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11. August 2019, 11:05 Uhr

US-Demokratin Harris auf Wahlkampf in Iowa

Im Maislabyrinth

Von , Des Moines, Iowa

Nur einer oder eine kommt als Sieger heraus: Kein Staat wird von den demokratischen Präsidentschaftsbewerbern so intensiv bearbeitet wie Iowa. Wer hier die Vorwahlen gewinnt, hat den ersten Schritt Richtung Oval Office geschafft.

Wer Präsident der Vereinigten Staaten werden will, muss viele Hindernisse nehmen. An diesem Wochenende steht Kamala Harris in Iowa auf einer Bühne zwischen Softeisständen und Buden, die frittierte Würstchen im Teigmantel anbieten. Die Senatorin aus Kalifornien trägt eine elegante weiße Bluse, und man würde nicht unbedingt auf die Idee kommen, dass sie eine Anhängerin der eher kalorienreichen Küche des Mittleren Westens ist. Aber wer zu Besuch auf die Iowa State Fair kommt, sollte das besser überspielen.

"Die State Fair ist eine großartige amerikanische Tradition", ruft Harris der Menge zu, die sich um die Bühne versammelt hat. Und tatsächlich ist das Volksfest in Iowas Hauptstadt Des Moines ein Pflichttermin für alle, die Ambitionen auf das Weiße Haus hegen. Die State Fair ist so etwas wie eine amerikanische Variante des Oktoberfestes, wenn auch mit verschärftem Fritteuseneinsatz. Alles, was ausgebacken werden kann, findet den Weg ins heiße Fett; den Rest erledigt der Grill am Pork Tent, an dem schon Hillary Clinton stand und wo an diesem Wochenende auch Harris die Koteletts wendet.

Volksnähe ist absolute Pflicht auf der State Fair, die es schon seit über 150 Jahren gibt und zu der inzwischen jedes Jahr eine Million Gäste kommen. Dwight D. Eisenhower war der erste Präsident, der die State Fair besuchte, das war im Jahr 1954. Seither wurde das Volksfest immer mehr zum politischen Event. Heute spricht in Wahljahren fast jeder Kandidat auf der Soapbox, die die örtliche Tageszeitung, der "Des Moines Register" organisiert.

Die State Fair ist aber nur der Ausgangspunkt für die demokratischen Kandidaten. Sie schwärmen von Des Moines aus ins ganze Land. Drei Millionen Einwohner hat Iowa, und wer sich nicht in seinem Keller versteckt, der kommt bis zu den Vorwahlen am 3. Februar kaum darum herum, früher oder später einem der vielen Kandidaten die Hand zu schütteln.

Chicken-Wings-Flatrate soll Wähler überzeugen

Eines der kuriosesten Spektakel auf dem Weg zu den Vorwahlen ist der Wing Ding im Tanzsaal des kleinen Städtchens Clear Lake, das rund 170 Kilometer nördlich der Hauptstadt Des Moines liegt. Schon Stunden vor dem Event schreien sich Anhänger der Kandidaten vor dem Ballroom die Seele aus dem Hals. Das Ganze wirkt wie ein Cheerleader-Wettbewerb, nur dass auch Männer zugelassen sind und statt Pompons Plakate in die Luft gereckt werden, auf denen "Warren" steht oder "Buttigieg".

Der Wing Ding heißt so, weil dort Chicken Wings serviert werden. 35 Dollar kostet der Eintritt, dafür können sich die Besucher so viel frittierte Hühnchenteile auf die Styroporteller häufen, wie sie mögen. Mit fettigen Fingern lauschen sie dann den Bewerbern, die sich exakt fünf Minuten lang vorstellen dürfen. Alle außer dem Texaner Beto O'Rourke sind an diesem Freitagabend auch gekommen. Die Debattenregeln werden gnadenlos exekutiert: Selbst Joe Biden, der derzeit als großer Favorit im Feld der demokratischen Bewerber gilt, musste erleben, dass seine Rede von lauter Musik abgeschnitten wurde, als die fünf Minuten um waren.

Vor allem für Biden sind die Vorwahlen in Iowa eine wichtige, vielleicht sogar die entscheidende Wegmarke. Schon seit Monaten liegen seine Umfragewerte stabil bei 30 Prozent, kein anderer Kandidat kommt an ihn heran. Aber Iowa hat sich schon häufiger als Todesfalle für vermeintliche Favoriten herausgestellt. Im Jahr 2008 gewann in dem Agrarstaat ein Senator namens Barack Obama gegen Hillary Clinton - der Rest der Geschichte ist bekannt.

Ein Stimmungstest für die US-Wahl 2020

Wenn man drei Tage durch Iowa fährt, hat man das Gefühl, das Land ist ein einziges großes Maisfeld - allerdings das wichtigste Maisfeld der Welt. Der sogenannte Iowa Caucus ist der erste große Stimmungstest vor der Präsidentschaftswahl im November 2020. Nach zahllosen Umfragen sprechen hier erstmals die Wähler. Und diese werfen nicht einfach Zettel in die Urne. Sondern sie treffen sich am Abend des 3. Februar in ihren Bezirken und fällen dann - nach abermaliger Diskussion - die Entscheidung, wer gegen Donald Trump antreten soll.

Es ist eine Mischung aus Schülerparlament und direkter Demokratie, und deshalb grundsympathisch. Die amerikanische Politik hat derzeit viele hässliche Seiten. Sie ist in der Ära Trump immer schriller und hasserfüllter geworden. In Iowa zeigt sich in diesen Tagen auf geradezu rührende Weise, dass es auch anders geht: Dass sich Kandidaten, die mit etwas Glück in anderthalb Jahren eine Weltmacht führen, um jeden einzelnen Wähler bemühen.

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