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21. Juli 2016, 20:41 Uhr

Strategie gegen den Terror

USA fordern weltweiten Krieg gegen den IS

Aus Washington berichtet

Aufgeschreckt von Attacken in den USA und Europa peilt die Anti-IS-Koalition eine Ausweitung der Militärkampagne an. Den IS nur in Syrien und dem Irak zu bekämpfen, reiche nicht mehr aus.

Die USA wollen den Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) in den kommenden Monaten erheblich ausweiten. Auf einer internationalen Konferenz der sogenannten Anti-IS-Koalition von 66 Ländern in Washington forderte die US-Regierung dafür mehr Unterstützung der Partner ein.

"Die Islamisten nur in Syrien und dem Irak zu schlagen, ist nicht effizient", sagte US-Verteidigungsminister Ashton Carter, "denn die Bewegung hat sich bereits wie Krebs-Metastasen weltweit verbreitet". Die Partner stimmte er auf einen langen Kampf ein. "Selbst wenn wir im Irak gewinnen, ist noch sehr viel zu tun", sagte Carter.

Auch Außenminister John Kerry forderte einen Strategiewechsel. Zwar mache die Koalition, die lokale Kräfte wie die Kurden im Irak mit Luftschlägen unterstützt, im Irak gute Fortschritte. Selbst bei neuen Erfolgen wie der Einnahme der Islamisten-Hochburg Mossul bleibe die Organisation IS aber brandgefährlich, warnte Kerry.

Kurswechsel als Reaktion auf aktuelle Attacken

Mit dem Kurswechsel reagieren die USA auf die aktuellen Attacken in den USA und Europa, die zwar nicht aus Syrien oder dem Irak gesteuert, wohl aber durch die IS-Propaganda inspiriert wurden. Kerry nannte als Beispiel auch die Axt-Attacke eines jungen Flüchtlings in einem Regionalzug bei Würzburg vor einigen Tagen.

Auch den Anschlag in Nizza sieht Kerry als eine solche IS-Attacke. "Niemand sollte so tun, als ob diese schrecklichen Ereignisse - dass sich einer in den Lastwagen setzt und in eine Menschenmenge rast oder rausgeht und um sich schießt - vorbei sein werden, wenn der IS aus Mossul vertrieben ist", mahnte er die Partner der Koalition.

Die Konferenz zeigte, wie sehr die Attacken fernab von Syrien und dem Irak die Koalition aufgeschreckt haben. "Der IS ist klug genug um sich zu ändern", warnte Kerry. Vom Pseudo-Staat im Nahen Osten wandele sich die Organisation zu zu einem globalen Netzwerk, dessen einziges Ziel es ist, möglichst viele Leute umzubringen".

Geheimdienste warnen seit Monaten vor diesem Phänomen. Demnach sucht der IS wie ein Franchise-Unternehmen mit seiner professionellen Propaganda über das Internet weltweit nach Einzeltätern, die dann in den USA oder Europa mit einfachen Mitteln Anschläge begehen.

Verdächtige selbst mit modernsten Methoden kaum zu entdecken

Für die Sicherheitsbehörden sind die Turbo-Radikalisierungen ein Problem: Anders als die Dschihad-Touristen des IS, die teilweise in Syrien und dem Irak ausgebildet worden waren, sind solche Verdächtige selbst mit modernsten Überwachungs-Methoden kaum vor den Taten zu entdecken, warnen die Analysten.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier schloss sich der Warnung der USA an. "Seit der IS militärisch unter Druck geraten ist, haben terroristische Anschläge offenbar stärkeres Gewicht in der Strategie", sagte der SPD-Politiker in Washington. Deshalb müsse man sich sowohl auf den militärischen Kampf gegen den IS als auch auf den Schutz der eigenen Bevölkerung konzentrieren.

In Washington präsentierten die USA konkrete Vorschläge für die neue Kriegs-Phase. Zum einen müsse die Koalition auch andere Stützpunkte des IS wie in Libyen oder im Osten Afghanistans ins Visier nehmen. Bereits jetzt attackieren die USA dort IS-Lager.

Eine Militär-Kampagne wie im Nahen Osten aber würde Zusagen der Koalition nötig machen. "Wir müssen alle mehr tun", mahnte Verteidigungsminister Carter.

Zudem forderten Kerry und Carter, die Partner müssten beim Informationsaustausch der Geheimdienste besser werden. "Wir müssen intervenieren bevor sie zuschlagen können", so Kerry, "dazu müssen wir endlich die strukturellen und bürokratischen Sperren durchbrechen".

Das Treffen der Koalition könnte einen Wendepunkt beim Kampf gegen den IS darstellen. Verteidigungsminister Carter sagte, er und seine Kollegen hätten auf ihrem separaten Treffen bereits erste Entscheidungen gefällt. Details aber könne er nicht öffentlich diskutieren.

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