Zweite TV-Debatte der US-Demokraten Alle gegen einen

Im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten liegt Joe Biden weiter vorn. Doch beim zweiten großen TV-Duell muss er sich gegen scharfe Angriffe wehren. Wie stark war sein Auftritt?

Joe Biden muss sich vor allem gegen Attacken von Kamala Harris wehren
Lucas Jackson/ REUTERS

Joe Biden muss sich vor allem gegen Attacken von Kamala Harris wehren

Von und , Washington und Detroit


Joe Biden hat es geahnt. Bei der ersten TV-Debatte der US-Demokraten war er völlig unvorbereitet, als Partei-Rivalin Kamala Harris ihn attackierte. Das sollte ihm nicht wieder passieren: Der Ex-Vizepräsident, so streuen seine Berater hier vor dem zweiten Durchgang in Detroit, habe sich diesmal auf alles vorbereitet.

Forsch betritt Biden, 76, die Bühne des Fox Theatres, tiefgebräunt, sein Haar schlohweiß im Scheinwerferlicht. Von der anderen Seite kommt Harris, die 22 Jahre jüngere, schwarze Senatorin. Sie treffen sich in der Mitte, schütteln sich die Hand.

"Geh' schonend mit mir um, Kleine", murmelt Biden grinsend.

Klassisch Biden: Gut gemeint, doch deplatziert - und in diesem Fall prophetisch. Denn über die nächsten zweieinhalb Stunden wird sich Harris immer wieder an ihm festbeißen. Und nicht nur sie: Alle neun anderen Präsidentschaftsbewerber an diesem zweiten Abend der zweiten Demokraten-Debatte scheinen nur ein Angriffsziel zu haben - den Spitzenreiter in den Umfragen.

Und noch mal zehn: die Streithähne des Abends im Gruppenbild
Paul Sancya/ AP

Und noch mal zehn: die Streithähne des Abends im Gruppenbild

Am Vorabend fanden sich die Linken Elizabeth Warren und Bernie Sanders im Kreuzfeuer, jetzt ist es der moderate Biden. Es ist, als durchlebe die Partei vor der gesamten TV-Nation eine Sinnkrise und zerfleische sich dabei in alle Richtungen. Am Ende lacht sich nur einer ins Fäustchen: US-Präsident Donald Trump.

Wie schlägt sich Biden?

Biden wird in Detroit sofort von allen anderen Kandidaten angegriffen. Oft geht der Blick zurück in seine Vergangenheit: Unter anderem wirft ihm Senator Cory Booker vor, dass er in den Neunzigerjahren eine Justizreform angeschoben habe, die völlig ungerechtfertigt zu Masseninhaftierungen und zu längeren Haftstrafen geführt habe. Das Haftsystem in den USA sei deshalb bis heute kaputt, beklagt Booker: Die Probleme von heute seien von Biden geschaffen worden.

Bill de Blasio, New Yorks linker Bürgermeister, kritisiert, dass unter Präsident Barack Obama und seinem Vize Biden die Zahl der Abschiebungen von Migranten dramatisch zugenommen habe. Er fordert Biden auf, dazu Stellung zu nehmen, doch der weicht aus. Das nutzt de Blasio für einen weiteren Angriff: "Wenn Sie Präsident werden wollen, müssen Sie auch harte Fragen beantworten."

Biden müht sich derweil sichtlich, möglichst souverän zu wirken. Immer wieder weist er auf seine langjährige Erfahrung hin und macht deutlich, dass er für moderate, pragmatische Position stehe, beim Thema Klimaschutz, beim Thema Wirtschaft und in der Außenpolitik.

Zugleich teilt er aber auch gegen seine Rivalen aus. Er hat sich vorbereitet. Insgesamt wirkt Biden diesmal engagierter als bei der ersten Debatte in Miami, aber wirklich stark ist auch dieser Auftritt nicht. Immerhin: Er geht nicht unter.

Wie schlägt sich Harris?

Auch Harris kommt gut gewappnet. Sie hat nicht nur etliche Anschläge auf Biden vorbereitet, sondern auch eine Abwehr auf Angriffe gegen sie selbst - weiß sie doch, dass sie hier ebenfalls im Visier steht, als Überraschungssiegerin der ersten Debatte.

Das geschieht prompt: Mehrere der Rivalen - allen voran Biden - zerpflücken Harris' erst am Montag vorgelegten Plan zur Reform des Gesundheitswesens als unausgegoren. Der Plan sieht keine komplette Verstaatlichung vor, wie es die Progressiven in der Partei wollen, sondern auch eine Option für Privatversicherungen beibehält. Das scheint aus der Ferne ein rudimentäres Detail, doch im eskalierenden Kampf um die Seele der Partei wird diese Frage zum entscheidenden Test.

Danach verschwindet Harris lange im Hintergrund, auch weil die CNN-Moderatoren sie ignorieren. Erst als es noch mal um ihre Biden-Kritik in der ersten Debatte geht, blüht sie wieder auf und verschärft ihren Vorwurf, Biden habe seinerzeit als junger Senator mit erklärten Rassisten gemeinsame Sache gemacht.

Wäre es nach Biden gegangen, bebt Harris, würde weder sie noch Cory Booker, ein Schwarzer, oder Julián Castro, ein Latino, heute im Senat sitzen - ein starker Moment, doch ein seltener.

Wie schlagen sich die anderen?

Auch Booker und Castro machen sich gut. Beide blieben bei der ersten Debatte farblos, lernen diesmal aber aus ihren Fehlern und präsentieren sich als Kämpfer, mit klaren, gut formulierten Programmen. Vor allem Booker, ein flammender Redner, zeigt, dass er ein bisher unterschätzter Konkurrent ist. Auch warnt er die anderen, sich gegenseitig lahmzulegen: "Die Person, die diese Debatte gerade am meisten genießt, ist Donald Trump. "

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Fotostrecke: Kandidaten der US-Demokraten - wer sie sind und was sie wollen

Und der Rest? Kirsten Gillibrand, Bill de Blasio, Tulsi Gabbard, Michael Bennet, Andrew Yang, Jay Inslee: Alle haben ihre starken Momente - doch der wirkliche Durchbruch gelingt ihnen nicht.

Wie geht es nun weiter?

Trump und seine Strategen dürften sich über den Ausgang der bisherigen TV-Debatten der Demokraten freuen. Ein wirklich klarer Favorit oder überzeugender Kandidat, der Trump nächstes Jahr sicher schlagen könnte, ist noch nicht zu erkennen.

Aber bis zur eigentlichen Wahl kann noch viel passieren. Im September startet das nächste TV-Duell der Demokraten. Die Hürden für eine Teilnahme sind dann etwas höher: Die Kandidaten müssen in mehreren Umfragen mehr als zwei Prozent erreichen und mindestens 130.000 Spender vorweisen können. Die großen Namen wie Biden, Harris, Sanders und Warren sind bereits qualifiziert. Doch einige der weniger bekannten Kandidaten könnte man dann nicht mehr sehen. Das dürfte die TV-Duelle aber auch spannender machen.



insgesamt 63 Beiträge
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andiwe 01.08.2019
1. Wer kann Trump schlagen?
Das sollte die wichtigste Frage der Demokraten sein. Und da ist Biden immer noch die beste Chance. Sanders und alle anderen Kandidaten des linken Flügels gewinnen im Rustbelt keinen einzigen Staat - und da entscheidet sich die Wahl. Ohio, Illinois, Michigan, Wisconsin und eventuell noch Florida. Selbstzerfleischung gewinnt keine Wahlen.
Meckerameise 01.08.2019
2. Lerneffekt null - Hauptsache Riesenshow
Ich glaube die da drüben sind chronisch Lernresistent. Diese ganzen Shows erinnern einen an eine aggressive Castingshow. Es fehlen eigentlich nur noch ein paar wattierte Stäbe und man könnte daraus gleich Gladiatorkämpfe veranstalten. Man könnte ja denken, dass die Demokraten sich ein Mal zusammenraufen und einen großen Gegenspieler gegen Trump ins Rennen werfen. Nein, stattdessen zerfleischt man sich vorher gegenseitig und es tritt wieder ein Aussichtsloser gegen den orangenen Hamster an. Darüber hinaus die Bedingung, 130k Spender vorzuweisen. Na bravo. Aber es ist ja sowieso bekannt, dass in den USA Lobbyismus besonders populär ist.
pennjamin 01.08.2019
3. Selbstzerfleischung? Eher bitter notwendige Selbstfindung einer Partei
Ich würde im Zusammenhang mit diesen Debatten überhaupt nicht von Selbstzerfleischung der Demokraten reden, sondern von einer gesunden öffentlichen politischen Debatte. Es ist großartigen, dass in diesem Format krass gegensätzliche Positionen auf großer Bühne debattiert werden! Unkonventionelle Ansätze, wie die von Yang, Sanders und co. bekommen so überhaupt erst Gehör. In der sehr parteienarmen US-amerikanischen Demokratie ist das doch super und absolut notwendig. Und zur Erinnerung... bei den letzten Vorwahlen waren sich auch alle einig, dass sich die Republikaner komplett selbst zerstört haben in ihren Debatten. Am Ende hat das Volk die Partei vorgezogen, die die großen Themen öffentlich diskutiert (wenn auch stellenweise brutal), statt der, die im stillen Kämmerlein alles mit sich und ihren Spendern ausmacht. Gut so, weiter so. (Übrigens: #Warren2020)
Oilitix 01.08.2019
4. Die Demokraten ...
..machen Wahlkampf für D. Trump. So wonderful! Das wird wie vor zwei Jahren. In den Vorausscheidungen werden bei den Dems tiefe Gräben aufgerissen, die so tief sind, dass der eine Flügel den Kandidaten des anderen nicht wählen will: And The winner is: Donald Trump...
RalfHenrichs 01.08.2019
5. Das Gegenteil ist der Fall
Eben weil es keinen klaren Favoriten gibt, läuft es für Trump schlecht. Würde es ihn geben, könnte er in aller Ruhe seine Strategie auf ihn ausrichten. Jetzt weiß er nicht, ob ein linker oder moderater Demokrat, Frau oder Mann, weiß oder schwarz (in den USA ja nicht unwichtig) gegen ihn antreten wird. Irgendwann wird es aber einen Sieger geben und hinter den werden sich dann alle Demokraten stellen. Das ist sicher. Denn egal wer es sein wird - jeder Demokrat wird ihn oder sie lieber im Weißen Haus sehen als noch vier Jahre Trump. Und dann wird es noch ausreichend Zeit diese Person groß aufzubauen. Aber auch wenn die Kandidatenkür aktuell schlecht für Trump läuft, wird er dennoch wieder gewinnen. Das hat dann aber andere Gründe.
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