USA In Bushs Amerika grassiert die Armut

Mit nicht nachlassender Wortgewalt ruft US-Präsident George W. Bush zum außenpolitischen Krieg gegen den Terror auf. Zwischen San Francisco und New York müssen aber immer mehr Amerikaner einen anderen Kampf führen - gegen ihre Armut.


Washington: Ein Obdachloser in der U-Bahn-Station am Weißen Haus in Washington
AFP

Washington: Ein Obdachloser in der U-Bahn-Station am Weißen Haus in Washington

New York - Die US-Behörde für Statistik hat alarmierende Daten veröffentlicht: Der Anteil der in Armut lebenden Amerikaner ist im vergangenen Jahr rasant angestiegen - zum ersten Mal seit acht Jahren. Zur selben Zeit sank das Einkommen von Mittelklasse-Haushalten erstmals seit dem Ende der Rezession im Jahre 1991 wieder. Auch die Kluft zwischen Arm und Reich werde in den Vereinigten Staaten immer größer, heißt es weiter in dem Bericht, aus dem die "New York Times" zitiert.

Bush ist seit Januar 2001 im Amt. Im darauffolgenden März begann eine neue Wirtschaftskrise in den USA. Sie habe dazu geführt, dass das Einkommen von Millionen Amerikanern gesunken sei, stellte der Chef der Zensus-Behörde, Daniel H. Weinberg, fest.

In dem Jahresbericht über Einkommen und Armut in den USA kommen die Statistiker zu der Überzeugung, dass bereits große Teile der amerikanischen Bevölkerung die Auswirkungen der neuen Wirtschaftskrise zu spüren bekommen - unabhängig von Rasse, sozialer Schicht oder Lebensraum.

Mit Ausnahme des wirtschaftlich traditionell starken Nordostens müssen demnach die Haushalte in allen amerikanischen Staaten mit einem Rückgang ihrer Einkommen leben. Für die schwarze Bevölkerung sei dies der erste Einkommensrückgang seit zwei Jahrzehnten gewesen. Bei den Weißen waren die Einbußen geringer. Auch die Einkommen der US-Bürger asiatischer oder pazifischer Herkunft seien im vergangenen Jahr drastisch nach unten gegangen, heißt es in dem Bericht. Diese Bevölkerungsgruppe habe sich noch in den neunziger Jahren über einen hohen Wohlstandslevel freuen können.

Im vergangenen Jahr erhöhte sich die Zahl der als arm geltenden US-Bürger auf 32,9 Millionen - das bedeutet einen Anstieg um 1,3 Millionen, ihr Anteil an der amerikanischen Bevölkerung kletterte von 11,3 auf 11,7 Prozent. Das durchschnittliche Einkommen fiel im vergangenen Jahr auf 42.228 Dollar, was eine Abnahme um 934 Dollar (2,2 Prozent) bedeutet.

Armut in den USA: Eine Behausung in Urbandale (Bundesstaat Illinois)
AP

Armut in den USA: Eine Behausung in Urbandale (Bundesstaat Illinois)

Als arm wird zum Beispiel in den USA eine vierköpfige Familie mit einem Einkommen von weniger als 18.104 Dollar eingestuft. Bei einer dreiköpfigen Familie sind es 14.128 Dollar, bei einem kinderlosen Paar 11.569 Dollar. Als arm gilt offiziell auch ein Single mit einem Einkommen von weniger als 9.039 Dollar.

Von den 32,9 Millionen als arm eingestuften Amerikanern waren im vergangenen Jahr 11,7 Millionen unter 18 Jahre alt. 3,4 Millionen war 65 Jahre oder älter. Der Anteil bei den Kindern (16,3 Prozent) und Senioren (10,1 Prozent) war zwar gegenüber dem Vorjahr unverändert. Die Quote bei den Männern und Frauen zwischen 18 und 64 Jahren stieg jedoch um einen halben Prozentpunkt auf 10,1 Prozent.

Die Demokraten werteten den Anstieg der Armut als Bestätigung für ihre Kritik an Bush. Die Wirtschaftspolitik des US-Präsidenten sei ein Misserfolg. Der demokratische Senator von Maryland, Paul S. Sarbanes, forderte die republikanische Regierung auf, diese nicht weiter zu vernachlässigen. Richard A. Gephardt, Sprecher der Demokraten im Kongress, sagte, er sei enttäuscht darüber, dass Bush zwanzig Monate nach seiner Amtsübernahme seinen Vorgänger Bill Clinton für die Misere verantwortlich mache. Denn das Weiße Haus hatte argumentiert, der jetzt erlebte Anstieg der Armut sei zum Teil auch das Resultat des wirtschaftlichen Abschwunges, der schon unter Clinton begonnen habe. Die Demokraten wollen nun erneut eine Anhebung der Ausgaben für die Wohlfahrt fordern, was viele Republikaner bislang ablehnen.

Alwin Schröder



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