USA im Dilemma Ärger mit Pakistan gefährdet Anti-Terror-Kampf

Ein Streit zwischen den USA und Pakistan droht die Anti-Terror-Bemühungen eines ganzen Jahrzehnts zunichtezumachen: Die Amerikaner wollen ihre Militärhilfe für Pakistan kürzen - Islamabad will im Gegenzug seine Truppen von der afghanischen Grenze abziehen. Die Situation könnte eskalieren.

Pakistanisches Militär (im Grenzgebiet zu Afghanistan): Kühle Beziehungen zu den USA
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Pakistanisches Militär (im Grenzgebiet zu Afghanistan): Kühle Beziehungen zu den USA

Von , Islamabad


Die Generäle im Armeehauptquartier im pakistanischen Rawalpindi haben schlechte Laune. "So kann man jede Bemühung um Verständigung kaputtmachen", schimpft einer. "Die sollen nicht glauben, dass wir auf sie angewiesen sind."

Gerichtet sind die Schimpftiraden gegen die USA: Washington hat angekündigt, rund 800 Millionen Dollar an Militärhilfe für Pakistan - etwa ein Drittel der jährlichen Leistungen - zurückzuhalten und das Land auf diese Weise zu mehr Kooperation bei der Bekämpfung von Extremismus zu bewegen. Seit dem Tod von Osama Bin Laden ist das Misstrauen der Amerikaner gegenüber Pakistan groß. Ein Angriff auf einen pakistanischen Marinestützpunkt, der nur mit Hilfe von Insiderwissen erfolgen konnte, sowie die Ermordung eines Journalisten, der die Verbindungen zwischen pakistanischer Marine und al-Qaida aufzeigte, haben die Beziehungen in den vergangenen Wochen weiter abkühlen lassen.

Mehrere führende US-Politiker fordern deshalb, die Finanzhilfen für den bisherigen Anti-Terror-Partner Pakistan zu stoppen, zumal die USA derzeit mit einer gigantischen Staatsverschuldung fertigwerden müssen. Noch immer sind viele entsetzt, dass Bin Laden, meistgesuchter Terrorist der Welt, jahrelang in der hochgesicherten Garnisonsstadt Abbottabad leben konnte. Außenministerin Hillary Clinton erklärte kürzlich: "Wenn es um Militärhilfe geht, sind wir nicht bereit, sie weiterhin im gewohnten Umfang zu leisten, solange nicht bestimmte Schritte erfolgen."

Jetzt kündigt Pakistan Schritte an, die den USA am Ende mehr schaden denn nützen könnten: Verteidigungsminister Chaudhry Ahmad Mukhtar erklärte, man werde als Reaktion auf das Zurückhalten der Finanzhilfe die Soldaten von der afghanisch-pakistanischen Grenze abziehen. Betroffen seien rund 1100 Kontrollposten entlang der Grenze, sagte er dem Fernsehsender "Express 24/7". Damit trifft er die Amerikaner an empfindlicher Stelle: Die Angriffe auf US-Soldaten im Osten Afghanistans könnten durch einen Abzug der Pakistaner spürbar zunehmen.

Beinahe unbemerkt ist eine neue Front entstanden

Ziehen die Amerikaner auch noch ab, bliebe eine Region im Chaos zurück. Das Grenzgebiet zwischen beiden Ländern wäre mehr denn je Rückzugsgebiet für Terroristen, die Bemühungen der vergangenen zehn Jahre, den Terrorismus einzudämmen, wären vergebens. Es wäre ein herber Rückschlag im Kampf gegen die Taliban und das Terrornetzwerk al-Qaida, das in dieser Region dann stärker als bisher operieren könnte.

Washington wirft Pakistan regelmäßig vor, nicht genügend gegen Extremisten zu tun, die in den Bergen Westpakistans ihre Verstecke haben und nahezu unkontrolliert passieren können. Im Osten Afghanistans operiert auch das berüchtigte Haqqani-Netzwerk, dessen Führung in Pakistan vermutet wird.

Auch der Armeechef, in Pakistan mächtiger als der Verteidigungsminister, ließ die Amerikaner über seinen Sprecher abblitzen. "Die Armee hat in der Vergangenheit erfolgreich Operationen durchgeführt und tut es auch in der Gegenwart, und zwar ohne irgendeine Hilfe von außen", sagte Sprecher Athar Abbas. Er erinnerte daran, dass Armeechef Ashfaq Parvez Kayani im vergangenen Monat selbst gesagt hatte, die US-Militärhilfe solle doch lieber zivilen Projekten zugute kommen. Kayani hatte damit auf massive Kritik aus der pakistanischen Bevölkerung reagiert. Das Militär hat seit dem Bekanntwerden von Bin Ladens jahrelangem Aufenthalt und durch Berichte über Verbindungen zwischen Militanten und Militärs enorm an Beliebtheit eingebüßt.

Nach Angaben der pakistanischen Streitkräfte sind derzeit rund 100.000 Soldaten im Grenzgebiet zu Afghanistan stationiert. Nahezu unbemerkt von der Weltöffentlichkeit ist hier eine neue Front entstanden: Nach Angaben der Regierung in Kabul haben pakistanische Militärs seit Anfang Juni mehr als 800 Raketen auf afghanisches Gebiet geschossen. Dabei seien mindestens 42 Zivilisten getötet und mehrere hundert verletzt worden. Afghanistans Innen- und Verteidigungsminister forderten, die afghanische Armee solle zurückschießen, doch Präsident Hamid Karzai lehnte das ausdrücklich ab.

Islamabad erwägt den Bau eines Grenzzauns

Pakistanische Militärs waren in den vergangenen Wochen mehrfach von aus Afghanistan kommenden Militanten angegriffen worden. Es wäre also durchaus im pakistanischen Interesse, die Soldaten aus dem Westen abzuziehen und damit Gefechten mit Extremisten aus dem Weg zu gehen. Derzeit kursieren Pläne in Islamabad, entlang der Grenze einen Zaun hochzuziehen und das Gebiet dort zu verminen, wo verstärkt Bewegungen von Aufständischen registriert werden.

Experten verlangen nun ein Ende des Streits, die beiden Partner sollen sich zusammenraufen. "Die USA sind auf Pakistan bei der Terrorbekämpfung angewiesen", sagt Maleeha Lodhi, frühere pakistanische Botschafterin in Washington. Die Androhung der USA, die Zahlungen zu stoppen, mache "keinen Sinn", da dieser Schritt Washington "weniger, nicht mit mehr Einfluss auf das pakistanische Militär" bringe. "Kooperation kann man nicht mit Strafaktionen erzwingen."

Beobachter sehen in der Ankündigung Washingtons auch eine Reaktion auf die Drohung Pakistans, die USA dürften künftig nicht mehr die pakistanische Luftwaffenbasis Shamsi für ihre Drohnenflüge in Westpakistan nutzen. Pakistan sei davon ausgegangen, dass die USA den Flughafen lediglich zur logistischen Unterstützung der Truppen in Afghanistan sowie für Drohnenflüge zur Überwachung nutzen würden, sagte Verteidigungsminister Mukhtar. Tatsächlich nutze Washington den Stützpunkt aber für tödliche Drohnenangriffe.

Am Dienstag starben bei einem solchen Angriff mehr als 30 Menschen. Nach Angaben der Armee feuerte eine US- Drohne vier Raketen auf ein Gehöft in der Krisenregion Süd-Waziristan.

insgesamt 17 Beiträge
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WillausD 12.07.2011
1. tipp
die USA soll die Briten als Vermittler nehmen. Die haben besser verbindungen nach Pakistan und koennen auch schlichten.
Gandhi, 12.07.2011
2. Gut beschrieben, das Dilemma
Zitat von sysopEin Streit zwischen den USA und Pakistan droht die Anti-Terror-Bemühungen eines ganzen Jahrzehnts zunichte zu machen: Die Amerikaner wollen ihre Militärhilfe für Pakistan kürzen - Islamabad*will im Gegenzug seine Truppen von der afghanischen Grenze abziehen. Die Situation könnte eskalieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,773881,00.html
Darauf habe ich ja auch schon in anderen Foren hingewiesen. Eigentlich haette man sich nie mit den Pakistanern einlassen duerfen. Aber wenn der Feind meines Feindes mein Freung wird, dann geschehen eben die unmoeglichsten Dinge. Dann muss man sich auch nicht wundern, wenn in einem Land, in dem ein Grossteil der Bevoelkerung dem Westen eben nicht Freund ist, auch in der Administration genuegend Leute vorhanden sind, die die offizielle Politik des Regimes nicht mittragen. Und wenn man dieses Regime nun dafuer auch noch bestrafen will, dass es eine nicht von allen Stellen mitgetragene Politik nicht so umsetzen kann, wie das die Geldgeber sich vorstellen, dann nuetzt das nur denen, die diese Politik nicht gerne sehen. Es zeigt sich halt wieder einmal , wohin es fuehrt, wenn politische entscheide auf fragwuerdigen Prinzipien basieren. Aber Willie wird sicher bald erklaeren, warum das alles in Ordnung ist.
mborevi 12.07.2011
3. Der "Anti-Terror-Kampf" kann, ...
... das lehrt uns die Geschichte, nur durch die Beseitigung seiner Ursachen gewonnen werden, also: Durch eine Änderung der Politik der westlichen Staaten.
MeineMeinungist... 12.07.2011
4. Vielleicht auch der östlichen Staaten?
Zitat von mborevi... das lehrt uns die Geschichte, nur durch die Beseitigung seiner Ursachen gewonnen werden, also: Durch eine Änderung der Politik der westlichen Staaten.
Der Wille zur Veränderung kann nicht nur von einer Seite getragen werden.
ErekoseSK 12.07.2011
5.
Ich finde es gut, dass sie die Zahlungen an das Militär kürzen. So gehen wenigstens keine amerikanischen Gelder an die Taliban.
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