Frauenknast in den USA Gefangen in Oklahoma

Nirgendwo auf der Welt sind so viele Frauen inhaftiert wie in den USA - der größte Teil von ihnen in Oklahoma. Viele Familien reißt das auseinander.

Eine Gefangene im Frauengefängnis Mable Bassett in Oklahoma
Sue Ogrocki/AP

Eine Gefangene im Frauengefängnis Mable Bassett in Oklahoma

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Als April nur zwei Rucksäcke im Flur ihrer Tante sieht, weiß sie, dass Bella weg ist. Die Großeltern haben sie geholt. Sie haben das Sorgerecht erstritten, Bella ins Auto gesetzt, die Zwillinge haben sie dagelassen. Die haben ja einen anderen Vater. Die können bei der kranken Tante bleiben, während ihre Mutter im Gefängnis sitzt. Ohne Briefe. Ohne Anrufe. Ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. April erfährt es erst, als sie draußen ist.

Anfangs denkt April, wenn sie erst clean wird, wenn sie erst die Elternkurse gemacht hat, die Termine beim Sozialarbeiter, die Treffen bei den anonymen Drogensüchtigen, dann werden sie ihr Bella zurückgeben. Sie werden ihr erlauben, ihre Tochter zu sehen. Dann vergehen Stunden in Anhörungszimmern, streiten sich Anwälte. Die Eltern von Aprils Ex-Partner geben Bella nicht her. Sie hat das Sorgerecht durch ihren Aufenthalt in Oklahomas Hochsicherheitsgefängnis verloren. Die Anhörung dazu fand schlicht ohne sie statt.

Sechs Jahre ist es her, dass April ihre Tochter zum letzten Mal gesehen hat. Sechs Jahre, in denen April aus dem Gefängnis gekommen ist, mit den Drogen aufgehört und einen Job gefunden hat, eine Wohnung. Dort sitzt sie an diesem Nachmittag an ihrem neuen Esstisch.

April Weiss in ihrer Wohnung in Oklahoma City.
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April Weiss in ihrer Wohnung in Oklahoma City.

Aprils zwei Zimmer liegen in einem Wohnkomplex im Westen Oklahoma Citys mit dem Namen Verde Vista. Viel Grünes gibt es an der vierspurigen Straße nicht zu sehen. Dafür liegt ein Pool zwischen den Apartments, die einander in Größe und Ausstattung fast exakt gleichen. Auf dem Esstisch steht ein kleiner Tannenbaum. Zwischen den Überresten eines Fast-Food-Menüs hat April ihre Hände auf den Tisch gelegt. Drei Herzen hat sie sich neben das rechte Auge tätowieren lassen. Eines für jede ihrer Töchter. Bellas Name steht auf ihrem rechten Unterarm.

2,1 Millionen Menschen inhaftiert

Dass April ihre Tochter seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hat, ist ein Fehler eines Systems, das Mütter von ihren Kindern trennt. Ein System, das insgesamt 2,1 Millionen Menschen inhaftiert. Gemessen an der Bevölkerungszahl liegen die USA damit weltweit auf Platz eins. In Oklahoma waren zuletzt rund 43.000 Männer und Frauen im Gefängnis. Etwa 3000 von ihnen sind Frauen - bezogen auf die Bevölkerungszahl sitzen nirgends sonst so viele Frauen in Haft. Das heißt: Von 100.000 Frauen sind es 152.

Dieses System hat nicht einkalkuliert, dass viele von ihnen Mütter sind. Dass die meisten Mütter, die ins Gefängnis gehen, Single sind. Dass die Kinder oft niemanden haben, der sich um sie kümmert. Regelmäßig werden auf diese Weise Mütter dauerhaft von ihren Kindern getrennt. Die Väter spielen in den Geschichten fast nie eine Rolle.

Das Justizsystem der USA wird immer wieder heftig kritisiert: Während die Kriminalitätsraten in den USA so niedrig sind wie nie, sind die Gefängnisse überfüllt - vor allem mit Menschen, die wegen geringer Vergehen und Drogendelikten inhaftiert wurden. Ein weiterer Grund ist die Inhaftierung vor einer Verurteilung, die eigentlich nur in Ausnahmefällen erfolgen sollte. Denn die Schuldfrage ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht geklärt. Doch inzwischen werden so viele Menschen "vorsichtshalber" weggesperrt, dass einige von ihnen nach ihrer Verhandlung direkt entlassen werden.

Ein Aufenthalt im Gefängnis ist nicht nur teuer - die Anstalten waren nie auf die große Anzahl an Häftlingen vorbereitet. Einige Bundesstaaten haben deshalb in den vergangenen Jahren Reformen verabschiedet. Die Bürger Oklahomas etwa stimmten 2016 dafür, dass bestimmte Drogendelikte wie der einfache Besitz als leichtere Vergehen eingestuft werden und nicht als Verbrechen. Bislang haben aber auch diese Reformen kaum zu einer Veränderung geführt.

In Aprils Wohnung dröhnen Popsongs aus dem Schlafzimmer. Die neunjährigen Zwillinge singen Karaoke. Immer wieder ruft April den beiden Mädchen zu, dass sie leiser sein sollen. April ist müde. Den ganzen Tag hat sie auf dem Gabelstapler gesessen. Sie mag ihre Arbeit, weil sie ihr eine Struktur gibt. Sie mag die künstliche Ordnung ihres Apartments, sagt sie. Die Essecke in der Nische, in der auch ihre Nachbarin ihre Essecke hat. Den kleinen Weihnachtsbaum. Die neuen Möbel. Den großen Fernseher.

Weihnachtsbaum auf Aprils Esstisch am 21.11.2018
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Weihnachtsbaum auf Aprils Esstisch am 21.11.2018

Aprils Geschichte, die sie hier erzählt, hört sich auf tragische Weise so an wie viele amerikanische Geschichten. Ihr Vater stirbt an einer Überdosis. Mit 19 geht sie zum Militär. Nach einer Kampfverletzung bekommt sie verschreibungspflichtige Schmerzmittel - und wird abhängig. Irgendwann steigt sie auf Heroin um, auf Chrystal Meth - dann entgleitet ihr alles. Sie beginnt, Drogen zu verkaufen, an ihrem 28. Geburtstag wird sie deswegen festgenommen. Sie hat einem Käufer beim Dealen nach der Geldübergabe nicht den Stoff ausgehändigt, er zeigt sie wegen Raubs an. Vor Gericht nimmt April einen Deal an: Sie bekennt sich schuldig und bekommt dafür eine zehnjährige Bewährungsstrafe.

Die meisten Mütter im Gefängnis sind alleinerziehend

Absprachen wie diese sind einer der Gründe dafür, dass Oklahoma die größte weibliche Gefängnispopulation der USA hat, sagt Jasmine Sankofa. Die Forscherin hat 160 Frauen in Oklahoma interviewt und herausgefunden, dass besonders viele von ihnen sich schuldig bekennen und eine hohe Bewährungsstrafe annehmen, obwohl sie gar nicht schuldig sind oder zumindest eine geringere Strafe hätten aushandeln können.

Vor allem Mütter treffen diese Entscheidung, damit sie schneller zurück zu ihren Kindern können. Mütter machen den größten Teil inhaftierter Frauen aus: Mehr als 60 Prozent in staatlichen Haftanstalten (prison) und 80 Prozent in den lokalen Gefängnissen (jail). Lassen sie sich nämlich während ihrer Bewährungszeit etwas zuschulden kommen, sind sie schnell wieder hinter Gittern. Nicht selten bedeutet es für sie, dass sie das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren, wie bei April.

Experten fordern deshalb immer wieder, dass sich das gesamte System verändern muss. Dass die Kaution der finanziellen Situation der Häftlinge angepasst werden soll. Dass Strafen verkürzt werden. Dass Therapien und Integrationsprogramme gefördert werden müssen.

In ihrem Bericht für Human Rights Watch beschreibt Forscherin Sankofa, was in Oklahomas Gefängnissystem falsch läuft: Frauen werden zu häufig - und nicht wie eigentlich vorgesehen in Ausnahmefällen - noch vor ihrer Gerichtsverhandlung inhaftiert. Sie können ihre Kaution nicht bezahlen. Am schlimmsten seien die Gefängnisse, die Kinder nicht als Besucher zuließen, in denen physischer Kontakt nicht erlaubt sei, in denen keine Briefe oder Anrufe zugelassen seien. Häufig können die Frauen nicht einmal das Geld für ein Telefongespräch mit ihren Kindern aufbringen.

Nach der Entlassung hört diese Belastung nicht auf. Wenn die Frauen versuchen, bessere Mütter zu werden, werden sie vom Staat im Stich gelassen, sagt Sankofa. Sie sind häufig verschuldet. Ihnen werden Gefängniskosten und Kaution in Rechnung gestellt. Sie müssen hart dafür kämpfen, ihre Kinder zurückzubekommen. Es ist schwierig, nach einer Verurteilung Arbeit und eine Wohnung zu finden. Und: Kinder von Eltern, die im Gefängnis waren, sitzen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit selbst einmal ein, zeigen Studien.

April darf ihre Tochter auch nach der Entlassung nicht sehen. Sie absolviert die Kurse, in denen Eltern wieder lernen sollen, Eltern zu sein. Sie macht einen Entzug. Sie wird clean. Immer wieder spricht sie mit einem Anwalt vor Gericht vor. Der Richter fordert eine Familientherapie. Aber Aprils Versicherung bezahlt das nicht. Allein kann sie sich keine leisten.

Um Frauen wie April zu unterstützen, hat sich in Oklahoma ein breites Netz aus ehrenamtlichen Organisationen und Kirchen gebildet. In Tulsa kämpfen die Anwälte von Still She rises für fairere Urteile. In Oklahoma City versucht die Organisation ReMerge Untersuchungshaft durch ein Resozialisierungsprogramm vor der Verhandlung zu ersetzen, das die Frauen in die Gesellschaft eingliedern soll. "Wir haben dem Staat bislang 14,5 Millionen Dollar gespart", steht auf der Seite der Organisation - indem sie 122 Frauen vor dem Gefängnis bewahrt habe. Das Gefängnisproblem in Oklahoma, wollen sie damit sagen, kann man auch pragmatisch sehen - und lösen.

In einem kleinen Konferenzraum eines Backsteingebäudes in Midtown Oklahoma City sitzt die Chefin der Organisation, Terry Woodland. Sie erklärt, dass ihrer Meinung nach zu viel Geld in Oklahoma in die Finanzierung von Gefängnissen fließt. Geld, das für Bildung oder Krankenversicherungen fehle. Dinge, die das Leben in Oklahoma wirklich verbessern würden.

Weggesperrt für kleine Delikte

Woodland beschreibt es so: "Vor etwa 30 Jahren haben wir entschieden, lieber 'tough on crime' als 'smart on crime' zu sein." Sie meint damit die Politik unter Präsident Ronald Reagan, der die Mindeststrafe für Drogendelikte anhob und viel Geld in ihre Verfolgung steckte. Noch heute ist seine Politik für einen Großteil der Gefängnisinsassen verantwortlich.

"Wir haben damals angefangen, Männer und Frauen ins Gefängnis zu stecken wegen kleiner Delikte. Das ist der Teil der Inhaftierten, die wir anders behandeln müssen", sagt Woodland. Es ist auch der größte Teil der Inhaftierten in Oklahoma: 80 Prozent der Frauen im Gefängnis sitzen dort nicht für Gewaltverbrechen.

"Sie stellen keine Gefahr für die Gesellschaft dar, sie brauchen Entzug, Behandlungen, Unterstützung. Gerade in ländlichen Gebieten gibt es dann oft kein Resozialisierungsprogram. Dort ist es auch schwierig, einen guten Anwalt zu finden." Bei ReMerge holen die Frauen ihren Schulabschluss nach, sie lernen, was es heißt, Mutter zu sein, ihr Leben zu organisieren. 122 Frauen haben das Programm bereits beendet. Einige haben sogar ein Studium angefangen.

Stormy bei der NGO ReMerge in Oklahoma City.
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Stormy bei der NGO ReMerge in Oklahoma City.

An einem Mittwochmorgen im November sitzen die Frauen in einem der Unterrichtsräume im Keller des Gebäudes. Es ist die Woche vor Thanksgiving, aber viele werden ihre Kinder an dem Familienfeiertag nicht sehen. Sie müssen noch lernen, was es heißt, Verantwortung für eine Familie zu tragen und für sich selbst. Sie tauschen sich darüber aus, wie die vergangenen Wochen waren, sie geben einander Ratschläge.

Eine der Frauen ist die 21-jährige Stormy, die auf ihrem Handy ein Gefängnisfoto von sich zeigt. "Mein Meth-Gesicht", sagt sie und erzählt ihre Geschichte, die damit endet, dass Stormy clean ist und ihre Tochter wieder bei ihr lebt, dass sie einen Job als Kellnerin hat und nicht mehr strippen muss. Es ist eine gute Geschichte. Stormy erzählt sie gern.

Im Video: Alltag im Frauenknast

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