbar die Methode auch ist ...." Das ist einfach falsch. Er meint sicher, daß die Methode umstritten ist.
meister_proper 01.12.2019
3. Wenn Behörden ein Eigenleben jenseites des gesetzlichen Rahmens
und des eigentlichen Auftrags entwickeln, dann kann man sie eigentlich nur noch schließen und die Aufgaben an eine neue Behörde delegieren, die kein Personal von der alten Behörde übernimmt. Insbesondere ICE wird für die Abwicklung der Immigration nicht benötigt. Gegründet 2002 im Umfeld der Umstrukturierung der Geheimdienste nach 9/11, könnte man die Aufgaben wieder an die Behörden zurück delegieren, welche vorher zuständig waren. Der Mangel an parlamentarischer Kontrolle über diesen Moloch ist damals von Dick Cheney und seinem Klüngel mit Absicht durchgedrückt worden, damit die Regierung freie Hand bei der Verschärfung der Einreisebedingungen hatte.
scoopx 01.12.2019
4. Wie bitte?
Zitat aus dem Artikel: "Die festgenommenen Personen waren legal in die USA eingereist: mit einem sogenannten F1-Visum für Studenten. Dieses hatten sie erhalten, nachdem sie zu echten Studiengängen an echten Hochschulen zugelassen worden waren. Ihre spätere Einschreibung an der Farmington-Universität, so der Vorwurf der Ermittler und Staatsanwälte, hätte nur einem Zweck gedient: eine Immatrikulationsbescheinigung zu bekommen, um mit einem Studentenvisum weiter in den USA leben und arbeiten zu können. Es sei ihnen nie darum gegangen, tatsächlich zu studieren. " Da erhalten also "Personen" zuerst ein Visum und werden "zu echten Studiengängen an echten Hochschulen zugelassen". Dann schreiben sie sich an einer anderen Uni ein, nämlich der "Farmington-Universität" - warum nicht an der echten Uni, zu der sie ursprünglich zugelassen worden waren? Was war da los? Haben sie die Uni gewechselt ("spätere Einschreibung")? Oder hatten sie es nötig, nach ihrem Abschluß ein weiteres Studium anzufangen "um mit einem Studentenvisum weiter in den USA leben und arbeiten zu können"? Warum aber dann der Aufwand mit der Fake-Uni? Die ICE hätte die Personen doch nach dem Uni-Wechsel bzw. Abgang problemlos abfangen können. Irgendwas stimmt da nicht.
rotella 01.12.2019
5. Was mir nicht klar ist...
...gibt es nun echte Fake-Unis in den USA, also solche, die tatsächlich nur Studiengebühren gegen I-Bescheinigungen tauschen? Und wenn es diese gibt, wieso gehen die Behörden nicht gegen diese vor und nehmen sie hoch?
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